Sehr viele Hochschulabgänger der Wirtschaftswissenschaften orientieren sich im Bankenbereich nach dem weltweiten Finanzdebakel neu. Das überrascht nicht wirklich. Auch wenn bei den Grossbanken UBS und CS das Interesse jener Absolventen, die eine weltweite Karriere anstreben, weiter vorhanden ist, scheint der Vertrauensverlust noch längst nicht überstanden zu sein.

Das Interesse für die «global player» im Finanzmarkt ist deutlich gesunken. Ebenso gegenüber den amerikanischen Banken bzw. deren schweizerischen Niederlassungen, die von den US-Hauptsitzen ausgehend seit Beginn der Wirtschaftskrise weltweit für negative Schlagzeilen sorgten.

Spontanbewerbungen steigen an

Eine Umfrage der «Handelszeitung» bei Privatbanken, Raiffeisen sowie Kantonalbanken zeigt, dass man überall gegenüber den Vorjahren sehr wohl ein leichtes bis bemerkenswertes Ansteigen der Spontanbewerbungen von Hochschulabgängern registriert.

So freut sich Dirk Schmidt von der DZ Privatbank mit Sitz in Zürichs Altstadt über das wachsende Interesse von Absolventen der Wirtschaftswissenschaften. Das war bislang nicht so selbstverständlich, weil die DZ als Auslandsbank mit einem nicht sehr starken Brand nicht mit riesigen Karrieresprüngen punkten konnte. Der Bereichsleiter HR, Strategy & Communications führt die steigende Nachfrage jedoch nicht unbedingt nur auf das Sich-Abwenden von Grossbanken zurück: «Dies ist wohl ein Faktor unter vielen», betont er. Doch schätzen die Bewerber offenbar zunehmend kleinere Strukturen, weniger Produktabsatzdruck sowie den grösseren Entscheidungs- und Gestaltungsspielraum, argumentiert er.

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«Die Grossbanken haben hier derzeit wohl eher ein Manko, während wir als Privatbank der deutschen Volksbanken Raiffeisenban-ken sehr klar aufgestellt sind.» Die Gehaltsgefüge gleichen sich auch mehr an, ein weiteres Plus, das Dirk Schmidt zu folgender Prognose bringt: «Die Zeiten der riesigen Grossbanken sind erstmal vorbei. Der Wettbewerb um gute Mitarbeiter verlagert sich zunehmend auf andere Dimensionen, in denen auch wir und andere kleinere Banken punkten können.»

Von Raiffeisen Schweiz folgt ein ähnlich gelagerter Kommentar: Das Interesse von Hochschulabgängern an Raiffeisen sei weiter gestiegen, insbesondere sehr stark an dem neu aufgesetzten Trainee-Programm, dessen Ankündigung auf der Homepage umgehend zahlreiche Bewerbungen zur Folge hatte, sagt Jens Wiesenhütter, Berater Externe Kommunikation von Raiffeisen Schweiz in St. Gallen.

Unter den angefragten Schweizer Privatbanken herrscht Übereinstimmung bei der Feststellung: «Seit einigen Monaten erhalten wir mehr Spontanbewerbungen von Absolventen für Praktika oder für Funktionen im Rahmen des Graduate Programs», so Martin Somogyi von der Media Relations bei der Bank Julius Bär in Zürich. Bär führt im Rahmen des Graduate Program während des gesamten Jahres Rekrutierungen durch. Es gibt also keine fixen Termine für die Stellenbesetzungen.

Nicht alle Banken haben Bedarf

Doch nicht bei allen Privatbanken gibt es tatsächlich Stellen zu besetzen. Dies ergab beispielsweise die Nachfrage bei der Bank Sarasin in Zürich: Dort besteht momentan kein ausgewiesener Bedarf an Hochschulabgängern. Der Grund: Die Anforderungen an offene Positionen sind sehr selektiv und richten sich hauptsächlich an erfahrene sowie ausgewiesene Fach- und Führungskräfte. Nach Auskunft von Jürg Wiesmann vom Human Resources Development registriert man jedoch eine deutliche Zunahme spontaner Anfragen von Wirtschaftsabgängern. Er führt das darauf zurück, dass ein erfolgreiches Suchen dieser Absolventen vor allem nach befristeten- oder projektbezogenen Einsätzen in der letzten Zeit bei den Grossbanken nicht mehr allzu ertragreich sein dürfte. «Daher weichen die Anfragenden möglicherweise auch auf Institute unserer Grössenordnung aus», meint der HR-Verantwortliche. Warum die Hochschul- und Fachhochschulabgänger sich gerade bei der Bank Sarasin bewerben, dafür hat Jürg Wiesmann einige Erklärungen: Der ausgezeichnete Ruf des Finanzinstituts, der sich gerade in der aktuell schwierigen Zeit wieder bestätigt habe. Dann die Nachhaltigkeitsstrategie, die Sarasin in Kontinentaleuropa aufgebaut hat - mit der Folge, dass die Nachhaltigkeitsprodukte vielfach ausgezeichnet wurden. «Das scheint auch unseren Spontanbewerbern nicht entgangen zu sein.»

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Wenn sich Spontanbewerber an die Vontobel Holding in Zürich wenden, haben sie derzeit ebenfalls wenig Glück. «Für die Vontobel-Gruppe ist das Segment Hochschulabgänger nicht erste Prio- rität», lautet die knappe Auskunft von Jürg Stähelin, Head of Cor- porate Communications der renommierten Privatbank.

Dass sich Absolventen gerade in schwierigen Zeiten gerne bei Kantonalbanken bewerben, ist verständlich. Doch überrascht der Kommentar von Fabienne Frey, Fachspezialistin Personalentwicklung von der Basler Kantonalbank und der Bank Coop, der zeigt, wie gross das Interesse tatsächlich ist.

Coop oder Migros ziehen ebenso

Sie berichtet von extrem vielen Bewerbungen, wobei am meisten aus Deutschland und dem restlichen Europa stammen. Dabei ist momentan der Bedarf an Hochschulabgängern etwa bei der Basler Kantonalbank fast gedeckt: Von den insgesamt sieben Trainee-Stellen sind aktuell sechs besetzt. Den einzigen offenen Job gibt es derzeit im Bereich IT, Project & Application Management.

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Die Anfrage bei der Migros Bank in Zürich zum Thema Studenten beant- wortet Personalchef Christian Amstutz. Dieser betont gleich zu Beginn, dass für die Migros Bank die Absolventen der Fachhochschulen im Vordergrund stehen, wobei regelmässig Hochschulabgänger hinzukommen, jedoch unter einer Voraussetzung: «Wenn sich Hochschulabgänger für spezielle Bereiche, beispielsweise für Informatik, interessieren, können wir bei entsprechender Eignung und Motivation eine individuelle massgeschneiderte Laufbahn zusammenstellen.»

Als Alternative zu den Grossbanken ist das Finanzinstitut der Migros mit seinen rund 1500 Mitarbeitern für viele Bewerber in den vergangenen Monaten wesentlich attraktiver geworden. Das haben inzwischen auch andere Mitbewerber für sich festgestellt.