Noch bevor der Rechnungslegungsstandard IFRS nebst US GAAP für die am Haupttableau der Schweizer Börse kotierten Unternehmen zur Pflicht wurde, klärte das International Accounting Standards Board (IASB) als Herausgeber dieser Richtlinien den Bedarf für ein separates Regelwerk, zugeschnitten auf die kleinen und mittleren Gesellschaften, ab. Er stiess auf Zustimmung, und seit gut einem halben Jahr liegt nun der IFRS for Small and Mediumsized Entities (SME) vor. Ob sich der im Vergleich zum Full IFRS textlich schlankere Standard gegenüber den nationalen Richtlinien, wie etwa Swiss GAAP FER, durchzusetzen vermag, muss sich allerdings erst noch zeigen. Das neue Regelwerk sieht weitgehende Erleichterungen zu Ansatz, Bewertung und den Angaben im Anhang vor. Accounting-Experten vertreten trotzdem die Ansicht, dass es sich um eine äusserst anspruchsvolle Zusammenfassung der Full IFRS handle, was für Nichtspezialisten schwierig zu verstehen sei. Kritisiert wird insbesondere die überaus mühsame Vernetzungs- und Verweisungstechnik.

Modularer Aufbau

Demgegenüber sind die Swiss GAAP FER mit ihrem modularen Aufbau sehr flexibel auf die unterschiedlichen Grössenkategorien der nicht kotierten Unternehmen ausgerichtet (siehe Interview mit Professor Conrad Meyer nebenan). Die am engsten gefassten Kern-FER zielen mit ihren sechs Richtlinien auf die kleinen Firmen. Mit zusätzlichen 13 Vorschriftspaketen werden die mittleren Gesellschaften abgedeckt, und mit der Konzernrechnungsrichtlinie wird die Verknüpfung für ein grösseres Gruppengebilde gemacht. Der Basler Aktienrechtsspezialist Peter Böckli charakterisiert die Swiss GAAP FER als «geglückten helvetischen Eigenbau». Allerdings stösst er sich daran, dass im Schweizer Regelwerk beim Akquisitions-Goodwill immer noch die 1994 abgeschaffte Methode der erfolgsneutralen Abbuchung vom Eigenkapital möglich ist. Dies sei umso verwirrlicher, weil der IFRS-SME wieder die ursprüngliche Methode der erfolgswirksamen linearen Amortisation zulasse. Eine solche Methodenvielfalt sei einem an der Rechnungslegung interessierten mittleren Verwaltungsrat kaum plausibel zu erklären.

Für Swiss GAAP FER spricht auch das Kosten-Nutzen-Verhältnis. Während das Schweizer Regelwerk knapp 200 Seiten umfasst, sind es beim IFRS-SME fast doppelt so viele. Die komplexeren Richtlinien verlangen nach mehr externem Fachwissen und einer umfangreicheren internen Schulung. Eine Studie zur «Rechnungslegung bei kleinen und mittleren Unternehmen in der Schweiz» hat ermittelt, dass über die Hälfte der Anwender den finanziellen Aufwand für die Umstellung auf Swiss GAAP FER auf unter 20000 Fr. einschätzt.

Anzeige

Gemischte Reaktionen

Das IASB hat beim neuen Standard für kleine und mittlere Unternehmen immerhin einige Erfordernisse gestrichen, die im Rahmen des Entwurfes noch als Hindernisse für eine massenweise Anwendung galten. Dazu gehören die Spartenergebnisse und der Zwischenabschluss. Speziell die mittelständischen Firmen tun sich mit der Offenlegung von detaillierten Zahlen schwer, weil sie sich fürchten, damit der Konkurrenz wichtige Geschäftsgeheimnisse zu verraten. Unter Swiss GAAP FER werden solche Segmentinformationen nur bei der Konzernrechnung verlangt und der Zwischenabschluss ist freiwillig.

Innerhalb der EU hat der neue IFRS-Standard für kleine und mittlere Unternehmen gemischte Reaktionen ausgelöst. Grossbritannien und die nordischen Staaten Irland, Schweden und Dänemark stehen dem Regelwerk positiv gegenüber. In Deutschland, Frankreich, Holland, Polen und Slowenien gibt es eine ablehnende Haltung. Länder mit einem ausgereiften nationalen Standard, wie etwa die Schweiz, werden den IFRS-SME nur zögernd anwenden. Nicht umsonst hat Peter Leibfried, Accounting-Professor an der Universität St.Gallen, in einer Umfrage bei den Top 500 nicht kotierten Schweizer Unternehmen registriert, dass rund die Hälfte freiwillig nach Swiss GAAP FER bilanziert. Es bleibt abzuwarten, ob sich der neue IFRS-SME aufgrund des Widerstandes in einigen gewichtigen EU-Ländern rasch als Vorstufe für den Full IFRS durchsetzen wird. Beim EU-Nichtmitglied Schweiz ist in absehbarer Zukunft nicht damit zu rechnen.