Noch sieht es nicht nach einer Rezession auf den Nutzfahrzeugmärkten Europas aus. Ein Blick in die Statistik der Vereinigung der europäischen Automobilindustrie (ACEA) zeigt, dass im Europa der 27 – also inklusive der neuen Mitgliedsländer der Europäischen Gemeinschaft – die Zulassungen neuer Nutzfahrzeuge im 1. Halbjahr 2008 weiter angestiegen sind. In der Gewichtsklasse ab 3,5 t resultierte bis Ende Juni 2008 ein Zulassungsplus von 6,1%, bei den schweren Fahrzeugen ab 16 t Gesamtgewicht betrug die Zunahme gar 8,1%. Die Herstel- ler könnten eigentlich zufrieden sein.

Doch diese Entwicklung trügt: Festzuhalten bleibt zuerst einmal, dass der europäische Nutzfahrzeugmarkt ab 6 t Gesamtgewicht seit dem Jahr 2003, als rund 307000 Neufahrzeuge in Verkehr gesetzt wurden, bis Ende 2007 auf 422000 Fahrzeuge angestiegen ist. Ein Plus von 37%. Gründe dafür gibt es eine ganze Reihe. Zum einen hat die positive Konjunkturentwicklung den Absatz neuer und leistungsfähiger Trucks beflügelt. Die Globalisierung und damit die Verlagerung der Produktion in Länder ausserhalb Europas sowie die damit zusammenhängende Vergrösserung der Menge an transportierten Gütern hat die Nachfrage nach Liefer- und Lastwagen aller Gewichtsklassen deutlich angeheizt. Derzeit produzieren alle massgebenden Hersteller in Europa an ihrer Kapazitätsgrenze, mit der negativen Folge langer Lieferfristen, besonders bei den schweren Fahrzeugen.

Noch hohe Auftragsbestände

Noch also brummt die Branche, wie selten zuvor. Trotzdem aber machen sich die Chefs von Daimler Trucks, MAN, Volvo, Scania, Iveco, Renault Trucks und DAF ebenso wie die CEO der Hersteller leichter Nutzfahrzeuge, Gedanken, wie der zu erwartenden rückläufigen Nachfrage begegnet werden kann. Entsprechend zurückhaltend äusserten sie sich deshalb auch in ihren Statements an der Fachmesse IAA Nutzfahrzeuge in Hannover. Viele wollen denn auch noch nicht von einer Rezession, höchstens von einer Normalisierung auf einem etwas tieferen Niveau sprechen. Die derzeit vollen Auftragsbücher werden jedenfalls noch für eine gute Auslastung der Kapazitäten bis ins Frühjahr 2009 sorgen. Andererseits ist aus den Halbjahresberichten der an der Börse kotierten Hersteller wie Daimler, MAN, Volvo und Scania zu erfahren, dass die Auftragseingänge in den vergangenen Monaten zum Teil deutlich zurückgegangen sind.

Anzeige

Sollte die Konjunktur in den wichtigsten europäischen Volkswirtschaften in den kommenden Monaten – nicht zuletzt wegen der immer grösser werdenden Verwerfungen in der Finanzbranche – zurückgehen, muss mit einer rückläufigen Nachfrage nach Liefer- und Lastwagen gerechnet werden. Nicht zuletzt, weil auch die Menge der zu transportierenden Güter sich verringern wird. Positiver sieht die Situation in den osteuropäischen Ländern und in Russland aus. In dieser Region besteht unverändert eine hohe Nachfrage nach Lastwagen.

Asien boomt unverändert

Erfreulich präsentiert sich auch die Situation ausserhalb Europas, wo die eingangs erwähnten Nutzfahrzeughersteller ebenfalls stark vertreten sind. In China, aber auch in Indien und Brasilien ist weiterhin mit einer starken Nachfrage nach Nutzfahrzeugen zu rechnen. Dies deshalb, weil der Lastwagen in diesen Ländern praktisch das einzige Verkehrsmittel ist, um die einheimische Güterversorgung zu gewährleisten. Neben der Frage, wie sich die Nachfrage entwickeln wird, müssen sich die Nutzfahrzeughersteller aber auch mit den anhaltenden Rohstoffpreissteigerungen auseinandersetzen, welche die Fertigung neuer Fahrzeuge zum Teil erheblich verteuern. Dazu kommt, dass die Bemühungen zur weiteren Effizienzsteigerung des Nutzfahrzeuges sowie die Reduktion des Treibstoffverbrauches und damit der Emissionen erhebliche Mittel verschlingen. Angesichts dieser Entwicklung überlegen sich die einzelnen Hersteller, welche Mittel und Wege genutzt werden könnten, um gewisse Ziele, vor allem im Forschungsbereich, gemeinsam zu erreichen.