Die Reserven in der sozialen Krankenversicherung sind zurzeit eher knapp. Nicht darum, weil die diversen CEO auf eine abenteuerliche Geschäftsstrategie umgeschwenkt wären. Knapp sind sie vor allem darum, weil Altbundesrat Pascal Couchepin kraft seines Amtes eine Verknappung anordnete und das genau in dem Moment, als die Aktienmärkte Anlagevermögen zu vernichten begannen.

Ein regulierter Markt kommt immer dann in Schwierigkeiten, wenn der Regulator selbst zu risikofreudig wird. Bundesrat Couchepin ist Geschichte, der Druck auf die Kassen, künstlich Defizite zu generieren, ist der vernüftigeren Politik Bundesrat Didier Burkhalters gewichen. Und die Branche erholt sich langsam von dieser Regulierungsblase.

Wozu nun aber diese Reserven?

Ein Versicherer verkauft nicht eigentlich Versicherungsleistungen, sondern das Versprechen, im Schadenfall die Kosten seiner Kunden (ganz oder teilweise) zu übernehmen. Mit diesem Versprechen entledigt er seine Kunden der drückenden Sorge, was im Fall überraschend hoher Krankheitskosten zu unternehmen sei. Aber was macht der Versicherer, um diese vielen Sorgen tragen zu können? Technisch gesprochen verfügt er über zwei Parameter: Seine Grösse und seine Reserven.

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Je grösser der Versicherer, desto häufiger tritt der Fall ein, dass die Sorge der einen durch das Glück einiger anderer Kunden kompensiert wird. Das heisst, die durchschnittliche Sorge (und damit auch das Risiko) reduziert sich, je grösser die Anzahl Sorgen sind, die der Versicherer poolt. Auf eine Formel gebracht heisst das: Der grösste Krankenversicherer in der Grundversicherung, die CSS Gruppe, muss sich 87-mal weniger Sorgen machen als der kleinste Anbieter, und das einzig und allein auf Grund des eklatanten Grössenunterschieds. Die CSS ist 7500-mal grösser als der kleinste Versicherer. Grösse allein schützt aber noch nicht vor allen Gefahren.

Das zweite Mittel sind die Reserven. Auch für die Grossen besteht die Gefahr, dass im Laufe eines Jahres mehr Versprechen gegenüber den Kunden einzulösen sind, als zum Voraus erwartet wurde. Um jederzeit die Sorgen der Kunden wie versprochen tragen zu können, sind Reserven zu bilden. Es war schon einmal so, dass die Reserven so hoch waren, dass die Versicherer davon ausgehen konnten, einmal in 500 bis 1000 Jahren das abgegebene Versprechen nicht vollumfänglich einhalten zu können. Doch diese Zeiten sind vorbei. Auf Grund der von Altbundesrat Couchepin geerbten Verordnungen müssen viele Versicherer bei Einhaltung der Reservevorschrift alle 61 Jahre mit einer Zahlungsunfähigkeit rechnen. Das Restrisiko liegt damit im durchaus erlebbaren Bereich. Entsprechend nervös reagieren die Versicherer, wenn ein Bundesrat auf die Idee kommt, diese Notgroschen zu verprassen. Dabei geht es um die über Generationen abgesparten Gelder und die dadurch gefestigte Sicherheit der Kunden.

Portable Reserven

Angesichts der angespannten Finanzlage kam da und dort die Idee auf, die Reserven «portabel» zu machen. Verlässt heute ein Kunde seine Versicherung, lässt er die dort angesparten Reserven zurück. Sind die Reserven portabel, bedeutet das, dass der Versicherte beim Kassenwechsel seinen Anteil an den Reserven mitnehmen kann.

Was einfach daherkommt, wird schnell kompliziert: Was genau soll dem scheidenden Versicherten mitgegeben werden? Wechselt beispielsweise ein Kunde von der kleinsten zur grössten Kasse, so sind seine Reserven, wie wir oben gesehen haben, in der Regel 87-mal grösser als der Reservebedarf in der grossen Kasse. Wem gehören dann die frei gewordenen 86/87stel? Geht die Wanderung in die andere Richtung, fehlen plötzlich 86/87stel des Reservebedarfs der kleinen Kasse. Wer soll dieses Manko finanzieren? Auch bei einer Wanderung zwischen gleich grossen Versicherern bleibt offen, was dem Kunden mitgegeben werden soll. War er ein teures Risiko, so konnte er nicht zur Reservebildung beigetragen. Andere mussten für seine Kosten einstehen.

Für den neuen Versicherer ist dagegen klar, dass dieser Kunde mit hoher Wahrscheinlichkeit in Zukunft hohe Kosten generieren wird. Darum erwartet er einen hohen Reservetransfer. Diametraler könnten die Ansichten nicht auseinander liegen. Und wer bestimmt nun im Streitfall die Höhe der Reserve? Es wird offensichtlich, dass hier der Grund für unzählige Rechtsstreitigkeiten gelegt würde. Was nottut, sind keine portablen Reserven, sondern eine nüchterne unpolitische, aber dennoch amtliche Reservevorgabe auf Grund einer wirklichkeitsnahen Einschätzung der Risikosituation des Versicherers. Deren Einhaltung müsste von Amtes wegen gefordert und geprüft werde. Damit würden weitere Politeskapaden auf Kosten der Sicherheit einer sozialen Säule vermieden. Und genau in diese Richtung scheint das BAG heute unter Didier Burkhalter zu marschieren.

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