Die Zahl klingt dramatisch: Anfang April galten nach Schätzung der Sozialpartner rund 1,6 Millionen Berufstätige in der Schweiz als besonders gefährdet, sollten sie sich mit dem Coronavirus infizieren – das entspricht mehr als einem Drittel aller Angestellten. Sie hätten das Recht gehabt, unter Lohnfortzahlung einfach zu Hause zu bleiben. Übereinstimmend fanden Gewerkschaften und Arbeit­geber, das sei «viel zu viel».

Darauf schränkte das Bundesamt für Gesundheit die Kriterien für Fälle von Bluthochdruck und Diabetes stark ein. Ende Mai schätzte das Amt, dass noch rund eine Million Personen vulnerabel sei. Wie viele davon berufstätig sind, ­wisse man nicht.

Angestellte im Homeoffice auch geschützt

Anfang dieser ­Woche meinten die Vertreter der Sozialpartner dann übereinstimmend, dass es «deutlich unter einer Million Betroffene» sein dürften. Davon abzuziehen sind Angestellte im Homeoffice und solche, die ­einer geschützten Ersatzarbeit nachgehen. Am Ende dürften laut der Dachgewerkschaft Travail Suisse «grob geschätzt 100'000 Angestellte betroffen sein».

Diese Gruppe hat nicht nur gesundheitlich den Schwarzen Peter gezogen, ihre Vertreter würden auch gerne arbeiten, dürfen aber nicht. Dies zeigt das Beispiel der Filial­unternehmen wie H&M, Ikea, PKZ, ­Es­prit, Dosenbach-Ochsner oder Bucherer, die am Montag öffnen.

Aufgeboten werden nur jene, die als gesund gelten. «Solche mit gesundheit­lichen Vorbelastungen bleiben in der Kurzarbeit, solange die Wirtschaft nicht auf Hochtouren läuft», sagt der Direktor des Verbandes Schweizerische Filial­unternehmen, Severin Pflüger. Wie viele es sind, weiss er nicht. Aber die Absicht ist klar: «Wir wollen absolut keine Negativpresse haben, in der es heisst, wir würden die Angestellten einem Risiko aussetzen. Unsere Kunden sollen sich sicher fühlen.»

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Was Pflüger sagt, gilt für meisten Branchen. Die Chefs und Personalab­teilungen (HR) wollten keine Haftungsklagen riskieren, erklärt der Zürcher Dozent und HR-Experte Matthias Mölleney: «Es stimmt: Solange die Wirtschaft nicht auf Volllast läuft, lassen die allermeisten Firmen Angestellte mit Vorerkrankungen, die nicht anderweitig beschäftigt werden können, in der Kurzarbeit.» Sie verpassen den Neustart.

Werden Mitarbeitende stigmatisiert?

Sie erhalten einen Vorgeschmack darauf, was blühen könnte, sollte die ­Krise andauern. «Die vulnerablen Arbeitnehmenden laufen Gefahr, den Job zu verlieren und auf Dauer stigmatisiert zu werden», sagt der Präsident des Dachverbandes Travail Suisse, Adrian Wüth­rich. Für sie brauche es deshalb ­einen temporären Kündigungsschutz, zumindest für langjährige Mitarbeitende, und die Lohnfortzahlungspflicht.

Podcast: Wie die Corona-Krise die Arbeitswelt verändert

Millionen Menschen weltweit arbeiten seit Wochen im Homeoffice. Die Corona-Krise verändert die Arbeitswelt, sagt HSG-Professorin Miriam Meckel.

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Die Arbeitgeber lehnen den Kün­digungsschutz ab, haben aber der Fortzahlungspflicht vorerst zugestimmt. Vorerst, das heisst bis Ende August. So lange gilt das Notrecht. Und so lange gilt auch eine Ausnahmeregelung des Staatssekreta­riats für Wirtschaft (Seco), wonach vulnerable Angestellte die Kurzarbeitsentschädigung erhalten. Anders gesagt: Nicht der Arbeitgeber, sondern der Staat zahlt.

Doch diese Regelung wird auslaufen und die grosse Frage ist: Wer zahlt die Löhne ab September? Das Seco muss eine mehrheitsfähige Lösung vorlegen. Noch sei alles offen, heisst es. Mölleney meint: «Die Regelung muss auslaufen. Danach muss jeder selber abwägen, ob er arbeiten geht. Ab einem gewissen Moment ist das Risiko, auf dem Arbeitsweg zu verunfallen, grösser als das Risiko, tödlich angesteckt zu werden.»

«Risikogruppendefinition abschaffen»

Dieses Argument hört man auch von Gewerkschaftsseite: Der Weg zur Arbeit sei «inzwischen gefährlicher als die Wahrscheinlichkeit eines schweren ­Covid-19-Krankheitsverlaufs». Unter der Bedingung, nicht namentlich zitiert zu werden, sagt der Topfunktionär einer Gewerkschaft: «Am besten wäre es, man würde die Risikogruppendefinition bald abschaffen, denn sie stigmatisiert.»

Laut Wüthrich seien Arbeitgeber bekannt, die Mitarbeitende drängen, ein ärztliches Attest einzuholen, bevor man sie wieder zur Arbeit lasse. Andernfalls riskierten sie, früher oder später arbeitslos zu werden. Einigen sei schon gekündigt worden. Ob eine Kündigung missbräuchlich wäre, ist ungeklärt.

Keines der rund ein Dutzend Unternehmen, die angefragt wurden, wollte preisgeben, wie viele Risikopersonen bei ihm ­beschäftigt sind. HR-Experte Mölleney sagt: «Das ganze Kapitel mit den Covid-­19-Risikogruppen birgt multiple Pro­bleme wie jene des Datenschutzes, der Diskriminierung, der Gerechtigkeit und der Arbeitsmarktchancen. Besser wäre es, dieses Kapitel rasch zu archivieren.»