Die Innerschweizer geizen nicht mit Eigenlob. Die Innovationstransferstelle Zentralschweiz (ITZ) preist die mobile Türsprechanlage Immofon als Erfolgsstory. Mit einer «bahnbrechenden Idee» habe sich die Firma SRS Immofon bei der ITZ gemeldet. «ITZ vermittelte Partner und Unternehmen für Entwicklung und Realisation», heisst es auf der Homepage. Peter Fry, Erfinder von Immofon, spürte allerdings nichts davon. Die Stelle habe zwar versucht, Kontakte zu Hochschulen herauszuwürgen – aber ohne Erfolg. «Am Schluss habe ich nur Zeit vergeudet», sagt der SRS Immofon-Chef. «Entwickler und Finanzierung musste ich selber organisieren.»

Solche Pannen passen derzeit nicht in die Agenda des Bundesrates. Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann hat Mitte Juni die Innovation zur Waffe gegen die Euro-Krise erkoren. Firmen sollen leichter zu Krediten für die Innovationsförderung kommen. Zudem will der Volkswirtschaftsminister die Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Hochschulen vorantreiben. Bloss liegt in diesem Punkt vieles im Argen. Die Technologietransfer-Szene ist ein Dschungel von Netzwerken, Büros und Förderstellen bei Hochschulen, Bund, Kantonen und Privatwirtschaft. Sie überschneiden und konkurrenzieren sich. Das Angebot ist so verworren, dass viele Firmen gar nicht wissen, wo sie für Unterstützung anfragen sollen.

Der Bund hat den Handlungsbedarf inzwischen erkannt. Seinen wichtigsten Innovationsvermittler, die Kommission für Technologie und Innovation KTI, hat er verselbstständigt (siehe Kasten). Das neue Präsidium analysierte den Bereich Wissens-und Technologietransfer (WTT). Am 22. Juni wurden erste Entscheide gefällt. Jetzt laufen die Detailarbeiten. «Wir haben die Strategie des Wissens- und Technologietransfer-Supports revidiert und ein neues Konzept definiert», sagt KTI-Präsident Walter Steinlin.

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Wenig innovative Firmen

Heute lassen bis zu 80 Prozent der KMU mangels Ressourcen die Finger von Innovation. Und von den umgesetzten Neuentwicklungen bei den KMU stammen nur 5 Prozent aus Hochschulen, wie eine Umfrage in der Westschweiz zeigte. Ideen-Labors gibt es aber massenhaft. 1647 Forschungs- und Entwicklungsinstitute existieren. Entsprechend vielfältig sind die Schnittstellen zwischen Forschung und Wirtschaft.

«Industrieunternehmen sind interna­tional nur erfolgreich, wenn sie zu den innovativsten in ihren Segmenten gehören», sagt Hans Hess, Präsident des Industrieverbandes Swissmem. «Viele KMU finden sich in den heutigen Innovationsförderungstrukturen nicht zurecht.» Es brauche eine Vereinfachung des Systems, fordert er.

Die KTI-Strukturen sind tatsächlich in die Jahre gekommen. Im Zweiten Weltkrieg gründete der Bund die Kommission zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung. Die Gründerväter wollten in Konjunkturkrisen die Wettbewerbsfähigkeit der KMU fördern.

Laufend kamen neue Instrumente dazu, um die Hochschulen und die Wirtschaft näher zusammenzubringen. Mitte der 2000er-Jahre wurden Netzwerke für Wissens- und Technologietransfer (WTT-Konsortien) und für Forschung und Entwicklung (F&E-Konsortien) gegründet. Sie sind heute die ausführenden Organe der KTI. Die WTT-Konsortien wie die ITZ sind regionale Netzwerke, die bei den Firmen die KTI bekannt machen und die Bedürfnisse der Chefs in den Hochschulen einbringen sollen. Sie tragen skurrile Namen wie CH-Ost, W6 oder WKNW. Die schweizweiten F&E-Konsortien vermarkten die Erfindungen und Innovationen der Forscher in der Wirtschaft.

Die Netzwerke innerhalb der KTI sind in den letzten Jahren ohne grosse Koordination gewachsen und heute völlig unterschiedlich aufgestellt. Die Divergenzen können die verschiedenen Geschäftsstellenleiter teils nicht einmal selber erklären. «Untereinander herrscht Konkurrenzdenken», kommen mehrere Beteiligte zum Schluss. Auch die ungleiche Finanzierung sorgt intern für Argwohn. Die WTT-Konsortien arbeiten mit «à fonds perdu»-Vergütungen von mehreren Bundesstellen, die F&E-Stellen erhalten von der KTI einen erfolgsbasierten Bonus, der auf einem komplizierten Verteilschlüssel basiert. Von «Willkür» der KTI-Kommission ist die Rede. Sie muss die finanziellen Mittel für die eingereichten Projekte der Netzwerke und Firmen absegnen. Zum Teil seien Gelder an Konsortien vergütet worden, die nichts mit den Projekten zu tun hatten, aber thematisch besser passten. «Vieles lief nach dem Prinzip Säu-Häfeli, Säu-Deckeli», sagt eine involvierte Person.

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Innovations-Ramsch für KMU

Kein Wunder, hat das Audit, das die neue KTI-Führung letzten Dezember durchführen liess, Mängel aufgezeigt. Der Erfolg der verschiedenen Stellen variiere stark, die Effizienz lasse zu wünschen übrig, einige Netzwerke seien intransparent und funktionierten eher als Beraterbüros, denn als Vermittlungsstellen für KMU, sagen mehrere Personen, die mit dem Audit vertraut sind.

Auch ausserhalb der KTI wird Kritik laut. «Die WTT-Stellen wissen nicht, was die Unternehmen genau machen und benötigen», sagt Robert Lüdi, der Firmen auf der Suche nach den richtigen Innovationshelfern berät. Er befürchtet, dass viele Erfindungen der Hochschulen «unter der Hand» verteilt würden und dadurch immer dieselben Firmen profitierten, nämlich Start-ups und Spin-offs der Hochschulen. «Für die KMU bleibt so nur der Ramsch», sagt er. Sowieso seien die Hochschulen mehr am Publizieren interessiert als am Weitergeben von Innovation.

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Die neue KTI-Leitung versteht diese Kritik der Unternehmen. «Insbesondere weil diese Konkurrenten haben in Ländern, die zum Teil eine viel spendablere Praxis haben», sagt Walter Steinlin, der die Kommission seit letztem Sommer präsidiert. Das Schweizer System sei aber langfristig gesund, weil es den Wettbewerb nicht verzerre und die Eigeninitiative nicht im staatlichen Geldsegen ertränke.

Steinlin macht sich nun an den Umbau der WTT-Struktur. Das Audit habe «grundsätzlich eine positive Bilanz» ergeben. «Es hat aber auch, deutliches Verbesserungspotenzial gezeigt.»

KTI lanciert neues Konzept

Um den Dschungel zu lichten, will der KTI-Präsident eine Innovationsplattform schaffen, die den KMU alle Innovations-Mitspieler und Förderinstrumente vorstellt. «Das wird ein who is who und how is how der Forschung und Förderstellen», sagt er.

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Änderungen gibt es auch bei den Netzwerken. Die regionalen WTT-Konsortien will die KTI nicht mehr grundfinanzieren. «Wir werden nicht Organisationen, sondern Aktivitäten finanziell unterstützen», sagt Steinlin. So etwa Erstberatung zu ­Innovationsmöglichkeiten und Förderins­trumenten oder Info-Anlässe. Weiter ­unterstützt werden sollen thematische nationale Netzwerke mit breiten Themen (heutige F&E-Konsortien). «Wir setzen auf thematisch statt regional, um Doppelspurigkeiten zu vermeiden», sagt Steinlin. Viele regionale Projekte werden heute bereits vom Staatssekretariat für Wirtschaft und von Kantonen finanziert.

Für die WTT-Konsortien wird das wohl das Aus bedeuten. Laut Informationen der «Handelszeitung» müssen die heutigen Netzwerk-Teams sich neu bewerben. Zudem sollen Innovationsberater mit Industrieerfahrung und nicht mehr wie bisher mit Hochschulhintergrund die KMU bearbeiten, um bei Innovationsprojekten mitzumachen. Das will die KTI nicht bestätigen. «Wichtig ist, dass die besten, gut verankerten Leute eingesetzt werden, die gleichzeitig unabhängig von Partikulärinteressen agieren müssen», sagt Steinlin. Ausserdem will er die Netzwerke straffer führen als bis anhin.

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Der Swisscom-Manager, der zu 50 Prozent für die KTI arbeitet, lässt sich bis Ende 2011 Zeit, um die Details des neuen Konzepts zu erarbeiten und es auf Anfang 2013 in Kraft zu setzen. «Wir wollen den Leuten Zeit geben, sich an das neue WTT-Support-Konzept anzupassen», sagt er.

Daneben wird Steinlin intensiven Vertrauensaufbau bei KMU betreiben müssen. Türsprechanlage-Erfinder Fry wird bei den Technologietransferstellen nicht mehr so schnell anklopfen.