Täglich schockt die Autoindustrie mit neuen Hiobsbotschaften. Haben Sie als Chef eines Autozulieferers noch Lust, in der Früh die Zeitung aufzuschlagen?

Yves Serra: Gottseidank erscheint die «Handelszeitung» nur einmal pro Woche (lacht).

Sie lesen nur die «Handelszeitung»?


Serra: Spass beiseite: Im Moment wird man mit Informationen regelrecht überflutet. Die Kunst ist, nun die relevanten Nachrichten herauszufiltern.

Und? Was für ein Bild machen Sie sich?

Serra: Die Situation ist sehr angespannt - sie wird teilweise aber schlimmer dargestellt, als sie tatsächlich ist.

In der globalen Autoindustrie werden die Karten neu gemischt - Stichwort Fiat-Opel-Chrysler und Volkswagen-Porsche. Was heisst das für Georg Fischer?

Serra: Wir beliefern fast alle europäischen Autohersteller mit unseren Produkten. Welche Folgen Zusammenschlüsse unter grossen Herstellern für uns haben, können wir heute nicht beurteilen. Wir arbeiten weiter daran, möglichst breit abgestützt zu sein, um Klumpenrisiken im Kundenportfolio zu verhindern.

Werden Zuliefererverträge frisch verhandelt, wenn sich neue Konzerne bilden?

Serra: Das ist möglich. Bedenken Sie aber, dass Verträge mit Giessereien wie unseren sehr langfristig angelegt sind, wir sprechen hier im Schnitt von sechs bis acht Jahren. Es ist kaum möglich - für beide Seiten -, die Verträge zu kündigen.

Viele Zulieferer nutzen die Krise, um ihre Position gegenüber den Herstellern zu verbessern - etwa, indem sie die Zahlungskonditionen verschärfen oder auf Abnahmezusicherungen pochen. Was wollen Sie für Georg Fischer herausholen?

Serra: Wir sprechen derzeit mit unseren Kunden, um Preisveränderungen beim Eisenschrott bereits nach einem Monat weitergeben zu können. Vorher lag die Frist bei drei Monaten - darunter haben wir im vergangenen Sommer und Herbst, als der Eisenschrottpreis markant angestiegen ist, sehr gelitten. Jetzt sind die Preise zwar stark gesunken, womit das Problem vorübergehend vom Tisch ist. Aber wir wollen für die Zukunft besser gerüstet sein, denn wir gehen davon aus, dass die Preise mittel- bis langfristig wieder anziehen. Ein weiteres Beispiel sind Aufträge, die wir in Kundengesprächen kurzfristig akquirieren konnten.

Anzeige

Können Sie das präzisieren?

Serra: Hersteller vergeben die Produktion von Teilen fast immer an mehrere Zulieferer, um sich gegen Ausfallrisiken abzusichern. Nun sind einige Lieferanten in Schwierigkeiten geraten - oder zumindest sind Hersteller zu diesem Schluss gekommen. Einige unserer Kunden sind kürzlich an uns herangetreten und haben angefragt, ob wir das Produktionsvolumen von Mitbewerbern kurzfristig übernehmen können.

Sie haben doch aber in Ihren Werken die Produktion gedrosselt. Können Sie die Kapazitäten so schnell wieder hochfahren?

Serra: Ja, ohne Zweifel für die Teile, die wir schon produzieren. Wenn es um neue Teile geht, braucht es im Schnitt zwei bis drei Jahre, bis wir damit in Serienproduktion gehen können.

Wie viel zusätzlichen Umsatz bringen diese zusätzlichen Aufträge?

Serra: Wir gehen von rund 5% auf Stufe Umsatz aus.

Machen Sie damit auch Gewinn?

Serra: Sie können versichert sein, dass wir nicht um jeden Preis Aufträge akquirieren. Wenn wir damit nichts verdienen, lassen wir es.

Viele Hersteller bestehen darauf, dass ihre Zulieferer in ihrer Nähe produzieren. Nun hat Fiat angekündigt, erstmals seit den 80er-Jahren wieder in Amerika produzieren zu wollen. GF hat sich erst kürzlich mit dem Autogeschäft von diesem Kontinent verabschiedet. Ein Fehler?

Serra: Wir sind flexibel und können unsere Kunden auch aus anderen Giessereien auf anderen Kontinenten beliefern. Wir wollen aber zuerst bestehende Kapazitäten gut auslasten.

In China erweitern Sie die Produktion. Warum braucht es dort zusätzliche Kapazitäten?

Serra: Richtig, wir errichten gerade eine neue Eisengiesserei. In China läuft das Geschäft nach wie vor gut. Die latente Nachfrage auf dem Binnenmarkt bleibt hoch. Die chinesische Regierung unternimmt zudem alles, um die Konsumentenstimmung positiv zu beeinflussen, etwa mit günstigen Krediten.

Wie entwickelt sich die weltweite Autoindustrie in den nächsten Monaten?

Serra: Der Lagerabbau bei unseren Kunden ist noch im Gang. Danach erwarten wir auf tiefem Niveau eine leichte Erholung.

Wann?

Serra: Der Lagerabbau sollte im Juni, Juli abgeschlossen sein. Die Trendwende dürfte noch in diesem Jahr einsetzen.

Hat GF von der Abwrackprämie in Deutschland profitiert?

Serra: Ja. Im März konnten wir in einigen Werken die Produktion leicht hochfahren und den Anteil der Kurzarbeit etwas reduzieren.

GF Automotive hat 2008 einen Verlust geschrieben. Wie ist das 1. Halbjahr 2009 bisher angelaufen?

Serra: Die Zahlen zum 1. Semester präsentieren wir am 17. Juli, bis dahin kann ich nichts zum Geschäftsverlauf sagen. Operativ hat GF Automotive übrigens im vergangenen Jahr keinen Verlust gemacht, sondern dies erst nach einer Abschreibung auf Goodwill und Anlagevermögen.

Sind die ersten drei Monate 2009 für GF Automotive besser gelaufen als das Schlussquartal 2008?

Serra: Die Talsohle haben wir vermutlich erreicht. Die Frage ist nun, wann genau die Produktion wieder anzieht.

Im Februar kündigten Sie an, dass Sie alle Automobilwerke überprüfen. Kommen Werkschliessungen in Frage, wenn keine Erholung einsetzt?

Serra: Das ist nicht auszuschliessen.

Um die Rückgänge im Automotive-Geschäft zu kompensieren, treiben Sie den Ausbau der Rohrleitungssysteme-Sparte voran. Welche Pläne haben Sie für das laufende Jahr?

Serra: Im vergangenen Jahr haben wir drei Unternehmen akquiriert, derzeit sind wir mit der Integration der Firmen in unseren Konzern beschäftigt.

Wie läuft das Geschäft mit Central Plastics? Spürt die Marktleaderin von Rohrleitungssystemen für die Gas- und Wasserversorgung auf dem nordamerikanischen Markt die Rezession?

Serra: Selbstverständlich spüren alle unsere Gesellschaften die Rezession. Central Plastics ist vorwiegend im Tiefbau aktiv und läuft nach wie vor gut, weil der Markt für Reparaturen stabil bleibt.

Wo legen Sie mit der Rohrleitungssparte in diesem Jahr die Schwerpunkte?

Serra: Wir eröffnen in rund einem Monat unser neues Werk in Indien. In China haben wir zwei neue Fabriken gebaut, nun verfügen wir dort über insgesamt zehn Werke. Die Sparte ist meiner Meinung nach in einer guten Ausgangslage - trotz der Rezession und dem Winter, der in Europa sehr kalt und lang war. Wegen der Witterung verzeichnete die Sparte im Januar und Februar weniger Umsatz als in der Vorjahresperiode. Doch seit März sehen wir klar positive Impulse.

Wie wird das Gesamtjahr für GF Piping Systems?

Serra: Das Ergebnis dürfte im Vergleich zum Vorjahr relativ stabil bleiben. Bis jetzt sehen wir jedenfalls keinerlei Anzeichen für einen Einbruch.

Der Anteil von GF Piping Systems am Konzernumsatz ist 2008 auf 28% gestiegen. Sie wollen mit der Sparte weiter expandieren. Wie gross wird der Anteil mittelfristig sein?

Serra: Unsere Strategie sieht vor, GF Piping Systems überproportional wachsen zu lassen. Der Anteil kann in den nächsten fünf Jahren bis auf 35 bis 40% steigen.

Kommen 2009 weitere Akquisitionen bei GF Piping Systems in Frage?

Serra: Wir betrachten es als Jahr der Konsolidierung, weniger als Jahr der Zukäufe.

Der Konzern kämpft bei seiner Pensionskasse mit einer massiven Unterdeckung. Sind zusätzliche Rückstellungen für die PK-Sanierung nötig?

Serra: Nein. Die Vermögenssituation und die Vorsorgeansprüche der Personalvorsorgeverpflichtungen der PK sind in der Konzernrechnung 2008 bereits enthalten.

Was unternehmen Sie, um die Liquidität im laufenden Jahr zu schonen?

Serra: Neben der Reduktion des Umlaufvermögens haben wir die Investitionen um rund einen Drittel gesenkt.

160 Mio Fr. für Investitionen - noch immer eine beachtliche Summe.

Serra: Wir haben viele Ausgaben verschoben oder gestrichen. Ausnahmen bilden absolut notwendige Aufwendungen für Kundenaufträge und solche, die aus Kostengründen nicht mehr zu stoppen waren.

Kommen Devestitionen in Frage, um Cash zu generieren?

Serra: Wir haben eine Reihe von nichtbetrieblichen Liegenschaften. Wir prüfen derzeit, ob und welche veräussert werden könnten.

Wie viel Wert hat dieses Portfolio?

Serra: Das hängt stark vom Markt ab. An der Halbjahreskonferenz im Juli kann ich mehr dazu sagen.

Ist eine Unternehmensanleihe denkbar?

Serra: Wenn der Markt dafür vorhanden ist, warum nicht? Auf jeden Fall prüfen wir alle Optionen.