Dem Gewinner winkt eine Reise für zwei Personen durch Amerika. Oder ein Romantikurlaub in Fernost. Oder ein neues Auto für die ganze Familie. Bis Ende Mai legen sich die Makler der Groupe Mutuel deshalb wieder voll ins Zeug. Denn so lange läuft der Wettbewerb des Walliser Krankenkassenkonglomerats. Wer besonders erfolgreich neue, gesunde Kunden akquiriert, kann Preise im Gesamtwert von rund 100 000 Franken gewinnen.

Lieber als das Auto oder die Fernreisen nehmen die Makler jedoch das Geld. Der Groupe Mutuel kann es egal sein. Hauptsache, das Anreizsystem für die Vermittler funktioniert. Erstmals knackt die Kasse die Millionengrenze. Die Groupe Mutuel zählt neu 1,045 Millionen Grundversicherte - das sind 140 000 Kunden mehr als vor einem Jahr.

Über keine Kasse gibt es mehr Klagen

Der drittgrösste Schweizer Kassenverbund ist damit der unbestrittene Sieger der Wechselsaison. Während die Marktleader CSS und Helsana Versicherte verloren, legt die Groupe Mutuel erneut deutlich zu und rückt näher zur Spitze auf. Keine Kasse buhlt derzeit erfolgreicher um Kunden (siehe Tabelle).

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«Unsere Prämienpolitik zahlt sich aus», freut sich Firmensprecher Yves Seydoux. Während der Prämienanstieg 2011 für die ganze Schweiz mit 6,5 Prozent wieder überdurchschnittlich hoch ausfiel, verweist man im Wallis stolz auf ein geringeres Plus von 3 Prozent. «Wir sind in allen Kantonen bei den Spitzenreitern und konnten entsprechend Versicherte gewinnen. Dank unserer gesunden Finanzlage werden wir diese Prämienpolitik auch für 2012 durchziehen können.»

Der Erfolg hat allerdings eine Kehrseite. Über keine Kasse gibt es derzeit mehr Beschwerden. «Punkto Klagen ist die Groupe Mutuel die Cablecom der Versicherer», sagt Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz. Ihr liegen Dutzende von Reklamationen verärgerter Versicherter vor. Am Pranger stehen just die, denen die Groupe Mutuel ihren Erfolg verdankt: die Makler. Konsumentenschützerin Stalder kritisiert: «Je mehr Geld und Geschenke die Makler erhalten, desto aggressiver gehen sie beim Verkauf vor.» So stehen die Mutuel-Vermittler in der Kritik, teilweise mit heiklen Methoden auf Kundenfang zu gehen.

Fast alle setzen auf Makler

Eine Versicherte beklagt sich etwa, dass ihr ein Mutuel-Makler bei einem Kassenwechsel eine Ersparnis von 900 Franken gegenüber ihrer bisherigen Versicherung Sanitas versprochen habe. Als sie die Police in den Händen hielt, betrug die Differenz lediglich 474 Franken und das, wie sie sagt, «bei einer weitaus schlechteren Deckung». Vom Vertrag zurücktreten liess sie die Groupe Mutuel nicht.

Im Antwortschreiben, das der «Handelszeitung» vorliegt, bestand das Unternehmen auf der «Beibehaltung Ihres Vertrages». Die Beitrittserklärung sei ordnungsgemäss ausgefüllt und unterschrieben worden, heisst es im Brief. Somit könne man legitimerweise davon ausgehen, dass die Versicherung ursprünglich gewollt war. «Für Betroffene wird es damit schwierig», sagt Stalder. «Haben sie keine Aufzeichnung des Gesprächs mit dem Makler gemacht, fehlen ihnen die Beweise.» Das würden die Kassen im knallharten Wettbewerb gezielt ausnützen.

Tatsächlich ist die Groupe Mutuel bei weitem nicht der einzige Versicherer, der beim Werben um neue Kunden auf die Dienste von Maklern setzt. Fast alle arbeiten in der Schweiz mit externen Vermittlern zusammen. Die Verkäufer rufen im Auftrag der Kassen Versicherte an oder gehen gleich persönlich bei ihnen vorbei. Gelingt es ihnen, sie von ihren Angeboten zu überzeugen, erhalten die Makler eine Provision. In der Grundversicherung beträgt diese rasch 50 Franken und mehr pro Abschluss. Dabei gilt: Je gesünder der Kunde - je kleiner also das Risiko der Krankenkasse für grosse Versicherungsausgaben - desto höher die Provision. Lukrativ für die Makler ist aber vor allem das Geschäft mit den Zusatzversicherungen: Vermitteln sie hier erfolgreich, erhalten sie bis zu 500 Franken pro Vertrag.

Ein Geschäft, das auch unseriöse Anbieter anlockt. Und so geniessen viele Makler nicht den besten Ruf. Der «K-Tipp» hat eine ganze Warnliste mit Krankenkassen-Verkäufern erstellt, über die beim Konsumentenmagazin Beschwerden eingegangen sind. An oberster Stelle steht das Basler Maklerzentrum, ein enger Kooperationspartner der Groupe Mutuel. Diese zeigt sich einsichtig. «Wir haben mehr als 3000 externe Vermittler. Da können schon einmal Fehler passieren», räumt Mutuel-Sprecher Seydoux ein. Deswegen führe man für die Verkäufer seit mehreren Jahren ein Ausbildungsprogramm durch, das in der Branche einen sehr guten Ruf geniesse. Gibt es trotzdem Klagen, gehe man denen nach.

Bundesrat Didier Burkhalter genügen solche Schritte nicht. Der Gesundheitsminister strebt in der Grundversicherung ein Provisionsverbot an. Die Makler sollen nicht mehr länger auf Kosten der Prämienzahler Jahr für Jahr Millionen verdienen. Noch vor Monatsende will Burkhalter dem Gesamtbundesrat einen Verordnungsentwurf unterbreiten.

Santésuisse gegen Provisionsverbot

Dagegen laufen die Kassen Sturm: «Wir sind gegen ein Verbot von Maklerprovisionen», heisst es etwa bei der Sanitas. Und Pius Gyger, Leiter Politik Helsana, kritisiert: «Man kann nicht ein Konkurrenzsystem wollen und gleichzeitig Vermittlerdienstleistungen verbieten.»

Bei Santésuisse arbeitet man daher mit Hochdruck an einer Alternative zu einem Verbot. Der Schweizer Kassenverband will dem Bundesrat eine Branchenlösung vorschlagen. Darin soll den Vermittlern in der Grundversicherung in Zukunft zwar untersagt werden, per Telefon um neue Kunden zu werben (sogenannte Kaltakquisition). Provisionen dürften jedoch weiter bezahlt werden. Sie sollen nach dem Willen von Santésuisse nicht verboten, sondern nur limitiert werden. Pro Abschluss ist von einem Höchstbetrag von 50 Franken die Rede.

Ob Burkhalter auf den Deal einsteigt, ist fraglich. Zu viele Punkte sind noch offen. So ist unklar, wie die Branche Verstösse gegen die Vereinbarung sanktionieren will. Und was passiert mit der Kasse Assura, die dem Verband nicht angehört?

Bei der Groupe Mutuel gibt man sich derweil unbeirrt. Sie will weiterhin den Grossteil der Neukunden über Makler gewinnen. Zugleich betont die Walliser Kasse aber, dass die Fernostreisen und Neuwagen des Wettbewerbs nicht aus Mitteln der Grundversicherung bezahlt werden.