Mit Ihrer Nominierung zum CEO von Julius Bär haben Sie wohl mehr erreicht als die meisten Banker in ihrem ganzen Leben. Haben Sie überhaupt noch Ziele?

Boris Collardi: Ich habe mir ehrlich gesagt nie ein Karriereziel gesetzt. Viel wichtiger war es mir, immer gute Leistungen in einem Unternehmen mit guten Leuten erbringen zu können. Meine Motivation ist es, mich immer wieder neuen Herausforderungen zu stellen. Das reizt mich auch an dieser Aufgabe so sehr.

Würden Sie zugreifen, wenn der UBS-Chef-Posten frei wird?

Collardi: Was für eine Frage! (lacht) Im Ernst, grösser ist nicht immer besser. Heute wäre ich nicht mehr bereit, wieder für eine Grossbank zu arbeiten. Ich war zwölf Jahre bei der Credit Suisse und genoss viele Vorteile, die ein Grossunternehmen zu bieten hat. Die Grösse hat aber durchaus auch Nachteile. Julius Bär ist ein Bijou. Die Bank ist überschaubar und die persönlichen Kontakte werden sehr stark gepflegt. Ich kenne mindestens 70% der Mitarbeiter bei Julius Bär persönlich. In einer Grossbank ist das undenkbar, womit in meinen Augen auch ein Stück Lebensqualität verloren geht. Zudem sind bei Julius Bär die Entscheidungswege sehr kurz, was für einen dynamischen Unternehmer ideale Voraussetzungen bietet. Wir sind «big enough to matter and small enough to care». Das bedeutet, dass wir es uns beispielsweise leisten können, 100 Mio Fr. in ein Projekt zu investieren. Gleichzeitig sind wir aber immer noch so klein, dass das familiäre Verhältnis im Unternehmen bestehen bleibt.

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Unternehmerisch haben Sie sich ja schon mit der Übernahme von ING Schweiz gezeigt. Was kaufen Sie als nächstes?

Collardi: Unser Ziel ist nicht, einfach nur grösser zu werden. Natürlich stellt sich in der Bankenindustrie derzeit die Frage, bei welcher Grösse ein Unternehmen überlebensfähig bleibt. Aber ich denke, Julius Bär besitzt die kritische Grösse.

Trotzdem, Sie wollen weiter wachsen ?

Collardi: Ein Hauptfokus liegt im Schweizer Markt. Es ist unser Ziel, dass wir hier noch weitere Marktanteile gewinnen. Allein deshalb bieten wir jetzt auch Hypotheken an, um das Angebot noch weiter den Bedürfnissen anzupassen. Priorität haben weiter Asien und der europäische Markt. In Europa sind vor allem Italien, Deutschland, Frankreich, Spanien und England für uns interessant. In Deutschland und Italien verfolgen wir bereits heute eine Onshore-Strategie. Das bedeutet nicht nur, dass wir Standort-Banking betreiben wollen. Wir wollen vielmehr im Rahmen der Regulierungen den Kunden auch vor Ort steuerkonforme Dienstleistungen aus der Schweiz anbieten.

In Italien wurden aber wegen der Steueramnestie 40% der Kundengelder abgezogen, die am Scudo mitgemacht haben ?

Collardi: 60% konnten wir aber innerhalb von Julius Bär halten, da wir bereits solche steuerkonforme Dienstleistungen anbieten. Über die Zeit werden wir in Italien vielleicht einen weiteren Standort eröffnen. Ich bin überzeugt, dass wir weitere Kundengelder zurückgewinnen können.

In Deutschland dürften Sie nicht gerade mit offenen Armen empfangen werden.

Collardi: Ich sehe der Situation in Deutschland in Zusammenhang mit den angeblich kursierenden Daten-CDs gelassen entgegen. Das sind temporäre Begebenheiten. In sechs Monaten spricht niemand mehr darüber. Strategisch gesehen, haben wir in Deutschland unsere Hausaufgaben gemacht. Heute können wir dank der Freistellung allen unseren deutschen Kunden steuerkonforme Beratungen und Produkte anbieten. Zudem besitzen wir im dortigen Markt eine Banklizenz sowie fünf Standorte. Dadurch sind wir flexibel und können unseren deutschen Kunden in der Schweiz und in Deutschland massgeschneiderte Lösungen anbieten.

Gibt es nun auch Übernahmekandidaten? Vor allem in der Schweiz wäre wohl ein Wachstum fast nur durch Zukauf möglich.

Collardi: In der Schweiz sind wir in einer Phase der Konsolidierung. Daran wollen wir partizipieren. Mit den bereits getätigten Übernahmen haben wir genügend Know-how im Integrieren neuer Einheiten erworben. Jeder Zukauf stellt erfahrungsgemäss vergleichbare Anforderungen bei der Umsetzung. Das heisst, dass wir jederzeit Akquisitionen tätigen können, sofern das Kaufobjekt unseren Anforderungen entspricht. Heute gibt es mindestens zehn Banken auf dem Bankenplatz Schweiz, die zum Verkauf stehen.

Mit der Übernahme von ING Schweiz wurden teilweise auch Stimmen Ihrer Mitstreiter laut, die meinten, sie hätten die Finger davon gelassen, da ING zu viele Schwarzgelder betreue.

Collardi: Das hätte ich wohl an der Stelle unserer Mitstreiter auch gesagt. ING hat sich in ihren jeweiligen Märkten sehr gut positionieren können. Entsprechend ist die Mehrheit der verwalteten ING-Vermögen unproblematisch. Klar ist, dass ein geringer Anteil der Vermögen unversteuert ist. Damit hat aber jede Bank in der Schweiz zu kämpfen. Das ist auch der Grund, warum wir andere Offerten ausschlugen. Wir haben Angebote von Banken erhalten, deren Kunden zu 70% Deutsche waren.

Einige Banken legen nun offen, wie viel unversteuerte Gelder sie betreuen. Wie sieht es bei Julius Bär aus?

Collardi: Ganz genau können wir dies nicht beziffern. Bis anhin stand es nicht in unserer Verantwortung, die Kunden zu überprüfen, ob sie ihre Steuern bezahlt haben oder nicht. Natürlich haben auch wir Schätzungen unternommen und diese stützen die Marktschätzungen ziemlich gut. Der Trend geht aber in die richtige Richtung. Die Steueramnestien führen dazu, dass die noch unversteuerten Gelder nun deklariert werden können. Ich denke, dass in fünf Jahren nicht deklariertes Geld kein Thema mehr sein wird. Denn alle jetzigen Neugelder sind versteuert.

Legen Sie dafür Ihre Hand ins Feuer?

Collardi: Natürlich können wir es nicht zu 100% beweisen. Unsere Kunden müssen kein Formular unterzeichnen, um zu beweisen, dass ihre Gelder versteuert sind - und wir könnten das auch nicht überprüfen. Aber wie gesagt: Die Neukunden, die wir heute gewinnen können, haben ihre Gelder offen gelegt. Es geht jetzt darum, dem Ausland klar zu machen, dass die Schweizer Banken ihr Geschäft nicht auf unversteuerten Geldern aufbauen.

Ist die Schweiz mit der eingeschlagenen Finanzplatzstrategie auf dem richtigen Weg?

Collardi: Ich bin sehr optimistisch, dass wir mit Europa einen guten Kompromiss finden werden. Es ist jetzt wichtig, dass wir unsere Regierung und die Verhandlungen unterstützen und uns mit weiteren Einwänden zurückhalten. Es muss jetzt unser Ziel sein, bei den Verhandlungen hart zu bleiben. Ich hoffe, dass wir bis Mitte Jahr eine geeignete Lösung präsentieren können. Diese muss dann aber die wesentlichen Probleme auf einen Schlag lösen.

Was sollte die Schweiz fordern?

Collardi: Die Schweiz verhandelt mit der EU und gleichzeitig mit den einzelnen europäischen Ländern. Wir bieten eine effiziente Abgeltungssteuer und wollen im Gegenzug einen vereinfachten Marktzugang in die EU sowie eine Entkriminalisierung der Geschäftstätigkeiten von Schweizer Bankern aushandeln.

Wie viele Gelder würden Sie verlieren, wenn auch im übrigen Europa Steueramnestien durchgeführt werden?

Collardi: Bis heute haben wir grundsätzlich nur mit einer Steueramnestie Erfahrungen sammeln können, nämlich mit derjenigen in Italien. Dass diese zum grössten Teil zu unseren Gunsten lief, hat auch damit zu tun, dass die zu bezahlende Busse eher tief angesetzt war. Ich kann mir kaum vorstellen, dass ein anderes Land die Busse prozentual ebenfalls so tief ansetzen würde. Bei weiteren Amnestien liegt das Problem aber darin, dass diese nicht für jedes Land und jede Rechtsordnung gleich angewendet werden können. Beispielsweise Deutschland kennt andere Gesetzgebungen als Italien. Falls es in Deutschland aber zum Beispiel zu einer Busse von 5% kommen sollte, dann bin ich mir sicher, dass wir 80% der Kundengelder in der Schweiz behalten könnten.

Innerhalb der Schweiz werden strengere Regulierungen diskutiert. Würden Sie im schlimmsten Fall den Hauptsitz verlagern?

Collardi: Die Schweiz ist ein extrem kompetitiver Wirtschaftsstandort und hat den prozentual grössten Anteil an Blue-Chip-Unternehmen. Veränderungen müssen sorgfältig abgewogen werden und die Flexibilität muss erhalten bleiben. Mit Überregulierung tun wir uns keinen Gefallen. Sollten sich die Rahmenbedingungen gravierend verschlechtern, hat das Management einer in der Schweiz angesiedelten internationalen Firma rasch entschieden, deren Sitz zu verlagern. Die internationalen Firmen haben grösstenteils keine emotionale Bindung zur Schweiz.

Und Julius Bär?

Collardi: Wir bekennen uns stark zu unserem Heimmarkt Schweiz und setzen uns hier auch aktiv für attraktive Rahmenbedingungen ein. Aber in einem Worst-Case-Szenario müssten auch wir uns darüber Gedanken machen. Wir sind heute sehr international.

Wohin würden Sie ziehen?

Collardi: Wenn wir unseren Standort verlagern würden, dann möglicherweise nach Asien. Hongkong oder Singapur sind sehr attraktive Standorte. Das ist aber alles sehr hypothetisch, die Situation müsste sich in der Schweiz doch massiv verschlechtern.