Ab 2010 sollen die Krankenkassen ihren Versicherten neue Karten mit einem Chip zum Speichern von Notfall- und Krankheitsdaten aushändigen. So fordert es der Bundesrat mit seiner E-Health-Strategie. Al-lerdings war der Protest der Branche von allem Anfang an gross. Zum einen ist die Verwaltung der medizinischen Daten alles andere als geregelt. Und zum anderen kostet die neue Versichertenkarte fast zehnmal mehr als die alte; nämlich rund 4 Fr. statt 50 Rp. Allein 30 Mio Fr. würden Produktion und Einführung der Chipkarten kosten. Inklusive Infrastruktur- und Administrationsanpassungen könnten sich die Aufwendungen auf bis zu 150 Mio Fr. belaufen.

Das scheint zwar ein Klacks, verglichen mit den jährlich 25 Mrd Fr. Grundversicherungsleistungen. In einer Zeit, in der Bundesrat Couchepin aber an einen Krisengipfel zur Prämieneindämmung bittet, ist das ein substanzieller Sparbetrag. Zum Vergleich: Die Senkung der Labortarife spart 250 Mio Fr.

Bloss eine Übergangslösung

Hinzu kommt: Die Chipkarte wird selbst beim Bund bloss als Übergangslösung angesehen. Gegenwärtig beschäftigt sich nämlich das eidgenössische Parlament mit der parlamentarischen Initiative «Digitale Identität statt Versichertenkarte». Diese soll die per 2015 definitiv eingeführte E-Health-Strategie des Bundes konkretisieren - und sie macht den in den Versichertenkarten eingebauten Datenchip letztlich obsolet. Nun ist den Krankenkassen der Kragen geplatzt. Sie proben den Aufstand - indem sie ganz einfach nichts tun: Bis Anfang März hätten die Kassen den Bestellauftrag für die neue Versichertenkarte auslösen sollen. Doch etliche haben trotz brieflicher Mahnung von Bundesrat Pascal Couchepin auch die auf Anfang April verlängerte Frist ungenutzt verstreichen lassen. «Wir haben die Investitionen in diesem Bereich gestoppt und warten erst mal ab», bestätigt Christoph Bangerter, CEO der Krankenkasse KPT, gegenüber der «Handelszeitung».

Bei Atupri gibt man praktische Gründe an. «Unsere alte Karte ist 2008 abgelaufen. Weil wir im Vorfeld nicht wussten, wann die Chipkarte definitiv kommt, haben wir bloss einen Nachdruck der bestehenden Karte gemacht, ohne Chip», sagt Alfred Amrein, stellvertretender Vorsitzender der Geschäftsleitung. Nun werde man erst die Ablauffrist dieser Karte abwarten.

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Ins gleiche Horn stösst Swica-Generalsekretär Daniel Neuhaus. «Da unsere Kunden mit unserer Versichertenkarte bereits über alle Dienstleistungen verfügen, stellt sich die Frage nach einer weiteren Karte nicht; insbesondere so lange nicht, bis die technischen Voraussetzungen bei den Leistungserbringern bezüglich des Managements geschützter Daten erfüllt sind. Zurzeit ist nicht absehbar, wann dies der Fall sein wird», erklärt Neuhaus.

Wohl keine Sanktionen

Rob Hartmans, Mediensprecher der Branchenleaderin Helsana, macht klar: «Wir sind gegen die vorliegende Lösung des Bundesamtes für Gesundheit. Anstatt einen teuren und unnützen Umweg über eine Chipkarte mit veralteter Technologie zu gehen, ziehen wir ein zukunftsorientiertes Vorgehen in Richtung elektronisches Patientendossier vor.» Und selbst unter den kleinen Kassen des RVK-Verbandes gibt es laut Direktor Marcel Graber verschiedene, die ihre Karten nicht bestellt haben.

Der stille Protest der Kassen könnte Erfolg haben. Zwar hat der Bundesrat die Möglichkeit, die fehlbaren Versicherer zu büssen oder eine Verfügung für einen Bestellzwang zu erlassen. Doch angesichts der drohenden Prämienerhöhung und des geballten Widerstandes der Krankenkassen halten die Branchenvertreter Sanktionen für unwahrscheinlich. Und der Widerstand ist heftig: Der Branchenverband santésuisse bestätigt, dass bislang für rund 4 Mio Krankenversicherte keine Chipkarte bestellt worden ist. Der Bund selbst wollte bis Redaktionsschluss keine Stellungnahme zu seinem weiteren Vorgehen abgeben.