Sobald Politiker, Journalisten oder Unternehmer mit Fachausdrücken aus der Betriebswirtschaft operieren, bleibt selbst Akademikern der Mund offen – denn lediglich 2 von 100 Teilnehmern an einer Studie sind in der Lage, einen Test zu elementaren betriebswirtschaftlichen Begriffen und Zusammenhängen zu bestehen. Der Verbreitungsgrad betriebswirtschaftlichen Know-hows in der Bevölkerung ist noch geringer als befürchtet. Das geht aus einer aktuellen Bildungsstudie hervor, die vom Kuratorium Wirtschaftskompetenz für Europa e.V. in Auftrag gegeben wurde.

«Was versteht man unter Rentabilität, Liquidität, einem Oligopol? Wie berechnet man den Deckungsbeitrag eines Produkts?» Keine schwierige betriebswirtschaftliche Theorie, sondern alltäglich in Unternehmen, aber auch im Wirtschaftsteil der Zeitungen gebräuchliche Begriffe sind Inhalt der EBC*L- Prüfung, des europäischen Wirtschaftsführerscheins.
Diesen international normierten Test zog der Initiator der Studie, das Kuratorium Wirtschaftskompetenz für Europa (KWE) heran, um die Wirtschaftskompetenz im deutschsprachigen Raum auf den Prüfstand zu stellen. Das Ergebnis fiel eindeutig aus: Lediglich 2,3% (8 von 342 Teilnehmenden) waren in der Lage, den Test unvorbereitet zu bestehen.

Trotz guter Bildung

85% aller Teilnehmenden haben ein so schlechtes Ergebnis erzielt, dass nicht einmal elementare betriebswirtschaftliche Begriffe vorausgesetzt werden können. Was die Brisanz dieses Ergebnisses zusätzlich erhöht: «Bei den befragten Studien-Teilnehmenden handelt es sich um eine sehr selektive Gruppe: Mehr als 95% verfügen über eine Matura oder höhere Berufsbildung. Ein Grossteil der Befragten studiert neben dem Beruf an einer Fachhochschule und ist deshalb als aussergewöhnlich bildungsorientiert anzusehen», erläutert Wolfgang Jütte, Professor an der Donau-Universität Krems, und schliesst daran die Frage an: «Wie würde das Ergebnis erst bei einer repräsentativen Stichprobe breiter Bevölkerungsgruppen aussehen?»
Für Gerhard E. Ortner, den CEO des KWE, bestätigt dieses Ergebnis bereits früher an seinem Lehrstuhl an der FernUniversität in Hagen durchgeführte Studien: «Betriebswirtschaftliches Wissen – auch auf mehr oder weniger allgemeinem Niveau – ist ganz offensichtlich Mangelware. Davon sind auch Menschen mit Hochschulabschluss nicht ausgenommen. Bei den nunmehr schon in mehreren explorativen Studien festgestellten Bildungsdefiziten muss davon ausgegangen werden, dass es auch eine nicht unbeträchtliche Zahl von Führungskräften in Unternehmen gibt, denen das notwendige betriebswirtschaftliche Kernwissen fehlt», beschreibt Ortner das aktuelle Problem.

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Bereit für globale Wirtschaft?

«Im Fussball könnte kein Club überleben, der mit Spielern antritt, die weder den Zweck des Spiels kennen, noch wissen, was man unter «Corner» versteht und welche Konsequenzen eine rote Karte hat. Unternehmen und Mitarbeitende müssen jedoch unter diesen Voraussetzungen im globalen Wettbewerb bestehen», zieht Victor Mihalic, Leiter der in Wien beheimateten Europazentrale des internationalen Wirtschaftszertifikats EBC*L einen Vergleich zur Sportwelt.
Die schlechten Studienergebnisse kann der international tätige Personaldienstleister Trenkwalder (42 000 Mitarbeitende) aus interner Erfahrung bestätigen. «Das rasante Wachstum des Unternehmens macht es notwendig, in grösseren wirtschaftlichen Zusammenhängen zu denken. Ein Screening bei unseren Führungskräften vor vier Jahren zeigte jedoch auf, dass ihr betriebswirtschaftliches Wissen nicht unseren Anforderungen entsprach. Viele verstanden die Appelle unseres Unternehmensleiters nicht, wenn er von Liquiditätsverbesserung und Cashflow sprach; und das, obwohl die Mitarbeitenden am betriebswirtschaftlichen Erfolg direkt beteiligt sind», erläutert Heinz Herczeg, Leiter des Personalmanagements bei Trenkwalder. Daher war klar, dass in die Ausbildung investiert werden musste. Heute können sich über 200 Trenkwalder Mitarbeitende zu den 2,3% «Kompetenten» zählen.
«Wir sehen diese Studienergebnisse als Auftrag, weiter an dem Ziel zu arbeiten, betriebswirtschaftliches Kernwissen zum Allgemeinwissen zu machen und laden alle an der Bildungspolitik und am Wirtschaftsstandort Europa Interessierten ein, sich aktiv zu beteiligen», so Ortner und Mihalic. Die Ziele sind in der Charta «Wirtschaftskompetenz für Europa» zusammengefasst. Eine Unterstützungserklärung dazu kann unter www.ebcl.at/charta.htm abgegeben werden.

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Jörg Steiner, Präsident sfb Bildungszentrum, Dietikon.

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Fakten: Schweiz noch am wenigsten schlecht

Die Befragten
Die Studie wurde im deutschsprachigen Raum – in Österreich, Deutschland und der Schweiz – durchgeführt. Von den 342 Teilnehmenden kommen 195 aus Österreich, 60 aus der Schweiz und der Rest aus Deutschland. Die Ergebnisse sind in allen Ländern annähernd gleich schlecht ausgefallen, die Schweiz mit 21% schneidet noch am besten ab. Der Anteil derjenigen, die die EBC*L Prüfung bestanden hätten, ist überall verschwindend klein.

Die Befrager
Das Kuratorium Wirtschaftskompetenz für Europa e.V. in Paderborn sowie die Europazentrale des EBC*L in Wien sind Auftraggeber der explorativen Studie über den betriebswirtschaftlichen Wissensstand im deutschsprachigen Raum. Für die Studie zur Messung von Wirtschaftskompetenz wurde die international normierte EBC*L-Prüfung (Europäischer Wirtschaftsführerschein) herangezogen. Diese beinhaltet 16 Wissensfragen, 4 Verständnisfragen und ein Fallbeispiel zu den wichtigsten in der Praxis verwendeten Begriffen der Betriebswirtschaft. 75% der Fragen sind richtig zu beantworten. Das EBC*L-Zertifikat hat sich innerhalb nur weniger Jahre zu einem anerkannten Standard der betriebswirtschaftlichen Bildung entwickelt. Mittlerweile ist der EBC*L bereits in 16 Ländern vertreten und die Prüfung kann in 12 Sprachen absolviert werden.

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