Die Anleger sind durch die US-Immobilienkrise stark verunsichert. Wie schätzen Sie die aktuelle Marktsituation ein?

Konrad Hummler: Nach der anhaltenden Börsenhausse der letzten fünf Jahre reagieren die Investoren auf Rückschläge sehr nervös, weil sie davon ausgehen, dass der Aufschwung irgendwann ein Ende finden muss. Davon halte ich aber nichts. Betrachtet man nämlich das makroökonomische Umfeld, so sieht man, dass die Rahmenbedingungen nach wie vor exzellent sind: Wir haben keine Inflation und erwarten auch keine, es wird eine akkomodative Geldpolitik betrieben und auch das Zinsumfeld ist erfreulich. Der derzeitige wirtschaftliche Aufschwung ist historisch einmalig, da er weltweit stattfindet und dadurch auch in den Schwellenländern der Konsum und die Binnennachfrage steigen. In diesem günstigen makroökonomischen Umfeld verfügen die Firmen insgesamt über gesunde Bilanzen und es ist kein starkes Leverage in der Finanzierung der Unternehmungen festzustellen.

Also kein Grund zur Verunsicherung?

Hummler: Wir haben auf der Finanzierungsseite der Weltwirtschaft Erscheinungen, die Übertreibungen aufweisen. Insbesondere die Risikoprämien im Finanzsektor waren in den vergangenen Jahren zu tief. Nun folgt die Korrektur. Hinzu kommt eine neue Geldpolitik der amerikanischen Zentralbank Fed, die weniger nahe bei Wall Street ist als bis anhin. Mit dem Zinsentscheid von letzter Woche ist eine Abkehr von der traditionellen Politik von Greenspan sichtbar geworden. Greenspan hat sich an der Börse orientiert und gemacht, was die Märkte wollten. Bernanke scheint sich dagegen auf die echte Geldpolitik zu konzentrieren.

Sind Sie ein Befürworter dieser Linie?

Hummler: Ja, für mich war die Position von Greenspan immer problematisch. Greenspan war ein Glücksritter, der in der richtigen Zeit die Geldpolitik gemacht hat, die dem Finanzmarkt am besten gefallen hat. Wäre er nicht in einer Zeit tätig gewesen, in der durch die Globalisierung eine deutliche Produktivitätssteigerung möglich wurde, wäre seine grosszügige Geldpolitik völlig daneben gewesen. Unter Bernanke wird es wahrscheinlich zu einer Normalisierung der Produktivitätssteigerungen kommen, was eine Normalisierung der Geldpolitik zur Folge haben wird. Daran müssen sich die Finanzmärkte gewöhnen, was mit einer Steigerung der
Volatilität verbunden ist.

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Wie geht es weiter an der Börse?

Hummler: Es werden noch einige ruppige Monate folgen. Die Risikoprämien müssen höher werden, was den Markt belasten wird. Für jene, die ein hohes Leverage eingegangen sind, kommt es zu einer Verteuerung des Geldes.

Wegen der US-Hypothekarkrise sind vor allem die Finanzinstitute unter die Räder gekommen. Wie erklären Sie sich das?

Hummler: Solange man nicht weiss, welche Bank auf welche Weise betroffen ist, sitzen alle im gleichen Boot. Danach kommt die Trennung von Spreu und Weizen. Dies ist im Prinzip auch richtig und bringt neue Chancen.

Sind Finanztitel demnach wieder interessant?

Hummler: Man sollte die Titel sehr differenziert analysieren. Grundsätzlich ist der Finanzsektor, was das Kurs-Gewinn-Verhältnis betrifft, nicht teuer. Es besteht jedoch ein grosser Unsicherheitsfaktor.

Wie schätzen Sie die Situation im US-Immobilienmarkt ein, dem eigentlichen Auslöser der derzeitigen Korrektur?

Hummler: Das Hauptproblem ist, dass Subprime-Mortgages als Hypotheken bezeichnet werden, obwohl sie eigentlich gar keine sind. Denn als Hinterlegung der Kredite dienen bessere Gartenhäuser. Ich würde sie vielmehr als Personenkredite bezeichnen, die ein entsprechendes Pricing benötigen. Und dieses ist offensichtlich nicht gegeben, was die aktuelle Korrektur zur Folge hat. Ich erwarte nicht, dass die Subprime-Mortgages eine Immobilienkrise auslösen können, da Gartenhäuser keinen Wert haben. Eine Preiskorrektur am US-Immobilienmarkt ist aber im Gang, da er seit zwei Jahren hoch bewertet ist. Diese Korrektur sollte vom Finanzsystem bewältigt werden können.

Durch die Korrektur an der Börse ist die Übernahmewelle in den Hintergrund gerückt. Wie schätzen Sie diesbezüglich die verstärkten Aktivitäten der Hedge-Fonds und Private-Equity-Gesellschaften ein?

Hummler: In einer Börsenhausse wird die Übernahmetätigkeit angetrieben. Insofern ist es schwierig zu sagen, welche Akquisitionen zyklisch bedingt waren und welche durch einen strukturellen Handlungsbedarf angetrieben wurden. Insgesamt erfolgen Übernahmen heute sehr differenziert und führen vielfach auch zu Spin-offs, nachdem ein Portfolio redimensioniert wurde. Firmenkäufe können durchaus positiv sein.

Ihr Image ist aber negativ.

Hummler: Es ist ein Schreckgespenst, dass dadurch Firmen vernichtet werden. Das Gegenteil ist der Fall: Da kein Investor Geld verlieren will, werden suboptimal geführte Gesellschaften in einen besseren Zustand gebracht. Aus diesem Grund stimmt der Begriff «feindliche Übernahme» nicht: Für das Management mag
die Akquisition feindlich sein, gegen die Firma ist sie aber sicher nicht gerichtet.

Schmerzt es Sie nicht, als Verfechter des Finanzplatzes Schweiz, wenn Firmen dadurch in ausländische Hände geraten?

Hummler: Nein, absolut nicht. Entweder tritt man für einen freien Kapitalmarkt mit allen Konsequenzen ein oder gar nicht. Irgendwelche Heimatschutzgedanken sind nicht angebracht.

In welchem Zustand befindet sich der Finanzplatz Schweiz?

Hummler: Insgesamt sind wir sehr konkurrenzfähig. Und zwar nicht bloss auf unserem eigenen Finanzplatz, sondern, unter dem Label Schweiz, auch im Ausland. Erfolgbestimmend ist das gesamte System, zu dem auch das Bankgeheimnis, die Rechtssicherheit, eine vernünftige Amts- und Rechtshilfe sowie eine vernünftige Regulierungskadenz gehören. Mir ist es ein Anliegen, dass die Rahmenbedingungen mit berücksichtigt werden und nicht nur die «Excellence in Banking». Dies wäre überheblich und stimmt so nicht.

Wo sehen Sie die Vorteile gegenüber Finanzplätzen wie Singapur und Dubai?

Hummler: Wir haben einen Finanzplatz, der sich bereits in verschiedenen Phasen der Weltgeschichte bewährt hat. Zudem funktioniert der Cluster aus Finanzinstituten, den richtigen Schulen, Ausbildungen, Universitäten und einem interessanten Arbeitsmarkt.

Wohin wird sich der Finanzplatz Schweiz in den nächsten Jahren weiterentwickeln?

Hummler: Es wird eine zunehmende Spezialisierung auf das Wealth Management geben. Und es kommt zu einer Entkoppelung dieses Geschäftes, das heisst, dass die Abwicklung unter Umständen an einem anderen Ort erfolgt als hierzulande. London steht beispielsweise für strukturierte Produkte, während die Fonds-Industrie woanders ist. Die Kernkompetenz, der Umgang mit den Kunden, wird den Finanzplatz Schweiz ausmachen.

Kommen wir zur Bank Wegelin. Seit kurzem geben Sie Geschäftszahlen
bekannt. Wird diese Öffnung dereinst in einem IPO münden?

Hummler: Nein, das ist ausgeschlossen. Wir haben eine starke Mitarbeiterbeteiligung, die uns zur Abstützung genügt. Aber wir sind der Meinung, dass die Kunden und auch das Publikum wissen sollen, dass wir nicht irgendeine Nischenbank aus einer komischen Gegend der Schweiz sind, sondern uns zu einer ernstzunehmenden Kraft entwickelt haben.

Wie hat sich das Geschäft im laufenden Jahr entwickelt?

Hummler: Hoch erfreulich. Wir haben seit Anfang Jahr das verwaltete Vermögen von 17 Mrd Fr. auf heute 20 Mrd Fr. gesteigert.

Woher kommen diese Gelder?

Hummler: Das Privatkundengeschäft läuft sehr gut. Wir haben aber auch einen namhaften Zufluss von institutionellen Geldern aus dem In- und Ausland.

Wo werden Sie Ende des Jahres stehen?

Hummler: Wir werden wohl 1 oder 2 Mrd Franken mehr verwalten. Die Steigerung kam in diesem Jahr aber auch mit Hilfe der guten Märkte zustande.

Wie lange hält dieses Wachstum an?

Hummler: Solange das Ganze nicht zu komplex und unüberschaubar wird, werden wir unsere eingeschlagene Wachstumsstrategie fortführen und das Geschäftsmodell multiplizieren. Nach Genf im Mai werden wir Ende August 2007 einen Standort in Locarno eröffnen.

Könnten Sie sich auch den Verkauf der Bank Wegelin vorstellen?

Hummler: Das ist unmöglich, auch wenn ich jede Woche Anfragen erhalte. Wegelin gehört im Wesentlichen den jetzigen Teilhabern und den Mitarbeitern. Von denen hat niemand das geringste Interesse, die Bank zu verkaufen. Denn im Vermögensverwaltungsgeschäft kann man nur einmal verkaufen und am Ende wird man von einer grossen Struktur geschluckt.

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Steckbrief

Name: Konrad Hummler
Funktion: Geschäftsführender
Teilhaber von Wegelin & Co., St. Gallen
Alter: 54
Wohnort: Teufen AR
Familie: Verheiratet, vier Kinder

Karriere

- 1981–1989: Schweizerische Bankgesellschaft (SBG)
- Seit 1989: Wegelin & Co. Privatbankiers, seit 1991 als Teilhaber
- Seit 2004: Bankrat der Schweizerischen Nationalbank

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Wegelin & Co.

Unbeschränkte Haftung
Die Privatbank Wegelin & Co. gilt als älteste Bank der Schweiz (1741). Als Kommanditgesellschaft sind deren geschäftsführende Teilhaber unbeschränkt für die Geschäftstätigkeit haftbar. Die Bank beschäftigt an derzeit acht Standorten (Ende August Eröffnung Locarno) über 250 Mitarbeiter und verwaltet ein Vermögen von rund 20 Mrd Fr.

Beteiligungsmöglichkeit
Durch eine Beteiligungsmöglichkeit, eine durchlässige Führungsstruktur und eine enge Zusammenarbeit mit der Universität St. Gallen hat Wegelin auch ohne Top-Saläre keine Rekrutierungsprobleme.