HZ-Chefredaktor Beat BalzliHomo Fabers nerven gewaltig. Die trockenen Technokraten glauben seit Jahren, das menschliche Schaffen zu beherrschen. Katastrophen kommen in ihrer Welt höchstens als unwahrscheinliche Produkte vernachlässigbarer Zufälle vor. Dabei sehnt sich der Mensch gerne mal nach einer dunklen Macht, die schuld ist. Er will nicht an Zufall glauben, wenn auf dem Flug von New York nach Zürich der Koffer bereits zum dritten Mal verschwindet oder der Verschluss der Ketchup-Flasche schon wieder nicht richtig sitzt.
HZ-Chefredaktor Beat Balzli

Doch es gibt Hoffnung. Nicht überall ist Zufall drin, wo Zufall draufsteht. Börsenprofis erleben es mitunter täglich. Verkaufen etwa Geheimnisträger des Hörgeräteherstellers Sonova wenige Tage vor der Gewinnwarnung ein riesiges Aktienpaket, kann die dunkle Macht nicht weit sein. Kommt es zu kursrelevanten Infopannen rund um den Chefwechsel beim Bio­techunternehmen Noble Biocare, dürfte die ­Extrarendite für mögliche Drahtzieher vorbestimmt sein. Die Liste verdächtiger Transaktio­nen liesse sich beliebig verlängern.

Die Schweiz gilt als wahres Paradies für Insiderdelikte

Keiner kennt sich mit der wundersamen Geldvermehrung besser aus als die frustrierten Börsenaufseher der SIX in Zürich. Regelmässig registrieren sie vor der Publikation wichtiger Firmennachrichten scheinbar zufällige Kurs- und Volumenbewegungen. Die Verdachtsmeldungen bleiben meistens ohne Folgen. Das Management der betroffenen Firmen weiss in der Regel von nichts, die Untersuchungsbehörden kämpfen mit Personalmangel und die Verfahren versanden.

Seit der Verschärfung der Gesetzgebung im Jahr 2008 können Insider­delikte zwar härter bestraft werden, aber der Effekt fiel bislang bescheiden aus. Einzig in einem Fall verhängten die Zürcher Bezirksrichter vergangenen Herbst Gefängnisstrafen. Rechtsgültig sind sie noch nicht.

Die kleine Zahl der Verurteilungen sagt freilich nichts über das Ausmass der Insidervergehen aus. Ganz im Gegenteil. Die Schweiz gilt nach wie vor als wahres Paradies für Leute, die fernab rudimentärer Moralvorstellungen ihre Geheimnisse an der Börse vergolden – und damit ungestraft davonkommen.

Noch immer verharmlosen zu viele die fie­sen Beutezüge als Kavaliersdelikte. Dabei schadet die fehlende Markthygiene seriösen Anlegern. Sie hält das Image des Schweizer Finanzplatzes in einer Ecke gefangen, aus der es längst befreit werden muss. Die Schiebereien der Schmuddelkinder gefährden einen glaubwürdigen Umbau zum sicheren Weissgeldhafen. «Wie in einer Bananenrepublik», kommentieren mitunter gar distinguierte Branchenvertreter die Missstände scharf. 

Anzeige

Die Finma muss künftig alle Marktteilnehmer strafen können

Die Verantwortlichen bei Sonova haben jetzt die Reissleine gezogen. Die Rücktritte von Unternehmenschef Valentin Chapero, Finanzchef Oliver Walker und Verwaltungsratspräsident Andy Rhis wirken wie ein Geständnis. Der mutige Schritt überrascht, ändert aber nichts an der grundlegenden Misere. Erst eine schärfere Gesetzgebung kann dreiste Insider allenfalls nachhaltig abschrecken.

Im Mai behandelt der Bundesrat die Revi­sion des Börsengesetzes. Tatbestände wie Insiderverbot und Kursmanipulation will er hoffentlich weiterhin im Gesetz verankern. Die Finanzmarktaufsicht (Finma) muss künftig alle Marktteilnehmer bestrafen können. Es reicht nicht aus, wenn nur beaufsichtigte Institute unter das Regime fallen. Schlupflöcher wären programmiert.

Der Weg zum Idealzustand ist freilich noch weit. In einer solchen Welt setzen schlagkräftige Behörden am Ende griffige Gesetze konsequent um. Das Problem mit den Insidern gilt als voll beherrschbar. Nur ganz wenige kommen ungeschoren davon. Das sind vernachlässigbare Zufälle. Die Homo Fabers lächeln zufrieden.