Spätestens seit der Dokumentarfilm «Eine unbequeme Wahrheit» über Al Gores Klimakampagne ganzen Schulklassen gezeigt wird, gilt der Klimawandel in breiten Bevölkerungskreisen als unumstössliche Tatsache. Wirtschaft und Politik, zuvor lange Zeit untätig, überbieten sich inzwischen mit immer neuen Initiativen, um die drohend an der Wand stehenden Untergangsszenarien abzuwenden.

Erwärmung als Vorteil?

Allerdings herrscht unter Wissenschaftern und Experten längst nicht in allen Fragen der Klimaveränderung Einigkeit. Kaum jemand bezweifelt zwar den Umstand, dass die globalen Durchschnittstemperaturen seit rund 150 Jahren am Steigen sind. Die Meinungen über das Ausmass und die Gründe für die Klimaerwärmung gehen aber auseinander. Auch wird immer wieder bezweifelt, dass die Erwärmung aufgrund menschlicher Aktivitäten zustande kommt – und ob sie demzufolge durch menschliche Eingriffe abgeschwächt oder gar verhindert werden kann.

Andere kritische Stimmen bestreiten, dass die Erwärmung ein Nachteil sein muss und heben gar die Vorteile eines wärmeren Klimas hervor – etwa die Möglichkeit für eine Erhöhung der Lebensmittelproduktion dank mehr Sonne und milderen Wintern. Die oft skizzierten Katastrophenszena- rien wie zum Beispiel abschmelzende Polkappen oder überflutete Küstenregionen bezeichnen diese Kritiker als reine Panikmache.

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Auftritt der Skeptiker

Am kommenden Climate Forum in Thun werden zwei Galionsfiguren der Klimaskeptiker ihre Argumente darlegen. Der Politikwissenschaftler und Statistiker Bjørn Lomborg ist ein junger, smarter Akademiker, der mit seiner Kritik an der Klimawandel-Diskussion seit Jahren für Aufsehen sorgt. Für viele Grüne ist er damit zu einem roten Tuch geworden, dabei ist seine Stimme längst nicht die harscheste im Chor der Kritiker. Lomborg akzeptiert den Klimawandel als Tatsache, doch hält er ihn nicht für das drohende Ende der Menschheit. Zwar muss laut Lomborg etwas gegen den Klimawandel unternommen werden. Doch müsse das nicht sofort geschehen, denn die Welt habe dringendere Probleme, die zuerst zu lösen seien. So leben noch immer 3 Mrd Menschen ohne sauberes Trinkwasser und genügende sanitäre Einrichtungen. Mangelernährung und Krankheiten werden in diesem Jahrhundert gemäss Lomborg viel mehr Menschen umbringen als die Klimaerwärmung. Die enormen, für die Bekämpfung des Klimawandels vorgesehen Ressourcen würden darum besser im Kampf gegen diese Bedrohungen eingesetzt. Für ein solches Vorgehen spreche auch, dass sich das Klima selbst mit immensen Summen nur minimal beeinflussen lasse.

Eine extremere Position als Lomborg vertritt der zweite am Climate Forum vertretene Klimaskeptiker, der tschechische Staatspräsident und Wirtschaftswissenschafter Václav Klaus. Er hält die festgestellte Erwärmung der Erde für vernachlässigbar gering. Die in Umlauf gebrachten Katastrophenszenarien basieren laut Klaus zudem auf äusserst spekulativen Vorhersagen und können darum keine Grundlage für eine vernunftorientierte Politik sein. Die Debatte über die globale Erwärmung bezeichnete er in einem Interview als «unfair und irrational».

Die Daten sind klar

Hunderte von Wissenschaftern sehen die Klimaerwärmung allerdings für eine grosse Gefahr. Sie halten den Skeptikern entgegen, dass die Daten eine klare Sprache sprechen. Die meisten Wissenschafter sind davon überzeugt, dass Gegenmassnahmen zwingend nötig seien – und erfolgsversprechend.

Die Klimaschützer haben im ehemaligen US-Vizepräsidenten Al Gore ihren Säulenheiligen gefunden. Neben Gore gibt es auch eine Reihe von Wissenschaftern und diverse Vertreter internationaler Organisationen, die ihre Stimmen warnend erheben. Für viel Aufsehen sorgte etwa der in Thun ebenfalls anwesende Nicholas Stern, der vormalige Chefökonom der Weltbank. Sein im Jahr 2006 vorgelegter «Stern-Report» machte ihn innert kurzer Zeit zu einem begehrten Redner auf dem internationalen Parkett.

Klimaschock als Geldquelle

Der für die britische Regierung erstellte Bericht konzentriert sich auf die wirtschaftlichen Aspekte des Klimawandels. Zwar stellt Stern düstere Prognosen über die Folgen des Klimawandels auf. Doch ermutigend an seiner Studie ist, dass sich seiner Meinung nach der Treibhauseffekt mit dem Einsatz geeigneter Mittel markant abschwächen lässt. Würde 1% des weltweiten Bruttosozialprodukts in den Klimaschutz investiert, könnte nach Berechnungen Sterns bis 2050 ein Gewinn von 2500 Mrd Dollar resultieren. Klimaschutz wäre also ein hervorragendes Geschäft und würde damit – ein entscheidender Punkt – das Interesse der globalen Wirtschaft wecken.


Lesen Sie dazu auch das Interview mit dem Klimaforscher .