Amazon-Mitarbeiter gehen ein erhöhtes Risiko ein, mental oder körperlich zu erkranken. So lautet das erschreckende Urteil von Experten, nachdem sie heimlich gefilmte Aufnahmen eines BBC-Reporters gesehen haben. Laut dem britischen «Telegraph» hatte sich dieser beim Online-Grosshändler Amazon als Mitarbeiter eingeschleust und dabei verdeckt den Arbeitsalltag im riesigen Lagerhaus gefilmt.

So legen etwa Mitarbeiter während der Nachtschicht im gigantischen Warenhaus im walisischen Swansea bis zu 18 Kilometer zu Fuss zurück. Dabei verlangt Amazon von ihnen, dass sie im Schnitt alle 33 Sekunden eine bestellte Ware aus den Regalen holen.

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Schlechter gehts nicht

Der britische Arbeitsexperte Michael Marmor sagte nach der Sichtung der Aufnahmen, dass diese Nachtschichten bei Amazon alle schlechten Sachen vereinigen, die bei einer Arbeit nur möglich seien. Laut Marmor gäbe es «untergeordnete, anspruchslose Jobs, doch können wir diese besser oder schlechter machen. Bei Amazon wird jedoch aus Effizienzgründen die Gesundheit der Mitarbeiter aufs Spiel gesetzt.»

Amazon hingegen verneint, dass sie ihre Mitarbeiter zu stark unter Druck setzen würden – vielmehr habe deren Gesundheit oberste Priorität für das Unternehmen.

Countdown mit Piepser

Der Job des BBC-Reporters bestand daraus, im 75’000 Quadratmeter grossen Lagerhaus (entspricht der Fläche von rund 12 Fussballplätzen)  bestellte Ware aus den Regalen einzusammeln. Dabei wurde er von einem elektronischen Handset geführt, das ihm angab, welche Stücke er auszuwählen hatte und dabei mit einem Countdown die dafür verfügbare Zeit für jedes einzelne Stück vorgab. Bei Zeitüberschreitung piepste es – und registrierte diese. Gleichzeitig trackte der Scanner die Abholrate und übermittelte diese an die Chefs weiter, die dann Sanktionen ergreifen konnten.

Der Reporter sagte, dass sich die Mitarbeiter dabei wie Maschinen oder Roboter fühlten, «wir denken nicht für uns selbst, wahrscheinlich trauen die Chefs uns dies gar nicht zu.»

Mickriger Lohnzuschlag

Für die anstrengenden Nachtschichten erhielt der Reporter dafür einen kleinen Lohnzuschlag: anstatt den für die Tagesschicht üblichen 6.50 Pfund (etwa 9.60 Franken) erhielt er 8.25 Pfund (12.15 Franken) pro Stunde. Dabei dauerte eine Schicht zehneinhalb Stunden mit einer Stunde Pause, dies bei vier Schichten pro Woche.

Zwar gesteht Amazon laut «Telegraph» ein, dass der Job anstrengend sei, dennoch betont das Unternehmen, dass es «stolz darauf ist, einen sicheren und positiven Arbeitsplatz anbieten zu können, der zudem fortlaufend verbessert wird.»