Wie oft werden Sie mit Pierin Vincenz, dem CEO der Raiffeisen-Gruppe, verwechselt?

Alois Vinzens: Es ist im Online-Newsbereich schon passiert, dass ich auf einen Artikel stosse, der mein Bild zeigt, die Geschichte aber von Pierin Vincenz handelt (lacht). Das ist aber nicht weiter tragisch. Wir pflegen einen guten Kontakt unter Bankern und uns verbindet ja auch der Heimatkanton.

Und dennoch ist der Raiffeisen-CEO einer Ihrer grössten Kritiker. So fordert dieser die Abschaffung der Staatsgarantie.

Vinzens: Die Staatsgarantie ist eine Eigentümergarantie und gehört traditionell zum Geschäftsmodell einer Kantonalbank. Sie wird von unseren Kunden geschätzt und von der Bevölkerung getragen. Die Kritiker übersehen, dass die meisten Kantonalbanken ihre Staatsgarantie über die Gewinnausschüttung hinaus mit einer Risikokomponente abgelten müssen.

Vincenz kritisiert aber vor allem, dass durch die Erhöhung des Einlegerschutzes sich die Staatsgarantie als überflüssig erweist. So diene die Garantie ausschliesslich einer günstigeren Refinanzierung, was zu einer Wettbewerbsverzerrung führe.

Vinzens: Ein allfälliger Refinanzierungsvorteil würde ohnehin nur bei Kapitalmarkttransaktionen entstehen, wie beispielsweise bei der Emission eigener Anleihen. Dieser wird aber durch die Abgeltung der Staatsgarantie aufgewogen.

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Also besteht keine Wettbewerbsverzerrung?

Vinzens: Das Argument einer Wettbewerbsverzerrung wird stark strapaziert. Der Wettbewerb wird durch viele Kriterien und unterschiedliche Bankmodelle geprägt. Der Kunde wählt primär das für ihn geeignete Geschäftsmodell. Derzeit ist eine gewisse Präferenz zugunsten transparenter, national und regional geprägter Banken feststellbar. Wovon neben den Kantonalbanken wiederum auch Raiffeisen profitiert. Zudem hat gerade die Finanzkrise gezeigt, dass sich im Ernstfall nicht nur die Kantonalbanken auf eine Staatsgarantie berufen können.

Trotz Absage im Rahmen eines weiteren Konjunkturprogrammes erwägt die Sozialdemokratische Partei (SP) die Lancierung einer Initiative für mehr Bewegungsfreiheit der PostFinance. Ist die Schweiz auf eine solche Massnahme angewiesen?

Vinzens: Die politische Lancierung einer Postbank beziehungsweise Postbank light wird leider von populistischen Argumenten begleitet. Dabei wird insbesondere bei den KMU eine Kreditkrise herbeigeredet, die von den Banken verursacht sein soll. Fakt aber ist, dass nicht die KMU-Finanzierung das Problem darstellt, sondern vielmehr die Finanzierung der Grossfirmen, da dort Anleihen und Bankkredite in einem schwierigen Umfeld zu erneuern sind. Gerade die Kantonal- und Regionalbanken sitzen derzeit auf viel Liquidität, welche sie noch so gerne in die Wirtschaft investieren würden. Dies setzt aber voraus, dass Kredite nachgefragt werden und auch unter vertretbarem Risiko gesprochen werden können.

Argumentiert wird, dass durch eine erweiterte Geschäftstätigkeit von PostFinance die Kreditvergabe über Poststellen den Service Public erhöht.

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Vinzens: Ich sehe nicht ein, weshalb der Service Public mit einer Banklizenz für die Post finanziert werden soll. Der Bankenmarkt Schweiz funktioniert und ist gerade im Retailgeschäft gesättigt. Die Gleichung «Poststellen gegen Banklizenz» scheint mir deshalb sehr fragwürdig.

Trotz des übersättigten Retailmarkts hat auch die Graubündner Kantonalbank (GKB) im vergangenen Jahr rekordhohe Neukundengelder verzeichnet. Wie gehen Sie damit um?

Vinzens: Es ist unser Ziel, die neu gewonnenen Kunden langfristig an die Bank zu binden und von unserem Best-Service-Ansatz zu überzeugen. Dabei wollen wir unseren Kunden insbesondere unsere Unternehmenswerte näherbringen. Im weiteren sind wir daran, die Ressourcen bankweit auf das Wachstum abzustimmen.

Neben dem Verdauungsprozess haben Sie auch klare Ziele für die GKB formuliert. So sollen unter anderem die Kosten im Verhältnis zum Einkommen (Cost/Income-Ratio) reduziert werden.

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Vinzens: Unsere Ziele basieren allesamt auf einem mittel- bis langfristigen Zeithorizont. Messbare Fortschritte konnten wir über die letzten Jahre in der Marktbearbeitung, in der Markenpositionierung sowie auch im Risiko- und Qualitätsmanagement und in der Produktivität erzielen. Den Ertragsanteil im Anlagegeschäft wollen wir weiter erhöhen. Trotz bereits guter Cost/Income-Ratio sehen wir bei den Kosten noch weiteres Potenzial.

Beisst sich dies nicht mit dem Ziel, die gewonnenen Kunden langfristig halten zu können? So müssen wohl auch Sie in gewissen Bereichen den Personalbestand aufstocken, um dem vergangenen Ansturm gerecht zu werden?

Vinzens: Das ist richtig und entspricht genau unserer Strategie. An der Kundenfront werden wir in allen Geschäftsbereichen personell weiter wachsen, um den Kunden die bestmögliche Beratung zukommenzulassen. Auf der anderen Seite aber sehen wir gerade in den Verarbeitungsprozessen noch Rationalisierungspotenzial. Wir versuchen, unsere Ressourcen dorthin zu verlagern, wo Mehrwert geschaffen wird.

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Wie erfolgreich sind Sie bei der Personalsuche? Es zieht doch viele Bündner oftmals in die Grossstädte.

Vinzens: Graubünden ist ein schöner, aber auch spezieller Arbeitsort, vor allem für Banker. So ist der Finanzplatz und auch der Arbeitsmarkt begrenzt. Das hat durchaus seinen Vorteil. So verfügt die GKB über einen sehr loyalen Mitarbeiterstamm, der sich nicht so rasch von Konkurrenzunternehmen abwerben lässt. Der Nachteil liegt darin, dass der Arbeitsmarkt relativ eng ist. Gerade die Rekrutierung von Spezialisten stellt eine besondere Herausforderung dar.

Zieht es derzeit mehr gestrandete UBS- und CS-Banker in die schöne Bergwelt?

Vinzens: Wir haben durchaus mehr Bewerbungen auch von ausserhalb des Kantons Graubünden. Dies hängt mit den fortgeschrittenen Jobkürzungen auf dem Bankenplatz Schweiz zusammen. Trotzdem können wir aber nicht von einer Entspannung auf dem hiesigen Arbeitsmarkt sprechen. Es ist immer noch schwierig, in Graubünden qualifizierte Leute zu finden.

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Was unternehmen Sie, um dies zu ändern beziehungsweise doch noch an die nötigen Mitarbeiter zu gelangen? Schliesslich erwarten die Kunden bereits jetzt einen guten Service.

Vinzens: Primär investieren wir in den Nachwuchs und in die Ausbildung. Ein weiterer Fokus liegt zudem auf der Zurückgewinnung von qualifizierten Frauen, die die Bank beispielsweise infolge Mutterschaft verlassen haben. In diesem Zusammenhang bieten wir neue Teilzeitmodelle und massgeschneiderte Ausbildungsmöglichkeiten für Rückkehrerinnen an. Zusätzlich versuchen wir, ehemalige Mitarbeitende wieder für uns zu gewinnen. In die Hände spielt uns dabei unser Brand, der einen berechenbaren Arbeitgeber mit einem nachhaltigen Geschäftsmodell verspricht.

Die hohen Neukundengelderzuflüsse haben Sie nicht zuletzt den hiesigen Grossbanken und deren Negativschlagzeilen zu verdanken. Wie werden sich die positiven Quartalszahlen der CS auf Ihr Geschäft auswirken?

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Vinzens: Die Neukundenzuflüsse haben sich gegenüber dem Vorjahr verlangsamt. Der weitere Verlauf der Finanzkrise ist aber trotz positiver Tendenzen noch nicht abschätzbar. Gerade von der Kreditseite her drohen neue Risiken. Die finanzkrisenbedingte Migration von Kunden wird deshalb erst dann zum Erliegen kommen, wenn sich die Finanzsysteme nachhaltig stabilisieren. Unser Geschäftsmodell wird sich aber auch in einem gesunden Finanzsystem positiv weiterentwickeln und wachsen.

Hofft man da als Krisengewinner insgeheim auf eine langsame Genesung der angeschlagenen Finanzinstitute?

Vinzens: Dies wäre mit Sicherheit sehr dumm, denn letztendlich ist das gesamte Finanzsystem sehr eng vernetzt. Wir alle sind auf stabile Finanz- und Kapitalmärkte und ein funktionierendes Interbankengeschäft angewiesen. Die Ereignisse der letzten zwölf Monate zeigen dies überaus deutlich. Zudem ist ein gesundes Finanzsystem eine wichtige Voraussetzung für die realwirtschaftliche Erholung. Von der konjunkturellen Entwicklung sind alle Banken betroffen.

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Welchen Risiken ist derzeit die GKB besonders ausgesetzt?

Vinzens: Wir betreiben ein eher defensives Geschäftsmodell und konzentrieren uns auf Geschäfte, die wir verstehen. Wir verzichten dabei auf einen Eigenhandel und auf das Investment Banking. Dennoch liegt der Hauptfokus unseres Risikomanagements auf dem Kreditgeschäft und auf die Zinsrisiken unserer Bilanzstruktur. Zudem sind wir daran, die Marktrisiken auf unseren eigenen Anlagen zu limitieren. Wir sind darauf bedacht, unsere Risiken mit einer hohen Eigenkapitalquote abzusichern. Dabei nehmen wir eine entsprechende Überkapitalisierung in Kauf.