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Könnte GM wirklich helfen?

FIAT-KONZERN: Italiens Symbol der Privatwirtschaft wankt, Turin zittert um tausende von Arbeitsplätzen nicht nur in der Autoindustrie.

Von Kurt Bahnmüller
am 26.11.2002

FIAT-KONZERN Italiens Symbol der Privatwirtschaft wankt, Turin zittert um tausende von Arbeitsplätzen nicht nur in der Autoindustrie. Retter in der schwierigen Situation könnte die vollständige Übernahme durch General Motors sein, doch was wäre damit gewonnen?

La Fiat, wie Italiens grösster Privatkonzern im Heimatland genannt wird, steckt tief in der Krise. Firmen-Patriarch Giovanni Agnelli hält weiterhin eisern am Grundsatz fest, «dass die Agnellis immer Autos gebaut haben» und dass dies auch in Zukunft so bleiben werde. Doch auch er muss sich wohl ­ wenn auch widerwillig ­ der Macht des Faktischen beugen. Anfangs der 90er Jahre stand Fiat auf dem Höhepunkt des Erfolges. Unter Vittorio Ghidella produzierte der Konzern erfolgreiche Modelle wie den Uno und erzielte einen Konzerngewinn, der 10% des Umsatzes erreichte. Doch Ghidella musste Fiat verlassen, und seither lief einiges im Automobilgeschäft schief. Der Konzern verpasste es, diejenigen Modelle zu kreieren und zu produzieren, welche die Kundschaft wünschte. Einst verfügte der grösste einheimische Hersteller in Italien über einen Marktanteil von rund 70%, heute ist es kaum noch die Hälfte. Giancarlo Boschetti, der die Fiat-Nutzfahrzeugtochter Iveco zu einem rentablen Unternehmen machte, hat seit rund einem Jahr die schwierige Aufgabe, die Personenwagensparte von Fiat zu regenerieren. Geplant ist eine Modelloffensive für die kommenden Jahre. Fiat will in allen Kategorien mit neuen Modellen präsent sein. Vor allem sollen die Sünden in der Modellpolitik ausgemerzt werden. Fiat verfügt heute weder über einen Geländewagen noch über einen Allrad-PW oder ein konkurrenzfähiges Sportcoupé. Der Turnaround hängt in hohem Masse von den Bemühungen ab, «Fiat wieder zu einem klangvollen Namen im Autobusiness zu machen», wie sich Boschetti gegenüber er Zeitung «La Stampa» äusserte. Offen ist allerdings, wie der Konzern angesichts der hohen Schulden das Erneuerungsprogramm mit jährlichen Ausgaben von 2,5 Mrd Euro bis 2005 finanzieren soll. In den vergangenen Tagen verdichteten sich deshalb die Vermutungen, General Motors könnte früher als ursprünglich vereinbart die restlichen 80% an Fiat Auto SpA übernehmen. Die Frage allerdings bleibt, was sich konkret für Fiat verändern würde, wenn GM tatsächlich die Mehrheit übernähme? Es darf nämlich nicht vergessen werden, dass auch die europäische GM-Tochter Adam Opel in ernsthaften Schwierigkeiten steckt. Der von BMW gekommene Claus-Peter Forster versucht seit rund einem Jahr, Opel aus der Krise zu führen. Auch Opel hat das Problem, dass etliche Modelle bei weitem nicht mehr auf die einstige Akzeptanz stossen.

Eine Übernahme von Fiat macht für GM nur dann Sinn, wenn die beiden Marken zusammengelegt würden. Dies wiederum heisst aber nichts anderes, als dass eine Marke längerfristig verschwinden müsste. Das Modellprogramm von Opel und Fiat weist allzu viele Parallelen auf, als dass sich eine Weiterführung beider Labels lohnen würde. Auch das Problem der Überkapazitäten in den einzelnen Werken müsste langfristig gelöst werden. Ein Abbau von Stellen wäre unvermeidlich.

Beide Hersteller haben in jüngster Zeit Synergien in den Bereichen Forschung und Entwicklung und im Zulieferbereich nutzen können. Mit einer gemeinsamen Plattform- und Gleichteile-Strategie können weitere Kosteneinsparungen realisiert werden. Ob diese ausreichen werden, um eine Weiterexistenz beider Marken zu gewährleisten, muss die Zukunft zeigen.

unabsehbare folgen

Würde Fiat als Automarke tatsächlich vom Markt verschwinden, hätte dies unabsehbare Folgen für die italienische Volkswirtschaft. Denn mit Fiat-Auto sind unzählige weitere Arbeitsplätze in der Zulieferindustrie, aber auch in anderen Branchen verbunden.

«La Fiat» muss überleben, das ist deshalb das Credo der Verantwortlichen in Turin. Mit Hilfe der Banken, aber auch mit einer «autofreundlichen» Politik der Regierung Berlusconi soll die Weiterexistenz des Kronjuwels italienischen Automobilbaus gesichert werden. Vieles hängt aber auch von der zukünftigen Modellpolitik der Italiener ab. Wenn es ihnen gelingt, Fahrzeuge zu kreieren, welche dem Nachfragetrend auf den europäischen Märkten entsprechen ­ die französischen Hersteller sind da ein Vorbild ­, hat Fiat durchaus eine Überlebenschance. Wird diese wohl letzte Gelegenheit verpasst, dann sieht es düster aus für das Reich der Familie Agnelli.

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