Die Privatbank Wegelin hat in den letzten Jahren kräftig expandiert. Wollen Sie in die Dimensionen einer Bank Pictet hineinwachsen?

Konrad Hummler: Wachsen wollen wir schon, aber keine zweite Bank Pictet werden. Die Ausgangslage ist auch anders. Pictet gehört einer Familiendynastie. Wegelin ist seit 1998 grossmehrheitlich im Besitz der familienexternen Teilhaber, die das Geschäft führen. Dieses Modell der Mitarbeiterbeteiligung ist eng mit dem Wachstumsgedanken verknüpft.

Haben Sie sich eine bestimmte Grösse als Ziel gesetzt?

Hummler: Nicht direkt, wir möchten jedoch eine unüberschaubare und teure Struktur vermeiden, die nur noch für sich selber lebt. Die Unmittelbarkeit des Geschäfts muss gewahrt bleiben.

Bleibt die Tätigkeit auf die Schweiz konzentriert oder gibt es Überlegungen für eine Expansion ins Ausland?

Hummler: Wir haben uns bewusst auf ein einfaches Geschäftsmuster festgelegt. Jeder neue Rechtskreis, in dem man tätig ist, erhöht die Komplexität exponentiell. Kommt dazu, dass in Europa das Umfeld auch nicht einladend ist, weil die Dienstleistungsfreiheit für Schweizer Banken nur beschränkt besteht. Deshalb haben wir uns für den inländischen Markt entschieden, und dies hat sich als äusserst ergiebig erwiesen.

Decken Sie alle wichtigen Standorte bereits ab?

Hummler: Es gibt geografisch noch einige Regionen, die auf unserem Radar sind. Im kommenden November werden wir in Luzern starten. Jede etablierte Niederlassung erhält nebst dem Pivate Banking ein spezifisches Geschäftsfeld zugeteilt. Bern ist beispielsweise das Kompetenzzentrum für Lösungen in der beruflichen Vorsorge oder in Lausanne wird ein Family Office aufgebaut.

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Wäre eine Onshore-Präsenz etwa im nördlichen Nachbarland trotz schwierigem Marktzugang nicht verlockend?

Hummler: Die Verlockung ist immer da, aber vorderhand möchten wir uns die zusätzlichen Komplikationen ersparen. Das schweizerische Private Banking bleibt, abgesehen vom fiskalischen Aspekt, für die Deutschen und alle anderen Europäer interessant, weil es spezifische Stärken ausspielen kann, die man in diesen Ländern nicht vorfindet. Wir können die Kundenbeziehungen pflegen, verstehen das Banking als sehr persönliches Geschäft und denken global.

Gerade in Steuerfragen ist die Schweiz aber nebst den USA von Deutschland massiv unter Druck geraten. Was braucht es, damit sich die Verhältnisse normalisieren?

Hummler: Die fiskalische Situation hat sich wegen der Wirtschaftskrise dramatisch verschlechtert. Alle grossen Staaten werden die Steuern erhöhen müssen. Bevor dieser Schritt vollzogen wird, versuchen diese Regierungen, andere Substrate anzuzapfen. Da ist die Schweiz auf dem Präsentierteller. Bereits seit zehn Jahren plädiere ich für einen Befreiungsschlag in Form einer pauschal erhobenen Abgeltungssteuer, die in der Schweiz anonym erhoben wird. Das Bankgeheimnis, ein wichtiger Pfeiler unseres Finanzplatzes, liesse sich damit erhalten. In einer Welt, die vor Informationsbedürfnissen und Transparenzfetischismus nur so strotzt, ist der Schutz der finanziellen Privatsphäre ein entscheidendes Element.

Genügt das Zinsbesteuerungsabkommen mit der EU nicht?

Hummler: Die Zinsbesteuerung war ein Schritt in die richtige Richtung. Sie hat aber gewichtige Nachteile. Es ist eine Vorsteuer und keine abgeltende Steuer. Die Steuerpflicht ist damit nicht erledigt. Zudem wurde diese Zinssteuer durch die EU völlig löchrig umgesetzt und taugt deshalb nichts. Musterabkommen für eine Abgeltungssteuer mit einigen gewichtigen EU-Ländern würden zum Ziel führen. Sie könnten danach auf andere Staaten ausgedehnt werden. Deutschland und Italien haben eine solche Abgeltungssteuer bereits eingeführt, obwohl sie sich rhetorisch nach aussen für den Informationsaustausch einsetzen. Ganz nach dem Grundsatz: Lieber 25% von X als 50% von nix.

Sie skizzieren Massnahmen zur Verteidigung des Bankgeheimnisses. Ist das ein Lebensnerv für den Schweizer Finanzplatz?

Hummler: Nicht so sehr für den Finanzplatz als für die Kunden schlechthin. Mit der Bildung von Vermögen ist auch immer eine physische oder rechtliche Gefährdung verbunden.

Im Brennpunkt steht einzig das fiskalische Bankgeheimnis.

Hummer: Ja, da müssen wir den Befreiungsschlag suchen. Wenn es uns gelingt, die fiskalische Komponente vom persönlichen Geheimnisschutz zu trennen, dann können wir diesen Teil des Bankgeheimnisses weltweit völlig unangreifbar anbieten.

Führt eine Abgeltungssteuer zu einem massiven Geldabfluss?

Hummler: Das wird kontrovers beurteilt. Deshalb konnte ich früher mit dieser Idee auch nicht durchdringen. Mir wurde aus der Bankenwelt immer gedeutet, in diesem Fall fliesse das Geld in andere Finanzplätze ab, etwa nach Singapur, Hongkong oder Dubai. Dabei steht die Steuerersparnis bei der Motivation «Geld in die Schweiz zu verschieben» gar nicht zuoberst. Vielmehr ist es der ökonomisch nachvollziehbare Wille, gewisse Vermögenswerte vom Heimatland weg in die Schweiz zu diversifizieren.

In welcher Grössenordnung werden Gelder abgezogen?

Hummler: Das kann ich in konkreten Zahlen nicht sagen. Sofern die Auffanglinie im erwähnten Sinn bald und klar kommuniziert wird, dürften weniger Mittel abfliessen als mit den jetzigen Verfahren, bei denen eine vollständige Rechtsunsicherheit besteht.

Nach jüngsten Studien geht ein Drittel der Banken wegen der Wirtschaftskrise von einem weiteren Stellenabbau aus. Schrumpft der Finanzplatz?

Hummler: Im Brennpunkt des aktuellen Schrumpfungsprozesses steht nicht die klassische Vermögensverwaltung, die natürlich ebenfalls leidet. Davon betroffen sind aber in erster Linie die massiv aufgeblähten Kapazitäten des Investment Banking. Strukturell lassen sich mit der IT laufend Produktivitätssteigerungen erzielen. Das führt nicht unbedingt zu mehr, aber qualitativ höherwertigen Arbeitsplätzen.

Im Masterplan für die Finanzindustrie ist von gegen 80000 neuen Arbeitsplätzen bis 2015 die Rede. Wie realistisch ist dieses Strategiepapier heute?

Hummler: Dieser Plan wurde vor der Finanzkrise entwickelt. Ich bin solchen Strategieübungen mit quantitativen Vorgaben immer skeptisch gegenübergestanden. Wir müssen die globalen Veränderungen rechtzeitig erkennen und uns richtig positionieren, dann zeichnen sich Wachstumschancen ab, die auch neue Arbeitsplätze schaffen.

Vom Steuerstreit ist auch die Reputation des Finanzplatzes betroffen.

Hummler: Das erachte ich nicht als derart schlimm, auch im Vergleich zu London oder New York, mit Figuren wie einem Bernard Madoff.

Als Privatbankier haften Sie mit dem eigenen Vermögen. Gibt es nicht das Angstgefühl, dass man bei einer Schieflage der Bank alles verlieren könnte?

Hummler: Ja, dieses Konkursrisiko bestimmt laufend unser Leben. Vom Wissen um eine solche Gefährdung sind auch die Diskussionen in der Geschäftsleitung geprägt. Oft wird man sich nicht einig und verzichtet auf riskante Projekte.

Handeln Sie vorsichtiger als andere Geldmanager?

Hummler: Selbstverständlich. Dies ist der grösste Unterschied zu einem Banker, der als Agent zugunsten der Aktionäre agiert. Wir haben in unserem Haus eine sehr direkte Einflussnahme auf die Geschäftspolitik.

Traditionelle Privatbanken, wie Bär oder Vontobel, haben sich zu einer Aktiengesellschaft gewandelt. Sind die verbliebenen Institute mit unbeschränkt haftenden Teilhabern in der globalisierten Welt nicht ein Auslaufmodell?

Hummler: Für eine kapitalintensive Tätigkeit ist diese Überlegung richtig. Das gilt aber nicht für das Beratungsgeschäft im Private Banking. In diesem Fall lohnt sich das Geschäftsmodell, es sei denn, man wolle mit der Umwandlung in eine Aktiengesellschaft das grosse Geld machen. Bei uns ist das auszuschliessen, weil immer wieder eine neue Generation bereit sein wird, um die Führung zu übernehmen.

Wo liegen die Vorteile für eine solche Privatbank?

Hummler: Wir verfügen über eine wesentlich einfachere Führungsstruktur ohne Verwaltungsrat. Das verkürzt die Entscheidungswege.

Gibt es auch eine niedrigere Fluktuationsrate?

Hummler: Wir haben praktisch keine Austritte. Von Headhuntern höre ich, dass es schwierig sei, Leute von unserer Bank abzuwerben, obwohl unser Lohnniveau nicht unbedingt dem entspricht, was andernorts bezahlt wird. Dafür besteht die Beteiligungsmöglichkeit.

Welche Rolle messen Sie langjährigen Vermögensverwaltern bei der Gewinnung von neuen Kunden zu?

Hummler: Normalerweise generiert ein Berater über seinen Kundenstamm via Mund-zu-Mund-Propaganda zusätzliche Kunden. Das ist für uns das beste Marketing.

Die Kunden bleiben einer Privatbank nicht mehr wie früher ewig treu. Wie reagieren Sie auf diese neuen Bedürfnisse?

Hummler: Wegelin war immer Zweitbank. Wir mussten gegenüber anderen Geldinstititen bestehen. Da bleibt man enorm sportlich. Dazu gehören Gebühren, die deutlich unter der Konkurrenz liegen, nicht nur für Grosskunden, sondern auch für kleinere Vermögen.

Wegelin hat sich in Verbindung mit der Universität St. Gallen bei den strukturierten Produkten eine Namen gemacht. Wie stark ist dieses Geschäft eingebrochen?

Hummler: Der Markt ist markant geschrumpft. Viele Gegenparteien, wie etwa Lehman Bros., existieren nicht mehr. Die strukturierten Produkte werden wieder aufleben, sobald das Problem des Gegenparteienrisikos geregelt ist. Ich hoffe, dass die intransparenten Strategien vom Markt verschwinden. Wir haben uns von Beginn weg auf die Plain-Vanilla-Strukturen konzentriert.