Die Aufregung ist gross: Deutsche Medien wähnen die heimischen Detailhändler in einer neuen, möglicherweise ruinösen Rabattschlacht. Auf breiter Front hätten Anbieter wie Aldi, Norma, aber auch Lidl und Edeka die Preise in ihren Läden gesenkt. Der Preisverfall macht anscheinend vor kaum einem Regal halt: Eier, Kaffee, Wein, Butter, Fisch, sogar Fleisch ist noch einmal günstiger, berichten verschiedene Medien.

Aldi machte vor einer Woche den Anfang. Andere zogen nach – notgedrungen. Zwar kritisierte Rewe den Preiskampf als Wertvernichtung. Doch auch der Handelsriese sieht anscheinend keine Chance, sich der neuesten Entwicklung zu entziehen: «Im Discount gibt es keinen Millimeter Platz», sagte Vorstand Manfred Esser. «Die Verbraucher reagieren massiv auf Preisunterschiede.» Das Problem: Wer nicht mitzieht, muss mit Umsatzeinbussen rechnen.

Kaum Spielraum bei Schweizer Detailhändlern

Dabei ist die Preisschlacht im Detailhandel kein reines deutsches Phänomen – obwohl die Nachbarn im Norden hierzulande gerne den zweifelhaften Ruf geniessen, auf Preisänderungen äusserst sensibel zu reagieren. Auch in der Schweiz wiegt der Druck schwer. In riesigen Lettern preisen Detailhändler Woche für Woche neue Offerten an.

Lidl Schweiz hat seit Jahresbeginn über 50 Artikel im Preis gesenkt, was etwa drei Prozent des Gesamtsortiments entspricht. Bei den Eigenmarken sanken die Preise bislang um neun Prozent, wie eine Konzern-Sprecherin mitteilt. Viele Kunden reagieren sensibel auf Preiserhöhungen, heisst es bei fast allen der hierzulande vertretenen Detailriesen. Und der Spielraum ist klein: «Wir geben bessere Einkaufskonditionen direkt an unsere Kunden weiter», sagt eine Migros-Sprecherin.

Nahrungsmittel sind heute günstiger als vor zehn Jahren

Von einer neuen Rabattschlacht will sie dennoch nichts wissen. Auch eine Denner-Sprecherin beteuert, der Preiskampf der vergangenen Jahre nach dem Einstieg der deutschen Detailhändler in den Schweizer Markt sei vorbei. Sowohl bei der Migros als auch bei Denner hat man jüngst sogar einen gegenteiligen Trend ausgemacht: Einige Rohstoffe wie Kaffee oder Kakao seien wieder teurer geworden. Das Auf an den Börsen macht sich an der Kasse bemerkbar.

Ausschläge an den Finanzmärkten waren bereits in der Vergangenheit des Öfteren ein Grund für starke Preisschwankungen in Schweizer Supermärkten. Als etwa im globalen Wirtschaftsaufschwung 2008 die Preise für Öl und viele Naturprodukte geradezu explodierten, befeuerte das die Preise für Lebensmittel: Im Herbst 2008 lag die jährliche Teuerung für Nahrung in der Schweiz bei stattlichen vier Prozent (siehe Grafik).

Auffällig ist jedoch: Heute kosten Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke in der Schweiz sogar fast zwei Prozent weniger als noch vor zehn Jahren.

Aldi und Lidl wachsen in der Schweiz kräftig

Als ein Grund dafür gilt der verschärfte Wettbewerb im Detailhandel. Die deutschen Discounter sind in der Schweiz längst etabliert: Lidl ist seit fünf Jahren hier vertreten, Aldi seit bald zehn Jahren. Heute erwirtschaften beide zusammen einen Umsatz von rund 2,3 Milliarden Franken.

Damit sind sie zwar noch weit von den beiden orangen Riesen entfernt: Migros und Coop machen jährlich jeweils rund 14 bis 15 Milliarden Franken Umsatz. Doch im Gegensatz zu den Schweizer Platzhirschen wachsen Aldi und Lidl kräftig – zuletzt um fast 10 Prozent pro Jahr.

Billig funktioniert auch in der Schweiz

Bereits vor Jahren reagierten Coop und Migros und lancierten ihrerseits Billiglinien. Der Discounter Denner ist ein weiteres Beispiel dafür, dass «billig» auch in der Schweiz funktioniert. Mit einem Jahresumsatz von gut 3,1 Milliarden Franken ist die Migros-Tochter unangefochten die drittstärkste Kraft im Schweizer Detailhandel.

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