Nach dem Überschwappen der US-Subprimekrise auf die weltweiten Finanzmärkte ist Vertrauen zu einem der wertvollsten Güter geworden. Denn glauben Konsumenten und Investoren an eine Abschwächung der Wirtschaft, fürchten sie sich deshalb vor tieferen Löhnen oder gar Arbeitslosigkeit sowie vor Vermögensschwund und konsumieren unter Umständen weniger, und dann dauert es vielleicht nicht mehr lang, bis auch die Unternehmensgewinne schmelzen und die Konjunktur strauchelt.

Konsumentenstimmung

Genau diese Angst vor einer Ausdehnung der Hypothekenkrise auf die Realwirtschaft hat zu teilweise panikartigen Verkäufen an den Aktienmärkten geführt. Die Fed-Senkung des Diskontsatzes mit der Begründung, die Risiken für einen negativen Einfluss der Subprime-Krise auf die Realwirtschaft seien gestiegen, spricht deutliche Worte.
Im Blickpunkt stehen deshalb nun die Konsumenten. Es bestehe die Chance, dass das Gröbste bereits überstanden sei, ein Problem stelle allerdings die Stimmung der Konsumenten dar, sagt Janwillem Acket, Chefökonom von Julius Bär. «Trübt sie sich ein, kann dies kontraktive Folgen für die Weltwirtschaft haben», betont Acket die Bedeutung dieses Faktors und führt weiter aus: «In nächster Zeit ist mit einer Verlangsamung des Wirtschaftswachstums zu rechnen, denn bei fehlendem Vertrauen nützen auch die jüngsten positiven Zahlen der Realwirtschaft wenig.» Allerdings seien die neusten Rückgänge in der Konsumentenstimmung im Juli – sowohl in den USA als auch in der Schweiz – viel mehr auf Befürchtungen über einen Kaufkraftzerfall als auf die Angst vor einem Ende des Konjunkturzyklus zurückzuführen. Zentral sei also die Frage nach der Entwicklung der Verunsicherung.
«Wichtig ist, dass sich das Vertrauen wieder erholt und die Leute mehr konsumieren und investieren wollen», so Acket. Auch Thomas Herrmann, Global Economist der Credit Suisse, sieht keine klare Antwort auf die Frage nach den Auswirkungen der jüngsten Turbulenzen. «Wie auch an den Finanzmärkten ist es entscheidend, wie sich das Vertrauen von Unternehmen und Konsumenten entwickeln wird», so Herrmann. Vor allem die Beschäftigungsentwicklung bleibe ein entscheidender Faktor.

Medizin der Zentralbanken

Martin Hüfner, Chefökonom bei Aquila Investment, einem schweizerischen Verbund unabhängiger Vermögensverwalter, kann sich für die USA und Europa lediglich eine Wachstumsverlangsamung von einem Viertel- oder halben Prozentpunkt vorstellen. Dies sei jedoch für beide kein Beinbruch und werde durch das stärkere Wachstum Indiens und Chinas ausgeglichen. «Erst wenn die Finanzkrise ein paar Monate andauern und sich noch verschärfen sollte, müsste man sich Sorgen machen», so Hüfner. Vor allem weil die Zentralbanken entsprechend gegensteuern würden, sehe er dies derzeit aber nicht. Mit den bisherigen Liquiditätsbereitstellungen hätten die Zentralbanken dem Markt genau die richtige Medizin bereitgestellt, um eine kumulative Abwärtsbewegung zu verhindern.
Dass die Eingriffe der Zentralbanken zur Beruhigung beigetragen hätten, bestätigt auch Acket. Möglicherweise seien sie aber nicht ausreichend und die europäischen und asiatischen Zentralbanken müssten von geplanten Zinserhöhungen Abstand nehmen. Anfang September rechnet der Julius-Bär-Chefökonom deshalb weder bei der Bank of England noch bei der EZB mit einem Zinsschritt. Vom Risiko einer später als ursprünglich erwarteten Zinserhöhung spricht auch Herrmann. Deutliche Steigerungen in den Kapazitätsauslastungen und sinkende Arbeitslosenquoten aller grossen Volkswirtschaften würden bei gleichzeitig steigenden Rohstoffkosten Inflationsrisiken bergen, so der CS-Ökonom. Dass die norwegische Notenbank letzte Wochen inmitten der Finanzmarktturbulenzen eine Zinserhöhung vorgenommen hat, zeigt, dass viele Volkswirtschaften durch die Hypothekenkrise in einen Zweifrontenkampf geraten sind.
Von der Fed erwartet der Markt nach der Diskontsatzsenkung am 18. September jedoch eine Zinssenkung. «Zeigen die bisherigen Massnahmen der Fed nachhaltige Wirkung, wird die US-Notenbank es vorziehen, die Zinsen nicht zu senken», sagt jedoch Herrmann. Der Fed wolle «moral hazard» nicht begünstigen, da dies in Zukunft zu weiteren Krisen führen würde, so der Global Economist der Credit Suisse.
Auch Acket betont, dass eine Zinssenkung per se den Spekulanten ein falsches Signal senden und damit die Glaubwürdigkeit der Fed in Frage stellen würde. «Um die US-Finanzintermediäre zu beruhigen und das Risiko einer übertriebenen Zurückhaltung bei den Bankenkrediten zu entschärfen, die dann schlecht für die Realwirtschaft wäre, wird es aber wahrscheinlich doch zu einer Fed-Funds-Zinssenkung kommen», so der Julius-Bär-Chefökonom.

Anzeige

Ruhig bleiben und profitieren

Mit einer Rezession rechnet Acket deshalb nicht. Die Unternehmensnachrichten seien stark, die Börsen nicht überbewertet, weshalb man den Anlegern raten die sektoriellen Probleme ruhig auszustehen und von der Volatilität zu profitieren. Gewinne bei kleinen und mittleren Unternehmen mitnehmen und in gross kapitalisierte Qualitätsunternehmen investieren, die in Turbulenzen standfester seien, so die Julius- Bär-Empfehlung.
Mit der Hypothekenkrise sei zwar das Ende der dramatischen Gewinnzuwächse auf den Finanzmärkten, der liquiditätsgetriebenen Hausse und der vielen zum Teil übertriebenen Fusionsfantasien gekommen. «Aber nicht das Ende einer moderaten Aufwärtsentwicklung der Aktienkurse», betont Hüfner. Die Unternehmen würden nach wie vor gut verdienen und seien auch nicht zu hoch bewertet.