Die Flucht der Investoren aus den Aktienmärkten hinein in den «sicheren Hafen» der Anleihen bleibt nicht ohne Folgen: Die Renditen der Staatsanleihen purzeln. Zehnjährige US-Staatsanleihen rentieren 3,75%, deutsche 4,20% und schweizerische 2,73%.

Spiegelbildlich öffnen sich die Differenzen zwischen Unternehmens- und Staatsanleihen. Setzen die Verwerfungen an den Finanzmärkten erneut ein, dann gehen diese Trends weiter. Ob es ein guter Rat ist, sie mitzumachen, halten Anlageprofis allerdings für fraglich. Besser bekomme es den Anlegern, die Verwerfungen differenziert zu betrachten, glaubt John Feigl, Head Swiss Institutional Credit Research bei der Credit Suisse. «Es ist entscheidend, die Marktseite von der fundamentalen Seite zu trennen und sich zu überlegen, ob die Volatilität am Finanzmarkt mit der fundamentalen Situation eines Unternehmens im Zusammenhang steht.» Wichtig sei nun, dass man die Dinge klaren Auges betrachtet, stellt Feigl fest.

Nestlé, Roche oder Hilti

Dazu gehört für Feigl die Analyse des Kreditprofils eines Unternehmens. Aber auch ein anderer Aspekt ist wichtig: «Es wird immer eine Nachfrage nach Produkten der Unternehmen geben», erläutert Feigl. Und Anleihen von starken und international breit diversifizierten Unternehmen wie Roche, Nestlé oder Hilti seien deshalb durchaus solide Anlagen.

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Ein wichtiger Punkt ist für ihn auch die verbesserte Ausgangslage vieler Schweizer Unternehmen. Insgesamt seien die Bilanzen jener Schweizer Firmen, die das Researchteam der Credit Suisse analysiere, solider als in früheren Abschwungsphasen. «Viele haben in den vergangenen Jahren Cash-Positionen aufgebaut», sagt Feigl. Der Sprung von Firmen- in Staatsanleihen ist also aus Sicht der fundamentalen Analyse der Unternehmen selber nur bedingt gerechtfertigt.

Langläufer könnten stürzen

Dies umso mehr, als etwa der Kauf lang laufender Staatsanleihen nicht unproblematisch ist. Die Kurse sind zwar gestiegen. Aber auch im Falle der Staatsanleihen lohnt sich ein nüchterner Blick. Eine Beobachtung ist, dass die Renditedifferenzen zwischen Geldmarktanlagen und 10-jährigen Zinssätzen sehr gering geworden sind. Das impliziert, dass die Entschädigung für das Halten einer 10-jährigen Staatsanleihe bescheiden ist.

Und dabei bestehen durchaus auch Gefahren. Was in den USA geschieht, ist ein enormer Risikotransfer hin zum Staat. Schon jetzt muss der Staat die Bürde von Fannie Mae und Fredie Mac schultern. Sie halten insgesamt die Hälfte aller ausstehenden Hypotheken, also rund 5 Billionen Dollar. Nun soll zudem ein vom Staat garantierter Fonds geschaffen werden, in den die schlechten Vermögenswerte von bis zu 1 Billion Dollar eingeschossen werden.

Damit ist der Weg zu einer Explosion der Staatsverschuldung geebnet. Notabene in einem Staat, der schon jetzt mit ungedeckten Verpflichtungen eingedeckt ist.

Nur bescheidene Risikoprämie

Rechnet man all die künftigen ungedeckten Verpflichtungen aus diesen Programmen zusammen, ergibt sich eine Summe von knapp 100 Billionen Dollar.

Um eine solche Last zu tragen, ist ein massives Wirtschaftswachstum nötig. Aber genau dieses wird fehlen. Berechnungen aus früheren Finanzkrisen in anderen Ländern ergeben Kosten von Finanzkrisen von im Schnitt 14% am BIP. Die USA sind also hochgradig geleveraged.

Dabei ist alles andere als klar, ob die Obligationäre in den kommenden politischen Verteilungskämpfen um knappe Mittel als Sieger hervorgehen. Jetzt schon droht ihnen ein Kursverlust, sollte die USA ihr AAA-Rating verlieren. Und für all diese Risiken erhalten die Halter von US-Staatsobligationen bestenfalls eine bescheidene Risikoprämie. Das erinnert stark an den Kreditboom, wo ebenfalls mickrige Risikoprämien akzeptiert wurden.

 

 

nachgefragt


«Die Ausfallraten werden wieder ansteigen»

Michael Krautzberger, Fondsmanager BGF Euro Bond Fund bei BlackRock, setzt derzeit auf kurze und mittlere Laufzeiten.

Als wie attraktiv schätzen Sie die Bondsmärkte ein?

Michael Krautzberger: Wir erwarten, dass die aktuelle Wirtschaftsabschwächung mehr oder weniger global sein wird und das Inflationsproblem damit automatisch in den Hintergrund rückt. Die europäischen Anleihenmärk-te sind deshalb relativ attraktiv.

Das Anlegerinteresse an Bonds hat stark zugenommen. Doch stimmt der Zeitpunkt für den Einstieg?

Krautzberger: Der Zeitpunkt ist derzeit nicht unbedingt optimal. Wir kaufen also nicht aggressiv zu, wie wir es noch im Juni getan haben. Bonds sind für uns allerdings immer noch haltenswert und wir haben Anleihen höher gewichtet als die Benchmark.

Wo sehen Sie Chancen?

Krautzberger: Die Eurozone ist relativ attraktiv, besonders gefallen uns die 2- bis 5-jährigen Bonds. Dagegen sind wir in den USA untergewichtet. Denn wir glauben, dass wir das Tief bei den Leitzinsen bereits hinter uns haben.

Welche Sektoren sind interessant?

Krautzberger: Im Kreditbereich sind wir zurzeit sehr vorsichtig. Zyklische Titel haben wir aufgrund der negativen Konjunkturerwartungen untergewichtet. Im Zuge der aktuellen Krise in Finanztiteln tun sich hier mittelfristige Chancen auf. Bei Bonds im High-Yield-Bereich ist dagegen Vorsicht angebracht. Die Ausfallraten werden im Zuge der wirtschaftlichen Abschwächung weiter ansteigen.