GESUNDHEITSWESEN. Die Versandapotheken mit den Krankenkassen sowie der Apothekerverband Pharmasuisse sind derzeit nicht gut aufeinander zu sprechen. Nebst den bisherigen Partnern – «Zur Rose» und der zu Galenica gehörenden MediService – holt der Krankenversicherer neu auch die Versandapotheke pharmadirect.ch ins Boot. «Und das Marktpotenzial für den Medikamentenversand ist noch lange nicht ausgeschöpft», sagt Helsana-Sprecher Rob Hartmans. Der Anteil der derzeit bei Helsana über den Versandhandel bezogenen Medikamente entspricht erst 40 Mio Fr. beziehungsweise 4,7%.

Das Übel begann vergangenes Jahr. Damals preschte Helsana vor: Der Krankenversicherer lancierte bei seinen Kunden eine Kampagne, das Medikament Sortis über die Versandapotheke Zur Rose zu beziehen. Das rief grossen Protest auf die Bühne. Doch fand das Bundesamt für Gesundheit (BAG) keine rechtlichen Einwände gegen dieses Vorgehen. Und deshalb baut Helsana nun den Medikamenten-Versandhandel weiter aus.

Apotheker kämpfen

Der Apothekerverband Pharmasuisse bekämpft den Medikamentenversand kategorisch und stützt sich dabei auf den Artikel 27 im Heilmittelgesetz. «Versandhandel ist demnach in der Schweiz verboten. Ausnahmen sind bewilligungspflichtig – schon daran ist ersichtlich, dass Versandhandel Risiken für den Patienten bedeuten kann», sagt Präsident Dominique Jordan. Der Versand sei überfordert, wenn es um Fragen wie den Support bei der richtigen Einnahme, Nebenwirkungen und unerwünschte Wechselwirkungen zwischen Medikamenten gehe. Nello Castelli, Mediensprecher von Santésuisse, schüttelt ob der Argumentation den Kopf. Denn nach eben dem zitierten Artikel 27 erhalten Versandhändler bei Einhaltung der Sicherheitsauflagen durchaus eine Bewilligung.

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Die «Zur Rose» (die notabene eine Bewilligung besitzt) bläst zum Gegenschlag. Sie will den Qualitätsvorwürfen mit einer Studie über das Patientenverhalten den Garaus machen. Ebenfalls wird die Versandapotheke laut Oberhänsli in absehbarer Zeit das mehrfach als falscher Anreiz kritisierte Entgeltmodell an die verschreibenden Ärzte ändern.

Experten rechnen damit, dass schweizweit mittelfristig bis 10% des Medikamentenvolumens über den Versandhandel abgewickelt werden können. Das Potenzial betrifft hauptsächlich rezeptpflichtige Medikamente zur Dauertherapie. Die Einsparungen wären nicht zu verachten.

Support von den Krankenkassen

«Die Medikamente sind im Versand rund 15% günstiger, weil in diesem Vertriebskanal die Taxen wegfallen und zusätzlich Rabatte möglich sind», sagt Walter Oberhänsli, CEO und Verwaltungsratspräsident der «Zur Rose». Deshalb unterstützen alle grossen Krankenversicherer den Medikamentenversand. So arbeiten auch CSS, Concordia, Groupe Mutuel, Sanitas und Swica meist mit Versandapotheken zusammen; allen voran mit den Marktführern «Zur Rose» und MediService. Die «Zur Rose» beliefert heute laut Oberhänsli 170000 Kundinnen und Kunden und hält damit 54% Marktanteil im Versandhandel. Die «Zur Rose» erwirtschaftete 2007 einen konsolidierten Umsatz von 521 Mio Fr., wobei 216 Mio Fr. auf den Medikamentenversand fielen. MediService betreut 100000 Kunden und machte 2006 einen Umsatz von 88 Mio Fr.

Die beiden Hauptakteure im Versandhandel verfolgen auf ihrem Wachstumskurs unterschiedliche Strategien. Die «Zur Rose» will vor allem in Deutschland ihre Versandaktivitäten ausdehnen. Daneben will «Zur-Rose»-Chef Oberhänsli nach dem O.K. des Bundesgerichtes zum Versandhandel in Freiburg und Genf auch in der Romandie wachsen.

Betreuung zu Hause ist im Trend

MediService setzt laut Philippe Milliet, Leiter Generaldirektion Santé bei Galenica, stark auf ein integriertes Angebot, das sogenannte Pharma Care. Dieses richtet sich vor allem an Schwerstkranke und Menschen mit seltenen Krankheiten.

Dabei erhalten die Patienten nicht nur per Post oder Kurier ihre Medikamente. Es steht ihnen auch ein Angebot von Therapieberatung und -begleitung durch medizinisches Fachpersonal vor Ort zu Verfügung. «Die Betreuung zu Hause ist stark im Trend und wird sich weiterentwickeln», ist Milliet überzeugt. Denn verglichen mit Heim- oder Spitalaufenthalten seien Modelle wie Pharma Care günstiger. Auch dieses Modell gräbt den Apothekern das Wasser ab.

Der Präsident des Krankenkassenverbands Santésuisse, Fritz Britt, über die Grenzen des Medikamentenvertriebs im Internet.

Wieso werden erst 4% der verkauften Medikamente über günstigere Versandapotheken vertrieben?

Fritz Britt: Die Versandapotheken machen gute Arbeit und verfügen auch über die notwendigen Qualitätssicherungsinstrumente. Aber der Medikamentenversand eignet sich nur für gewisse Patienten; vor allem für jene, die dauernd Medikamente benötigen.

Das Sparpotenzial könnte trotzdem besser ausgeschöpft werden, als es bisher wird.

Britt: Das Problem ist nicht so sehr der Vertriebskanal. Zu den hohen Medikamentenpreisen in der Schweiz kommen vergleichsweise hohe Vetriebsmargen dazu. Zudem werden nur in den wenigsten Fällen die teils erheblichen Rabatte an den Patienten weitergegeben.

Was heisst das?

Britt: Deshalb müssen Preise und Margen dem europäischen Niveau angepasst werden. Aber eigentlich ist die Kostenseite noch viel wesentlicher.

Wie meinen Sie das?

Britt: Die Schweiz verfügt über eine massive Überstruktur im Medikamentenvertrieb. Das kostet. Und wir müssen die Aspekte fehlende Therapietreue und Medikamentenabfall mehr beachten. Das kostet noch mehr.

Ihr Rezept?

Britt: Die überdimensionierten Listen A und B für rezeptpflichtige Medikamente müssen überprüft und reduziert werden, die Preisregulierung muss strikter und regelmässiger stattfinden, und die Marktaufsicht soll verstärkt und entpolitisiert werden.