Kaum eine Präsentation, bei der die Swisscom nicht betont, dass «die Schweiz im Glasfaserausbau weltweit zur Spitzengruppe» gehöre. Doch es gibt auch andere Statistiken: Eine Erhebung der OECD zeigt beispielsweise, dass die Schweiz bei der Anzahl reiner Glasfaseranschlüsse im Verhältnis zu allen Breitband-Abonnenten weit hinten rangiert (siehe Grafik). Zehnmal kleiner ist die Glasfaserdichte in der Schweiz im Vergleich zum Schnitt der OECD-Länder.

Wie kommt es zu diesen massiven Unterschieden? Die Swisscom rechnet in ihren Zahlen auch die «Fiber to the node» (Glasfaser bis ins Quartier) mit ein. Denn das Unternehmen deckt rund 75% der Anschlüsse mit dem sogenanntem VDSL ab. Diese Technologie ermöglicht ein Angebot mit einer Geschwindigkeit von 20 Mbit/s, ist also viel schneller als ADSL.

Swisscom benötigt diese Geschwindigkeit, um ihr Fernsehangebot Bluewin TV in hochauflösender (HD)-Qualität anzubieten. «Für heutige Anwendungen bei Privatkunden reicht die Geschwindigkeit von VDSL vollumfänglich», sagt Swisscom-Sprecher Sepp Huber.

Für Sunrise ist die Glasfaser-rechnung inklusive VDSL jedoch eine Mogelpackung. «Richtig schnell wird eine Leitung erst, wenn die Glasfaser bis in die Haushalte geht und nicht nur bis ins Quartier», sagt Kommunikationschef Dominique Reber. «Im Laborversuch können auf der Glasfaser bis zu 18 Terabit/s übertragen werden, das ist ein Quantensprung und auch der Grund für die Differenzierung, die die OECD vornimmt.» So rosig, wie Swisscom die Situation in der Schweiz darstelle, sei sie nicht.

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Investitionen nicht gefährden

Für Sunrise ist deshalb klar: «Der Gesetzgeber muss Instrumente für eine Regulierung schaffen, denn heute gibt es eine Rechtslücke. Es bringt nichts, in fünf Jahren die Diskussion zu beginnen, wenn die Netze gebaut sind.»

Das sieht die Swisscom naturgemäss anders. «In der Schweiz sind im Gegensatz zu anderen Ländern gleich mehrere Marktteilnehmer - nämlich Swisscom, die Elektrizitätswerke sowie Kabelnetzbetreiber - bereit, massiv in Glasfasern zu investieren. Diese Initiativen dürfen nicht mit einer erneuten Debatte zum Fernmeldegesetz gefährdet werden», erklärt Huber. Die Swisscom will beim Netzaufbau lieber mehrere Fasern legen und diese anderen Firmen verkaufen. «Mit diesem Mehr-Fasern-Modell lässt sich verhindern, dass in der Schweiz ein neues Netzmonopol geschaffen wird», sagt Huber. Nur: Bisher nahm kein Konkurrent das Angebot der Swiss-com an. Einzig die Basler IWB prüfen derzeit eine Investitionspartnerschaft mit Swisscom.

Vorerst geht das unkoordinierte Wettrüsten in der Telekombranche aber weiter. Von Quartier zu Quartier liefern sich Swisscom und die lokalen Elektrizitätswerke ein eigentliches Rennen um den Ausbau des Glasfasernetzes. Denn hat einmal ein Hauseigentümer beim EW oder der Swisscom unterschrieben, laufen die Verträge mehrere Jahre. Für die Swisscom geht es darum, ihre Marktführerschaft, die sie bei Kupferkabeln aufweist, auf die neue Technologie zu übertragen.

Elektrizitätswerk baut teuer

Dass die Ex-Monopolistin auch bei der neuen Glasfasertechnologie wieder das Mass aller Dinge wird, möchte die Konkurrenz verhindern. Doch Orange oder Sunrise fehlt das Geld, um selbst eine flächendeckende Infrastruktur aufzubauen. Und so geben vor allem Swisscom und je nach Region die lokalen Elektrizitätswerke Gas beim Ausbau. Die Swisscom will bis Ende 2009 in Zürich, Basel und Genf 100000 Wohnungen erschliessen und den Ausbau im kommenden Jahr auf die Städte St. Gallen, Bern, Freiburg sowie Lausanne ausweiten. Bereits im nächsten Semester sollen erste Angebote für Privatkunden sowie für kleine und mittlere Unternehmen lanciert werden. Insgesamt plant Swisscom, in den nächsten sechs Jahren 8 Mrd Fr. in die Infrastruktur zu investieren. In städtischen Gebieten rechnet das Unternehmen mit Kosten von rund 1200 Fr. pro Haushalt. Dieser Wert kann auf dem Land ein Vielfaches höher liegen. Im Vergleich zum EW in der Stadt Zürich, das mit Steuergeldern ein zweites Stadtnetz baut, ist das aber wenig: Dort rechnet man mit Kosten von rund 100000 Fr. pro Haushalt. Ob das amortisiert werden kann, steht in den Sternen.

Experten warnen bereits vor «Investitionsruinen». Doch die Warner sind in der Minderheit; man lässt sich Zeit. Erst am 1. Mai - notabene einem Zürcher Feiertag - trifft sich die Telekombranche zum nächsten runden Tisch bei Marc Furrer. In Bern, wo der 1. Mai ein normaler Arbeitstag ist.