Die International Financial Reporting Standards (IFRS) sind in aller Munde. In der Schweiz müssen alle Gesellschaften, die weiterhin am Hauptsegment der SWX Swiss Exchange kotiert bleiben wollen, ihre Rechnungslegung seit Jahresanfang 2005 nach diesem Standard ausrichten. Einzige Alternative ist die Berichterstattung nach US-GAAP. Die gleichen Tendenzen finden sich in der Europäischen Union: Bei kapitalmarktorientierten Unternehmen ist für Geschäftsjahre ab dem 1. Januar 2005 nur noch eine IFRS-Rechnungslegung zugelassen. Dazu wollen die meisten EU-Länder von der Option gemäss EU-IAS-Verordnung Gebrauch machen, auch allen anderen Unternehmen die Anwendung der IFRS ­sogar im Einzelabschluss ­zu gestatten. In solchen Fällen wird für die Zukunft auch ein Einfluss auf die Kreditratings erwartet.

Wie reagieren aber Schweizer Unternehmen ohne Börsenkotierung auf den Trend? Für privat kapitalisierte Firmen sind kaum zuverlässige Angaben verfügbar. Im Auftrag von BDO Visura hat das Institut für Rechnungswesen und Controlling der Universität Zürich unter Leitung von Prof. Conrad Meyer 328 grössere nicht kotierte Gesellschaften über den Stand ihrer Rechnungslegung befragt. Kernpunkte der Umfrage bildeten einerseits der Istzustand; insbesondere interessierte aber anschliessend, welches die Pläne der Unternehmen für die nächsten Jahre sind, wie sie zu den IFRS-Normen stehen und welches ihre Haltung zu all-fälligen separaten KMU-Standards ist.

Mit dieser Studie liegen in der Schweiz -­ soweit bekannt -­ erstmals aussagekräftige Ergebnisse über die Rechnungslegung nicht publizitätspflichtiger Unternehmen vor. Untersucht wurden solche Unternehmen, die zuletzt einen Nettoumsatz von mindestens 75 Mio Fr. erzielt haben, weder von anderen Unternehmen noch vom Staat beherrscht werden und weder der Finanzdienstleistungs- noch der Beratungsbranche angehören. Eine Rücklaufquote der Fragebögen von 36% (118 Unternehmen) steht für die Repräsentativität der Ergebnisse.

Erstaunlich ist die Tatsache, dass sehr viele Unternehmen ­ nämlich knapp die Hälfte ­ bei den Konzern- und Einzelabschlüssen die Jahresrechnung nur nach den minimalen obligationenrechtlichen Bestimmungen (OR) erstellen. Erst ein knappes Viertel (23%) befolgt die IFRS, während knapp ein Drittel (30%) die Swiss GAAP FER anwendet. Im befragten Segment der Wirtschaft sind die Swiss GAAP FER somit weiter verbreitet als die IFRS. Bei den Einzelabschlüssen alleine betrachtet gelten die rudimentären OR-Vorschriften in nicht weniger als 83% aller Fälle. Der Swiss-GAAP-FER-Einzelabschluss ist mit nur 4% praktisch nicht vertreten, obwohl dieser Standard nun schon seit einigen Jahren in Kraft ist, und auch IFRS-Einzelabschlüsse gibt es praktisch keine. Bei den Konzernabschlüssen ist das Bild ausgeglichener: Hier rechnen 38% der Gesellschaften nach OR ab, 36% nach Swiss GAAP FER und 26% nach IFRS. Mit zunehmender Unternehmensgrösse werden die IFRS vermehrt angewendet, ebenso bei grösserem Anteil des im Ausland erzielten Umsatzes. Veröffentlicht wird die Rechnungslegung von 27% der Unternehmen (meist als Drucksache, zum Teil aber auch im Internet). Allerdings richtet sie sich nicht an die Öffentlichkeit, sondern dient primär ­ in abnehmender Folge ­ zur Rechenschaft gegenüber den Aktionären bzw. Gesellschaftern, zur Information der Banken und/oder als Führungsinstrument.

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Eine Mehrzahl der Unternehmen erachtet eine Reihe von Entwicklungen wahrscheinlich, die auch in der Schweiz einen IFRS-Trend begünstigen: Kreditratings unter Basel II, das IFRS-Gebot im SWX-Hauptsegment, der IFRS-Konsens in der EU, das in Vorbereitung befindliche Rechnungslegungsgesetz. In welcher Phase einer möglichen Umstellung befinden sich nun jene Unternehmen, welche die IFRS nicht bereits anwenden? Hier haben sich 38% aktiv gegen eine IFRS-Umstellung entschieden, während 15% eine Umstellung erwägen, haben indes noch keinen definitiven Entscheid gefällt (bei weiteren 2% ist der Entscheid pro IFRS gefallen) und 45% sich mit der Frage noch nicht auseinander gesetzt.

Vor- und Nachteile

Ganz oben auf der Liste der Argumente pro IFRS steht die erleichterte Kommunikation mit Investoren und Kreditgebern; der Nutzen daraus übertrifft regelmässig die Erwartungen. Als zweitwichtigstes Argument wird die verbesserte Vergleichbarkeit des eigenen Unternehmens mit den Mitbewerbern genannt. Dazu begünstigen die IFRS die Kooperations- und Integrationsfähigkeit der Unternehmen und erleichtern die Kommunikation innerhalb des Unternehmens. Dass die Unternehmenssteuerung verbessert und die Finanzierung verbilligt werden können, wird ebenfalls meist erst nach einer Umstellung deutlich. Mit Bezug auf die Wettbewerbsposition wird den IFRS aber kein Vorteil attestiert.

Als nachteilig bei Anwendung der IFRS erachtet eine besonders grosse Mehrheit vor allem ein Missverhältnis von Kosten und Nutzen. Fast ebenso viele sind der Ansicht, die Standards seien in erster Linie für kapitalmarktorientierte Unternehmen konzipiert. Dass eine aktive Bilanzpolitik unter IFRS kaum mehr möglich ist, namentlich keine stillen Reserven zur Ergebniskontinuität gebildet werden können, wird ebenfalls mit Mehrheit angeführt.

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Je nach Unternehmensgrösse und Anteil des Ausland-Umsatzes verursacht die IFRS-Umstellung laut den Betroffenen einmalige Kosten von 100000 bis 500000 Fr. Die bedeutendsten Kosten entstehen demnach mit der Erarbeitung eines Accounting Manuals und der Weiterbildung der Mitarbeitenden; sie übersteigen in der Regel den zu Beginn budgetierten Betrag. Hohe, indes weitgehend budgetierbare Kosten entstehen sodann durch notwendige Bilanzierungs- und Bewertungsmassnahmen sowie Anpassungen bei der Informatik und beim Berichtswesen.

Dritter Weg

Wie steht es neben IFRS und Swiss GAAP FER mit einem dritten Weg, nämlich internationalen Standards speziell für KMU? Der IASB, Herausgeber der IFRS, hat diesen Weg eingeschlagen und rechnet nach einer ersten Vernehmlassung mit weltweiter Unterstützung. Der Kreis der betreffenden Unternehmen soll (und kann) nicht anhand quantitativer Merkmale umschrieben werden, sondern anknüpfend an das Kriterium «public accountability» (keine KMU-Standards für Unternehmen von öffentlichem Interesse).

Vorschreiben kann der IASB diese Standards ebenso wenig wie die IFRS. Erwartet werden darin vor allem Erleichterungen bei der Offenlegung; bei der Bilanzierung sollen keine, bei der Bewertung eher punktuelle Abstriche gemacht werden. Der offizielle Entwurf der Standards ist für die zweite Jahreshälfte angekündigt. Ob es sinnvoll ist, dass dieselbe Organisation, welche jahrelang für eine weltweite Akzeptanz ihrer Normen gekämpft hat, nun «IFRS-light» herausgeben will, die das Image der Standards verwässern könnten, ist diskutabel. Heute sind IFRS eine anerkannte Qualitätsnorm; sie sollte man weiterpflegen und nicht mit einer verkürzten Version eine Art «Expectation gap» riskieren.

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Kern-FER

Es ist nicht zu erwarten, dass Swiss GAAP FER auf einen Kreis kleiner oder national tätiger Unternehmen zurückgedrängt werden: 79% der befragten Unternehmen sind der Meinung, dass in übersichtlichen und wenig komplexen Verhältnissen die Swiss GAAP FER mit den IFRS verglichen werden können. Es wird keine markante Differenz zwischen den bevorstehenden IASB-Standards für KMU und den Swiss GAAP FER erwartet. Und beinahe 70% sind der Überzeugung, dass diese für kleine und mittelgrosse Unternehmen das richtige Werkzeug sind. Mehr als die Hälfte der Befragten bestätigt, dass diese mit der anstehenden Überarbeitung auf dem richtigen Weg sind.

Die Fachkommission FER hat entschieden, dass die Swiss GAAP FER einer grundlegenden Überarbeitung unterzogen werden. Im Mittelpunkt steht die Erarbeitung eines Rahmenkonzepts, auf Grund dessen konsistente Spezialregelungen entwickelt werden sollen. Es bildet zudem eine Orientierungshilfe für Anwender bei der Lösung von Problemen, die in den einzelnen Standards nicht behandelt sind. Im Weiteren sind die bestehenden Regelungen zu überarbeiten, soweit sie veraltet, widersprüchlich oder inkonsistent sind. Auf dem Rahmenkonzept werden neu so genannte Kern-FER aufgebaut. Hierbei handelt es sich um einzelne Standards für zentrale Themen wie Gliederung, Bewertung und Anhang. Dazu kommen Best-Practice-Standards zu bedeutenden Spezialthemen wie Leasing, immaterielle Werte oder Impairment. Die Anwendung soll auf den «Kundenkreis» ausgerichtet werden: Kotierte Unternehmen, mittelgrosse Gesellschaften sowie kleine Konzerne haben das gesamte Regelwerk einzuhalten, während kleine Gesellschaften sich auf das Framework und die Kern-FER konzentrieren können. Wie bei den IFRS stellt sich auch hier die Frage, ob diese Zweiteilung nicht zu einer Verwässerung führt.

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Die Vernehmlassung fand im vergangenen Herbst statt. Die Fachkommission hat vor kurzem unter Anpassung einiger weniger Formulierungen das Rahmenkonzept für Jahresabschlüsse betreffend die Geschäftsjahre, beginnend am 1. Januar 2006, in Kraft gesetzt. Im Rahmenkonzept sind die Grundsätze der Rechnungslegung nach Swiss GAAP FER festgehalten:

- Was in einzelnen Standards noch nicht explizit geregelt ist, wird durch die Bestimmungen des Rahmenkonzepts abgedeckt.

Dieses regelt ferner Fragen wie die Gliederung des Geschäftsberichts, die Grundlagen der Jahresrechnung oder die qualitativen Anforderungen. Es enthält auch Definitionen von Aktiven, Passiven, Erträgen, Aufwendungen und Erfolg. Im Falle einer erstmaligen Anwendung von Swiss GAAP FER schreibt das Rahmenkonzept vor, dass die Angaben des Berichtsjahres vollumfänglich in Übereinstimmung mit den Normen sein müssen, dass dies aber bezüglich des Vorjahres nur für die Vorjahresbilanz gilt (nicht aber für die Erfolgsrechnung oder die Geldflussrechnung). Dabei handelt es sich ­ mit Bezug auf neue Anwendergruppen ­ um ein bewusst pragmatisches Vorgehen. Die Gesamtüberarbeitung der einzelnen Standards wurde bereits in Angriff genommen.

Eine Überarbeitung muss unter anderem wohl auch der Standard Nr. 16 über Vorsorgeverpflichtungen über sich ergehen lassen. Mit der Änderung des BVG vom Juni 2004 (insbesondere Art. 65d BVG), die am 1. Januar in Kraft gesetzt wurde, ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Unternehmung im Falle einer Unterdeckung Sanierungsleistungen erbringen muss, markant gestiegen. Im Rahmen des BVG-Obligatoriums handelt es sich nun eindeutig um eine gesetzliche Verpflichtung (und nicht nur um eine «constructive obligation»), denn der Arbeitgeber kann aufgrund der neuen Gesetzesbestimmungen zu Sanierungsleistungen verpflichtet sein.

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Die rund 70-seitige Studie «Rechnungslegung mittelgrosser Unternehmen» eignet sich gut als Ausgangspunkt zur Überprüfung der eigenen Strategie. Sie ist als Download unter www.bdo.ch verfügbar. Angaben zu den laufenden Arbeiten der Fachkommission FER können der Homepage www.fer.ch entnommen werden.

Hansjörg Stöckli, dipl. Wirtschaftsprüfer, Produktbereichsleiter Wirtschaftsprüfung, Partner und GL-Mitglied, BDO Visura, Solothurn.