Der Begriff geistert inflationär durch den Möbelmarkt. Auch hier gibt es Trends, welche Stilrichtung, welche Design-Handschrift gerade besonders angesagt ist. Jede Möbelmesse bietet neue Klassiker. Manchmal sind sie frisch entworfen und das irreführende Etikett will nur Achtung erheischen und erprobte Zeitlosigkeit vortäu-schen. Klassiker im echten Sinne sind Entwürfe, die seit ihrer Entstehung mindestens zwei Jahrzehnte ununterbrochen produziert werden. Sie haben sich im Markt «durchgeschlagen» und ihr Hersteller steht zu ihnen, in guten wie in schlechten Zeiten.

Liebevolle Pflege

Die Hersteller, die Originale produzieren, also originalgetreue und legitimierte Nachbauten, tun dies meist seit langen Jahren. Sie pflegen den Mythos des Designers wie engagierte Enkel oder Urenkel und ziehen gegen Plagiate ins Feld. So mancher echte Klassiker stammt jedoch gar nicht vom Zeichentisch seines Meisters oder er lässt Ähnlichkeit vermissen. Alte Le-Corbusier-Sessel aus den 1930er Jahren überraschen mit quellenden, weichen Kissen im Stahlrohrgestell. Sofas sucht man aus dieser Zeit vergebens. In den 1960er Jahren jedoch arbeitete Charlotte Perriand, die zu «Corbus» Designer-Trio gehörte, an der Reedition mit und autorisierte Sofas und straffe Polster. Ab jetzt gibt es wahlweise auch wieder weiche Daunenkissen. Auf den Messen finden sich immer wieder neue Modelle, die «undatierten Skizzen» grosser Gestalter entstammen sollen, wohl besten Wissens und Gewissens umgesetzt. Es geht ums Branding und den heutigen Marktbedarf.

Griff ins Repertoire

Oft ist aufschlussreich, welche Modelle aus welchen Zeiten wieder ausgegraben werden. Auf die Swinging Sixties folgen nun die «vernünftigeren» Modelle der Moderne der 1970er Jahre: Der italienische Hersteller B & B lanciert «Bambole», 1973 von Mario Bellini entworfen, das Sitzmöbel, das nur aus Kissen zu bestehen scheint. Für alle, die nicht den Mut haben, das heutige futuristische Design zu erstehen, gibt es futuristische Klassiker, mit etablierten Namen, ganz und gar auf der sicheren Seite. Auch für den teuren Nachwuchs ist inzwischen gesorgt: Vitra hat den «Panton Chair» in Kids Size herausgebracht. Wie in der Mode fängt man heute auch beim Möbel schon früh mit dem richtigen Markenbewusstsein an.

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Weich und warm

Eine neue Klassikerliebe ist in den Wohnreportagen der internationalen Trendmagazine zu entdecken: Gefühlvolle, organische Möbelstücke, die vom Kunsttischler zu stammen scheinen. Meist sind sie aus naturfarbenen Hölzern, weich gerundet, mit Gurt- oder Fellbespannung, mit Leder oder Wollstoff bezogen. Gerade die skandinavischen Designer, die oft über handwerklichen Background verfügen und jahrzehntelang mit Herstellern zusammenarbeiten, bringen diese Qualität mit. Die skandinavischen Namen wie Jacobsen, Wegner, Wanscher, Fabricius und Kastholm sind Synonym für warme, wohlgeformte Möbel.

Ein italienischer Name steht für expressive Möbelskulpturen, körperhaft und ganz und gar weiblich inspiriert: Carlo Mollino. Er bewunderte die hoch elegante Mode-Silhouette der 1940er, 1950er Jahre. Er liebte es, in seinem Junggesellenstudio theatralische Aktfotos zu inszenieren. Eine kurvenreiche weibliche Rückansicht wurde beispielsweise ins dynamische Tischgestell «Arabesco» transferiert. Schwungvoll und körperhaft wirkt auch sein Backensessel von 1944, den es heute noch zu kaufen gibt. 1954 gewann übrigens ein von Mollino gestylter Rennwagen die legendären «24 Stunden» von Le Mans. Diesen Klassiker würde wohl jeder Sammler gerne in der Garage stehen haben. Das ist der Vorteil von Möbeln: Viele von ihnen gibt es heute noch, zu adäquaten Preisen und in gebrauchstüchtiger Ausführung.

 

 

Nachgefragt


«Auch Junge lieben Klassiker»

Wie hoch ist heute der Klassikeranteil an ihrer Produktion?

Peter Thonet: Ganz vorne liegen die Bauhaus-Modelle mit 15 %, dann folgen die Bugholzstühle mit zirka 5%. Da gibt es immer Wellenbewegungen von 10, 15 Jahren. Gerade jetzt steigt die Beliebtheit von Bugholz wieder.

Wer liebt die Klassiker?

Thonet: Das sind nicht nur alte Leute, denen die Möbel vertraut sind. Wir sehen viel junge Leute und auch Designer, denen die grosse formale Qualität gefällt.

Wie halten Sie es mit den technischen Verbesserungen?

Thonet: Auch Michael Thonet hat im Laufe der Zeit seine Stühle optimiert, beispielsweise für die Gastronomie Rohrgeflechtsitze durch Sperrholzsitze ersetzt oder zwischen Sitz und Rücken aus Stabilitätsgründen eine Stütze eingefügt.

Müssen Sie noch Entwerfer-Lizenzen zahlen?

Thonet: Ja, wir und die anderen Hersteller von Originalen. Für die Mart-Stam-Entwürfe zahlen wir beispielsweise jedes Jahr einen stattlichen Betrag an die Anthroposophische Gesellschaft in der Schweiz, die sein Erbe vertritt.