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Konjunktur: Jetzt droht eine Deflation

Die Preise für Nahrungsmittel sinken. Trotzdem bricht die Nachfrage ein. Mit Überkapazitäten und einer hohen Schuldenlast kommt die gefährliche Mischung für eine Deflation zusammen. Erste Konjunkturex

Von Kurt Speck
am 26.11.2002

Wer seinen Einkaufswagen heute an den Ladenregalen vorbeischiebt, der kann frohlocken. Mit einer Hundertfranken-Note lassen sich mehr Produkte des täglichen Bedarfs kaufen als noch vor zwei Jahren. Die tieferen Preise schlagen sich auch in der Teuerung nieder: Der Konsumentenpreisindex hat sich in dieser Zeitspanne von 1,6% auf gerade noch 0,5% vermindert. Für Alois Bischofberger, Chefökonom der Credit Suisse, ist die Frage, ob die Schweizer Wirtschaft unter solchen Voraussetzungen in eine Deflation abrutscht, «keineswegs ketzerisch». Speziell die importierten Güter werden laufend billiger, weil der Franken gegenüber allen Währungen mehr oder minder zur Stärke neigt. Einzig der Ölpreis passt nicht in dieses Bild. Seit US-Präsident Georg W. Bush mit dem Krieg gegen den Irak droht, haben sich die Öleinfuhren massiv verteuert. Sonst aber lässt sich der Preisrückgang bei Nahrungsmitteln, Elektrizität, Telekommunikation und anderen langlebigen Gütern regelmässig beobachten.
Leicht anders gestaltet sich die hausgemachte Teuerung. Bei den Mieten, administrierten Preisen und Gesundheitskosten hält sich die Inflation weiterhin über 1%. Mit einer solchen Konstellation schliesst Bernd Schips, Leiter der Konjunkturforschungsstelle ETH, die Gefahr einer Deflation aus. Allerdings ortet er etwa bei den sinkenden Immobilien- und Aktienpreisen «deflationäre Erscheinungen». Pflanzt sich in den Köpfen der Konsumenten erst einmal der Gedanke ein, man könne mit dem Kauf eines Einfamilienhauses, Autos oder Computers zuwarten, da später alles günstiger sei, kommt die Deflationsspirale erst richtig in Gang. Dem hält Schips jedoch entgegen, die Wirtschaftspolitik reagiere auf solche Signale weit flexibler als in der grossen Depression der 30er Jahre. Unterstützung erhält er von BAK-Chefökonom Christoph Koellreuter, der jene Weltwirtschaftskrise auch mit falschen Reaktionen von Regierungen und Notenbanken in Verbindung bringt. Damals sei keine expansive Geldpolitik betrieben worden, im Fiskalbereich habe man die Steuern erhöht, und hohe Schutzzölle hätten den Protektionismus begünstigt.
*Eine starke Konjunkturbremse*
Trotz den unterschiedlichen Fakten zur Wirtschaftshistorie lässt sich die Deflation nicht einfach wegdiskutieren. Vorsorglich jedenfalls warnt CS-Chefökonom Bischofberger: «Japan zeigt, dass Deflation, hat sie sich einmal eingenistet, schwer zu bekämpfen ist und eine starke Konjunkturbremse sein kann.» Dabei geht es nicht nur um das Phänomen sinkender Preise, die für den Konsumenten eine durchaus positive Wirkung haben. Der technologische Fortschritt und die verschärfte Konkurrenz in liberalisierten Märkten sorgten dafür, dass wir bei den Hightech-Produkten weniger tief ins Portemonnaie greifen mussten.
Solange die Inflationsraten mehrere Prozent betrugen, wurde der disinflationäre Effekt von den Ökonomen mit Applaus zur Kenntnis genommen. Mittlerweile bewegt sich die Teuerungsrate aber nahe der Nullmarke. Rutscht der Index gar ins Minus, entsteht mit dem weiteren Nachfrageeinbruch, Überkapazitäten und der hohen Verschuldung eine gefährliche Mischung. Dem hält Koellreuter entgegen, dass die Überkapazitäten nicht mit der verminderten Konsumnachfrage gekoppelt seien, sondern vielmehr die Folge eines Hightech-Booms, der zunächst auf ein Normalmass zurückfinden müsse. Zum Vergleich: Zwischen 1995 und 2000 entfielen in den US-Firmen rund die Hälfte aller Kapitalinvestitionen auf Ausgaben für die Informationstechnologie. Drastisch gesunkene Bestellungen haben diese Branche mit überschüssigen Kapazitäten zurückgelassen.
*Notenbanken: Wenig Spielraum*
Im Kampf gegen deflationäre Symptome stehen die Notenbanken zusehends mit dem Rücken zur Wand. Zwar verweist Bischofberger auf die rasche Reaktion von US-Notenbankchef Alan Greenspan, der kaum ein halbes Jahr nach der konjunkturellen Trendwende ein dutzendmal die Leitzinsen senkte. Auch die Schweizerische Nationalbank hat danach kräftig an der Zinsschraube nach unten gedreht. Viel Spielraum bleibt in der Geldpolitik nicht mehr, bei einem Zinsniveau, das sich bereits nahe der Nullgrenze bewegt. Zudem zeigt das Beispiel von Japan, dass Zinssenkungen allein keine Wunder bewirken. Es ist durchaus möglich, dass mit den tiefen Zinsen das wirtschaftliche Leiden verlängert wird. Dank zusätzlichen günstigen Krediten können sich ineffiziente Firmen über Wasser halten, die für einen Kapazitätsabbau längst verschwinden müssten. Genau diese Strukturbereinigung hat im Fernen Osten nie stattgefunden und belastet die japanische Wirtschaft seit über einem Jahrzehnt massiv. Ähnliche Anzeichen sind auch in der Schweiz zu beobachten. Damit steigt das Risiko, in einer Deflation zu enden.

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