Die Schweiz soll klimaneutral werden. Was im vergangenen April an einer zweieinhalbtägigen Retraite mit Vertretern des Bundes, Umwelt- und Wirtschaftsorganisationen im bernischen Gerzensee als Idee lanciert wurde, konkretisiert sich. Wie Recherchen der «Handelszeitung» ergeben, erarbeitet das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) ein entsprechendes Konzept. Der gesamte CO2-Ausstoss in der Schweiz soll über den Emissionshandel kompensiert werden. Die Seco-Publikation «Die Volkswirtschaft» setzt in der Ausgabe von nächster Woche auf das Thema Emissionshandel und diskutiert die Idee der Klimaneutralität.

*Im Ausland kompensieren*
Auch beim Industrieverband Swissmem und bei Economiesuisse wird die Idee auf Hochtouren verfolgt. «Statt immer neue Lenkungsabgaben zu erheben und das Geld umzuverteilen, soll die Schweiz nach Ablauf der Kyoto-Vereinbarungen 2012 den Weg der Klimaneutralität einschlagen», fordert Walter Müller, Energieexperte bei Swissmem. Seine Begründung: Im Vergleich zum europäischen Ausland ist der Pro-Kopf-CO2-Ausstoss in der Schweiz gering (siehe Grafik).
Anders als dies im Klimabericht von Energieminister Moritz Leuenberger vorgesehen ist, soll die Kompensation zu einem grösseren Teil im Ausland erfolgen, über den Handel von Emissionszertifikaten. Leuenberger hat jüngst neue Klima-Abgaben vorgeschlagen, die helfen sollen, die CO2-Emissionen im Inland um 1,5% pro Jahr zu senken. Damit nimmt er in Kauf, dass die Maschinenindustrie «deutlich negativ» betroffen würde und «eine Verlagerung von der Industrie hin zu Dienstleistungsfirmen» zu erwarten sei. Ob dieser Aussichten ist Müller alarmiert. «Das ist Klimapolitik auf dem Buckel der Industrie.» Dabei gäbe es Lösungen, die effektiver seien.

*Milliardenmarkt für Wirtschaft*
Heute müsste die Schweiz für die 50 Mio t CO2, die sie pro Jahr ausstösst, 1 bis 1,5 Mrd Fr. bezahlen, wenn mit dem aktuellen Marktpreis von 20 bis 30 Fr. pro t CO2 gerechnet wird. «Investiert man das Geld in umweltfreundliche Technologien im Ausland, so kann bis zu zehn Mal mehr CO2 kompensiert werden, als wenn man denselben Betrag in der Schweiz einsetzen würde, um die Emissionen zu senken», stellt Seco-Chefökonom Aymo Brunetti fest. Insbesondere komme es dadurch zu einem «wertvollen Technologietransfer, der dringend notwendig ist in Anbetracht der massiven Emissionszunahmen industrialisierter Entwicklungsländer». Er spricht sich dafür aus, die Klimapolitik nicht nur national, sondern auch global zu betrachten (siehe auch «Handelszeitung» Nr. 34 vom 22. August 2007). Davon könnten indirekt auch innovative Schweizer Unternehmen profitieren, die umweltfreundliche Technologien entwickeln. Urs Näf, Energie-Experte bei Economiesuisse, spricht sogar von einem Milliardenmarkt, der entstehen würde. Die Wirtschaft ist deshalb gewillt, das Konzept zusammen mit der Verwaltung weiter zu entwickeln.
Das Geld für die Reduktionsmassnahmen käme, so schlägt Müller von Swissmem vor, primär aus einer Zweckbindung der heutigen CO2-Abgabe und einer Erhöhung des Klimarappens.

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