Die Aktienmärkte haben seit Jahresbeginn kräftig nach unten korrigiert. Ist das jetzt die von Ihnen bereits früher prognostizierte schlechte Börse, die es braucht, um schon bald eine gute zu bekommen?

Martin Hüfner: Ja, das ist grundsätzlich richtig. Allerdings ist die Entwicklung insbesondere in den Kreditmärkten schlechter verlaufen, als wir dies vor Jahresfrist vorausgesehen haben. Die Aktienmärkte haben sich trotz dem Taucher vergleichsweise besser entwickelt. Nun stellt sich die Frage, ob sich die Risikopapiere den Kreditmärkten nach unten anpassen oder die Finanzkrise bald zu Ende ist und sich die Börse wieder erholt. Aus meiner Sicht ist die Korrektur an den Aktienmärkten noch nicht vorbei.

Die Finanzkrise dauert bereits zwölf Monate. Ist kein Ende abzusehen?

Hüfner: Im Moment sieht es etwas besser aus. Aber ich bleibe vorsichtig. Die andauernden Abschreibungen bei den Banken führen zu einer restriktiveren Kreditgewährung an die Finanzmarktakteure, wie Hedge-Fonds und Private-Equity-Firmen, ebenso wie an die Wirtschaft allgemein. Das ist eine gefährliche Spirale nach unten. Es fehlt nicht am Geld, aber am Vertrauen. Positiv ist, dass es inzwischen Investoren gibt, die die Abschreibungen der Banken für übertrieben halten und problembehaftete Vermögensgüter kaufen. Da deutet sich eine stabilisierende Spekulation an. Sie ist aber noch nicht so etabliert, dass man darauf wirklich bauen kann.

Anzeige

Von den Notenbanken wurden Milliardenbeträge in den Markt gepumpt, und die Leitzinsen sinken ständig. Sorgt das nicht für eine Stabilisierung an den Kapitalmärkten?

Hüfner: Wir haben kein Liquiditäts-, sondern ein Bonitätsproblem. Im Fall von Bear Stearns hat die US-Notenbank erstmals Garantien abgegeben und damit diese Bonitätsfrage angegangen. Aber es ist nicht Aufgabe der Zentralbanken, diese Absicherung bei den privaten Banken vorzunehmen.

Was braucht es, damit sich dieVertrauenskrise unter den Banken verflüchtigt?

Hüfner: Der Abwärtstrend an den Kreditmärkten muss gestoppt werden. Das kann nicht über staatliche Interventionen geschehen, die letztlich vom Steuerzahler zu berappen sind. Denkbar sind sogenannte Pensionsgeschäfte, bei denen etwa der Internationale Währungsfonds die notleidenden Kredite in Pension nimmt. Die betroffenen Banken müssten sie nach zwei bis drei Jahren wieder zurücknehmen. Das würde für eine Stabilisierung an den Kapitalmärkten sorgen.

Ist mehr Transparenz nötig?

Hüfner: Den Banken wurde zum Teil zum Vorwurf gemacht, dass sie ihre risikobehafteten Positionen nur scheibchenweise offen legen. Mittlerweile ist praktisch alles auf dem Tisch. Aber es kommen von Quartal zu Quartal neue negative Fakten dazu. Da hilft die Transparenz allein wenig. Es besteht aber die Gefahr, dass die Staaten nun in eine eigentliche Regulierungswut verfallen, die für das effiziente Funktionieren der Märkte hinderlich ist.

Solange die Banken bei der Kreditgewährung zurückhaltend sind, dämpft das auch die wirtschaftlichen Aussichten. Schlittern wir in eine Rezession?

Hüfner: Die USA sind bereits in einer Rezession. In Europa beobachten wir eine wirtschaftliche Abschwächung, aber von einer Rezession kann man nicht reden.

In der Schweiz rechnen die Konjunkturprognostiker nicht mit einer Rezession. Man erkennt eine Finanzkrise, aber keine Wirtschaftskrise.

Hüfner: Ja, das ist grundsätzlich richtig. Aber die wirtschaftliche Eintrübung kommt mit einer zeitlichen Verzögerung. Das 1. Quartal 2008 sieht noch ganz gut aus. Die Folgen dieser Finanzkrise werden jedoch im 2. Halbjahr spürbar sein. Wir werden eine konjunkturelle Abschwächung bekommen, die auch den Aktienmarkt belastet. Das gilt speziell auch für die Schweiz als ausgeprägte Exportnation.

Die meisten Schwellenländer haben ihre wirtschaftliche Situation deutlich verbessert. Sorgt dieses Wachstum für Impulse in den Industrieländern?

Hüfner: Mit Sicherheit. Diese Emerging Markets sind ein wichtiger Stabilitätsbaustein.

Welche Emerging Markets sind für die Anleger besonders attraktiv?

Hüfner: Zunächst die Schwellenländer, die von den hohen Rohstoffpreisen profitieren. Diese Notierungen sind aber nicht nur durch die realwirtschaftliche Entwicklung getrieben, sondern auch durch spekulative Kräfte. Solange die Rohstoffpreise halten, würde ich insbesondere auf Brasilien und Russland setzen. Auch der Nahe Osten gefällt mir gut. Bei China wäre ich vorsichtig, weil dort die Wirtschaftszahlen bis zu den Olympischen Spielen möglicherweise frisiert werden. Danach ist mit negativen Überraschungen zu rechnen.

Der Dollar hat sich gegenüber dem Schweizer Franken auf ein Austauschverhältnis von eins zu eins abgeschwächt. Ist diese Parität ein vorübergehendes Phänomen, weil die Investoren ihr Geld bei wirtschaftlicher Unsicherheit in den sicheren Hafen Schweiz lenken?

Hüfner: Diese «Safe Haven»-Funktion spielt sicher eine Rolle. Die Erholung des Schweizer Frankens hängt aber auch damit zusammen, dass die Carry Trades zurückgeführt wurden. Das kann sich rasch wieder ändern, wenn die Finanzkrise ausgestanden ist. Der Dollar ist, gemessen an der Kaufkraft, derzeit viel zu schwach. Die Exporttätigkeit und die Leistungsbilanz der Amerikaner sind robust. Die amerikanische Notenbank wird die Leitzinsen anheben, sobald sich das Geschehen an den Kreditmärkten beruhigt. Im 2. Halbjahr dürfte der Dollar wieder stärker werden.

Mit dem schwachen Dollar sichert sich die US-Wirtschaft als Exporteur einen Preisvorteil auf den Drittmärkten. Spricht das bei den gedrückten Kursen nicht für ein Engagement im amerikanischen Aktienmarkt?

Hüfner: Ja, die US-Unternehmen nutzen diesen Vorteil auf den Exportmärkten im Gegensatz zu früher auch wirklich aus. Amerika sollte man als Anleger allein schon deshalb nicht ausser Acht lassen, weil das Land eine dynamische Wirtschaft hat. Die Aktienmärkte haben sich seit Jahresbeginn vergleichsweise besser entwickelt als in Europa. Bei einem Einstieg sollte man sich vor allem auf die Blue Chips konzentrieren.

Lösen die fiskalpolitischen Stimulierungsmassnahmen vor den US-Wahlen eine Aufwärtsbewegung an den Börsen aus?

Hüfner: Sie werden dafür sorgen, dass die amerikanische Wirtschaft im 2. Halbjahr 2008 nicht weiter absackt.

In den USA sind die Immobilienpreise jüngst nochmals massiv nach unten gerutscht. Ist die Talsohle im Häusermarkt damit bald erreicht?

Hüfner: In vielen Regionen sind die Preise derart niedrig, dass die Investoren ein Engagement ins Auge fassen. Das Geld und der Wille sind vorhanden. Solange es aber heisst, die Immobilienpreise müssten nochmals um 10 oder 15% sinken, wird niemand investieren.

Werden auch europäische Länder von der Immobilienkrise erfasst?

Hüfner: Psychologisch stecken die europäischen Immobilienmärkte bereits in diesem Strudel. Am stärksten gehen die Immobilienpreise in Spanien zurück. Auch in England, Irland, Frankreich und Luxemburg sind die Märkte überhitzt.

Immobilienaktien gelten als defensive Investmentstrategie. Ist das nicht mehr gültig?

Hüfner: Im Augenblick sicher nicht. Es gibt zwar einige gute Immobilienwerte in Deutschland, aber der gesamte Sektor ist ins Gerede gekommen. Wenn der Himmel einstürzt, können auch die guten defensiven Werte nicht mithalten.

In welchen Branchen würden Sie Ihr Geld anlegen?

Hüfner: Im Vordergrund steht Liquidität. Bei einem Aktienkauf kommt man um die Banken fast nicht herum, weil diese Papiere derzeit äusserst billig sind. Für den Einstieg ist es jetzt aber noch zu früh. Demgegenüber werden sich die Gewinnausweise in den übrigen Sektoren tendenziell verschlechtern und damit die Aktienkurse negativ beeinflussen.

Die Energie- und Rohstoffwerte haben bei der Abwärtsbewegung an den Börsen vergleichsweise gut abgeschnitten. Bleibt das auch künftig so?

Hüfner: An den Rohstoffmärkten hat sich eine Blase gebildet, die jederzeit platzen kann. Die Gelder sind aus den Aktien und Immobilien heraus- und in die Rohstoffe hineingegangen. Damit kann sich in diesem spekulativen Markt früher oder später ein gleichartiger Preissturz wiederholen. Die Rohstoffnotierungen sind jetzt zu hoch. Der Ölpreis etwa müsste bei 75 bis 80 Dollar anstatt bei über 100 Dollar liegen.

Wie sieht es bei den Versorgungsunternehmen aus?

Hüfner: Diese Werte sind relativ stabil. Die Stromversorger erzielen hohe Gewinne und verfügen über respektable finanzielle Mittel. Zudem findet in dieser Branche ein Fusions- und Konsolidierungswettbewerb statt. Ähnlich interessant sind auch die Ölexplorationsfirmen.

Momentan wird viel Liquidität gehalten. Wann fliesst dieses Geld an den Aktienmarkt zurück?

Hüfner: Die Stimmung kann rasch drehen. Die Frage ist nur, ob es sich um ein Strohfeuer oder eine nachhaltige Entwicklung handelt. Solange die Finanzkrise andauert, ist das letztere Szenario nicht möglich.

Wie lange dauert die Schlechtwetterperiode an den Börsen?

Hüfner: Vermutlich wird sich der Sturm im 2. Halbjahr 2008 legen. Dann gilt es, die Situation neu zu beurteilen.