Für Martin Kamber ist klar: «Der Klimawandel führt eindeutig zu höheren Elementarschäden an Gebäuden.» Der stellvertretende Direktor des Interkantonalen Rückversicherungsverbands (IRV) in Bern muss es wissen. Denn, wo die kantonalen Gebäudeversicherungen (KGV) mit der finanziellen Deckung von Folgeschäden aus Naturereignissen überfordert sind, muss der IRV nachhelfen.

Dieses Szenario ist in den letzten Jahren in gehäufter Form aufgetreten. Nicht unbedingt, weil die Zahl der Schadensfälle zugenommen habe, sagt Kamber, «sondern weil die Ereignisse immer heftiger werden». Beste Beispiele sind die Hochwasserkatastrophen von 1999 im Berner Matte-Quartier und 2005 bei Interlaken. Mit Elementarschäden von 1,2 Mrd Fr. respektive 890 Mio Fr. übertrafen die beiden Jahre den Durchschnittswert einer entsprechenden Statistik, gemessen ab 1981, um das Fünf- bis Zehnfache.

Die Region Bern wurde in den letzten Jahren besonders hart getroffen. Dort sei die Schadenbelastung an Gebäuden seit den 1970er Jahren im Verhältnis zum versicherten Kapital um rund 50% auf 150 Mio Fr. pro Jahr gestiegen, wie Ueli Winzenried von der Geschäftsleitung der Gebäudeversicherung Bern (GVB) erklärt. Ein ähnliches Wachstum von Elementarschäden, auf einem geringeren Niveau, verzeichnen auch andere kantonale Gebäudeversicherungen wie etwa die Gebäudever-sicherungsanstalt des Kantons St. Gallen (GVA).

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Die Zunahme in Bern sei vor allem durch Hochwasser, Hagel und Stürme verursacht worden, sagt Winzenried. Mittlerweilen ist die durchschnittliche Belastung durch Elementarschäden sogar höher als jene durch Feuer, was einer Trendwende in der 200-jährigen GVB-Geschichte darstellt. Diese Entwicklung dürfte sich in den kommenden zehn Jahren noch akzentuieren, weil eine Häufung von Hochwasserschäden wie in Interlaken und Bern erwartet wird.


Die Risiken minimieren

Um sich vor finanziellen Mehrbelastungen zu schützen, haben die kantonalen Gebäudeversicherungen (KGV) zusammen mit dem IRV vor Jahren eine interkantonale Risikogemeinschaft Elementar (IRG) gegründet. Sobald der in einem Jahr kumulierte Elementarschaden einer KGV eine bestimmte Höhe überschreitet, wird die Mehrbelastung solidarisch auf die übrigen KGV sowie den IRV aufgeteilt. Kamber erklärt: «Diese Solidarität im Katastrophenfall sorgt für einen sinnvollen Einsatz der vorhandenen Mittel und verhindert, dass teure Rückversicherungsprämien aus dem System der KGV abgeführt werden.»

Um Katastrophenfälle einzudämmen, haben die KGV und IRV überdies eine Präventionsstiftung gegründet. Diese fördert Projekte, welche sich mit einem gebäudebezogenen Risikomanagement auseinandersetzen. Dabei werden Baumaterialen auf ihre Widerstandsfähigkeit, etwa bei Hagel, untersucht. «Das erlaubt uns versicherungstechnische Massnahmen wie etwa höhere Prämien oder Selbstbehalte bei der Verwendung bestimmter Baumaterialien», sagt Kamber.


«Planen müssen die Ingenieure»

Darauf pocht zum Beispiel auch Werner Gächter, Direktor der
Gebäudeversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen. «Die höheren Schadensummen pro Ereignis haben nicht nur mit dem Klimawandel, sondern auch mit menschlichem Versagen zu tun», so seine These. Bodenverdichtungen in der Intensiv-Landwirtschaft sowie Asphaltierungen von Strassen und Plätzen würden dem Wasser die Versickerungsgrundlage nehmen. «Auch heutige Bauweisen mit modernen Materialien an Gebäudehüllen sind schadenanfälliger gegenüber Wind und Wetter», kritisiert Gächter.

Beim Schweizerischen Bau-meisterverband (SBV) weiss man um die Problematik, speziell im Strassenbau. «Bei häufiger auftretenden Temperaturen über 30 °C nutzt sich ein Belag schneller ab, was zu kostenintensiven Renovationen führt», sagt Vizedirektor Martin Fehle. Die Verantwortung für die Wahl der richtigen Materialien weist der SBV jedoch zurück. Fehle: «Planen müssen die Ingenieure und Architekten, wir sind nur das ausführende Organ.» Ins Geld gehen laut Fehle auch die für jeden Kanton unterschiedlichen Regelungen und Bauvorschriften. Das ziehe, auch bei identischen klimatischen Voraussetzungen, für Neubauten in jedem Kanton unzählige separate und teure Ausschreibungen nach sich. Diese für ihn unnötigen Administrativkosten gingen für die ganze Baubranche ebenfalls in die Millionen.

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Schwerwiegende Szenarien für den Schweizer Wintertourismus

Neben den Gebäudeversicherern und der Baubranche ist mit dem Wintertourismus eine dritte Branche in der Schweiz wesentlich vom Klimawandel betroffen. Die Studie «Klimaänderung und Tourismus im Berner Oberland», herausgegeben vom Forschungsinstitut für Freizeit und Tourismus (Fif) der Universität Bern, prophezeit im Falle eines Worst-Case-Szenarios eine Verschiebung der Schneefallgrenze in der Region um 250 Höhenmeter bis ins Jahr 2030.

Gemäss Professor und Fif-Leiter Hansruedi Müller wäre der alpine Wintertourismus im Voralpengebiet und in der Zentralschweiz sogar noch härter betroffen, und teilweise lediglich noch die Hälfte der heutigen Skigebiete könnte weiter betrieben werden (siehe Tabelle unten).

Für den Tourismus gibt es gemäss Müller Auswege, um die in Zukunft drohenden milliardenhohen Verluste einzudäm-men: Erstens den Wintersport sichern, indem Schneekanonen aufgestellt werden. Zweitens müssten Bergdestinationen in den Sommertourismus diversifizieren.

Drittens nennt der Tourismusexperte Müller die Verminderungsstrategie. «Der Tourismus sollte alles daran setzen, dass der Klimawandel so schnell und extrem gar nicht erst stattfindet.» Die Kohlendioxid-Emissionen müssten reduziert und die CO2-Effizienz gesteigert werden. Kompensationen seien der richtige Weg dazu.

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Nachgefragt

Ueli Winzenried, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Gebäudeversicherung Bern: «Prävention und Beratung sind unsere Kernaufgaben»


Der Klimawandel bringt Naturkatastrophen. Wie schützt sich die Gebäudeversicherung Bern (GVB)?

Ueli Winzenried: Gegen den Klimawandel gibt es leider kein Patentrezept. Nur die Folgen daraus lassen sich versichern. Die Gebäudeschäden werden von den Gebäudeversicherungen mit Obligatorium und Monopol unbeschränkt getragen – ein Kuriosum in der Versicherungslandschaft, wo Deckungseinschränkungen immer häufiger sind.


Welche Präventions-Massnahmen können Sie denn zum Schutz vor grossen finanziellen Belastungen treffen?

Winzenried: Die Prävention von Elementarschäden wird auf breiter Front angegangen. Dazu gehören Massnahmen wie baulicher Objektschutz, Gefahrenkarten, Schutzvorrichtungen bei Gewässern etc. Die Beratung auf diesem Gebiet wird zur Kernaufgabe.


Die Schadensummen steigen trotzdem. Wie stark können Sie sich auf Rückversicherer wie den Interkantonalen Rückversicherungsverband (IRV) verlassen?

Winzenried: Wo die Prämieneinnahmen der GVB nicht mehr für die Schadenzahlungen ausreichen, gibt sie einen Teil ihres Risikos dem IRV weiter. Der Schutz durch den IRV fängt also dort an, wo derjenige der kantonalen Gebäudeversicherungen aufhört. Der IRV ist kein gewöhnlicher Rückversicherer.


Das heisst?

Winzenried: Ein Teil des Risikos zeichnet er selber, für den Rest sichert er sich auf dem Rückversicherungsmarkt ab. Im Katastrophenfall kommt zusätzlich die Interkantonale Risikogemeinschaft Elementar (IRG) zum Tragen.


Müssen Gebäudeversicherer wegen des Klimawandels das gesamte Geschäftsmodell überdenken?

Winzenried: Nein. Die GVB funktioniert nach dem System «Sichern und versichern». Die unbeschränkte Haftung der GVB für Feuer- und Elementarschäden ist einzigartig und setzt voraus, dass sich die finanziellen Unternehmensziele an der langfristigen und nachhaltigen Steigerung der Risikofähigkeit orientieren.


In welchem Bereich setzen Sie besondere Akzente?

Winzenried: Die GVB investiert jährlich rund 30 Mio Fr. oder rund 16% ihrer Prämieneinnahmen in die Prävention. Flächendeckende Versicherungsmodelle (Obligatorium und Monopol) mit Solidarität sind anderen Modellen in Bezug auf Preis/Leistung überlegen.


Mit welchen Konsequenzen?

Winzenried: Daraus resultiert, dass die Prämien in den Kantonen mit Gebäudeversicherung wesentlich tiefer sind als im freien Markt. Der genossenschaftliche Gedanke und die Solidarität bei flächendeckenden Versicherungsmodellen haben sich bewährt, zum Nutzen für die Kunden. Ein weiterer Vorteil unseres Geschäftsmodells: Das Kapital bleibt im System und fliesst nicht ab, etwa an Aktionäre oder für Akquisitionen. Dies bedeutet Schutz und Sicherheit für die Kunden.