Der Schweizer Textilbranche bläst ein eisiger Wind ins Gesicht. Das zeigt sich daran, dass der Textilverband Schweiz keine Umsätze der einzelnen Branchen mehr bekannt gibt, denn angesichts der Krise hat sich die Bereitschaft der Unternehmen verringert, ihre Verkaufszahlen offenzulegen.

Die verfügbaren Gesamtzahlen sprechen dennoch eine deutliche Sprache: Die Exporte gingen im letzten Geschäftsjahr um 18,5% zurück; die Wertschöpfung der Branche lag bei 1,29 Mrd Fr., was einem Minus von 4,1% entspricht. Die Textilindustrie exportierte Waren im Wert von 1,6 Mrd Fr. - eine Verringerung um satte 21,6%. Die Ausfuhren der Bekleidungsindustrie verzeichneten einen Rück-gang von 15,5% und generierten noch 1,8 Mrd Fr. (siehe auch Tabelle).

Die Zahl der Beschäftigten wurde um 13% auf 14500 Personen reduziert, wobei in der Textilwirtschaft immer auch der zunehmend hochleistungsfähigere Maschinenpark mitberücksichtigt werden muss, was - mit oder ohne Krise -weniger personalintensive Produktionsprozesse zur Folge hat. Eine Erholung ist heuer nicht in Sicht, wie Textilverbands-Präsident Max R. Hungerbühler ohne Umschweife einräumt (siehe auch «Nachgefragt»). Mehr noch: Hungerbühler geht davon aus, dass die Auswirkungen der Finanzkrise erst im laufenden Jahr voll durchschlagen werden.

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Viele Textilfirmen halten sich nicht nur in Sachen Zahlen bedeckt. Ihr Management will bei der Branchenumfrage der «Handelszeitung» auch nicht mit Namen in der Zeitung genannt werden. Die Branchenprofis nennen hinter vorgehaltener Hand eine Vielzahl von Gründen für den Taucher: Viele Firmen haben zu spät auf die Krise reagiert oder zu lange daran geglaubt, dass der Wirtschaftskrise nicht so rasch eine weitere folgen wird, was mit der Euro-Misere nun aber eingetreten ist. Andere monieren, die Banken hätten sie fallen lassen - oder sie hätten keine Nachfolger gefunden und müssten darum die Segel streichen.

Innovation entscheidet

Hoffnung geben der Branche derzeit positive Beispiele. Die Segel nicht gestrichen hat etwa Weberei-Inhaber André Meyer. Er produziert währschafte Küchentücher und Küchenschürzen - und gleichzeitig ultraleichte Synthetikgewebe, die zu Ballonhüllen oder Spinnakersegeln für Rennjachten verarbeitet werden.

Die Innovationsfreude treibt noch weitere Blüten: Bei einem Projekt der Forschungsanstalt Empa und der für Damenunterwäsche bekannten Firma Bischoff Textil verteilen optische Kunststofffasern Laserlicht auf die textile Oberfläche. Mit dem Licht können beispielsweise Tumorgewebe behandelt werden. Ein weiteres Vorhaben nennt sich Pulsoximeter. Ist dieses einmal in die Bekleidung integriert, misst es via optische Wellen den Puls und die Sauerstoffsättigung im Blut. Forster Rohner, assoziiert mit Luxusstickereien, stellte unlängst ein leuchtendes CO2-Kleid vor. Dank einem raffinierten Leitfaden und einem unsichtbaren Sensor leuchten LED-Lämpchen auf, sobald der CO2-Grenzwert im Raum überschritten ist.

Aussergewöhnliches entsteht auch auf den Webstühlen von Schöller. War es beim letzten Besuch ein Stoff, an dem eine ganze Flasche Ketchup einfach abperlt, ist es heuer die «Coldblack»-Technologie. «Sogar der Papst interessiert sich dafür», erzählt CEO Hans-Jürgen Hübner. Das ist kein Scherz: Mit diesem Verfahren heizen sich dunkle Stoffe selbst bei gleissender Sonneneinstrahlung kaum auf, eine Wohltat für Nonnen und Priester, aber auch für alle anderen, die gerne Schwarz tragen - die Nachfrage ist gesichert. Das gilt auch für die andere Neuerung aus diesem Haus: Sie nennt sich Insectic und besteht aus einem Gewebe, dessen Aussenseite Zecken ins Jenseits befördert.

Bei Fischbacher, Hersteller von nobler Bettwäsche und Heimtextilien, stellt Camilla Fischbacher eine weitere Innovation vor: Ihr Benu-Garn ist aus recyclierten Petflaschen hergestellt. «Es verbraucht bei der Herstellung massiv weniger Wasser, chemische Zusätze und Energie», erklärt sie.

Eine Luftlinie von nur wenigen Kilometern trennt die beiden Unternehmen Fischbacher und Eschler, wo Hightech-Stoffe für Olympiasieger hergestellt werden: Allein in der Vancouver-Bilanz sind es 40 Gold-, 38 Silber- und 37 Bronzemedaillen, welche die Athleten in diesen Rennanzügen eingeheimst haben. Aber das ist längst nicht alles. Peter Eschler erläutert die Eigenschaften von Textilien aus diesem Haus, die in der Orthopädie oder in der Verkleidung von Baustellen und Trennwänden verwendet werden.

Seit Jahrhunderten robust

Diese Beispiele stehen stellvertretend für einen Wirtschaftszweig, dem immer wieder das Totenglöcklein geläutet wurde - und zwar seit Jahrhunderten. Aber auf den Catwalks, Rennpisten und in Operationssälen wird das Gegenteil bewiesen. Hungerbühler geht aufgrund seiner langjährigen Erfahrungen als CEO von Bischoff Textil und Verbandspräsident davon aus, dass die Strukturbereinigung der Branche sich dem Ende zuneigt und dass, wer jetzt überlebt hat, die richtigen Massnahmen traf. Für Peter Anderegg, CEO von Filtex, zu der auch die Firma Schläpfer gehört, welche mit ihrer märchenhaften Pailettenstickerei weltberühmt wurde, dürfen neben der vielzitierten Innovation auch eine schlankere Organisation und ein noch intensiveres Eingehen auf Kundenwünsche nicht fehlen.

Christof Lehmann, CEO von Union, ebenfalls ein Unternehmen, das sich seit vielen Jahrzehnten behauptet, fügt diesen Anforderungen jene nach einer gut gepolsterten Eigenmittelbasis und einer rechtzeitigen Verlagerung der Produktion in Niedriglohnländer hinzu.

Zu leiden haben alle

Doch auch wenn die Zyklizität Teil dieser mode- und exportabhängigen Branche ist: So arg wurde sie noch selten gebeutelt. Selbst jenen, welche alles unternommen haben, den hohen Lohn- und Lohnnebenkosten in der Schweiz durch Auslagerungen die Spitze zu brechen oder mit Kurzarbeit über die Runden zu kommen, machen die Wechselkurse einen Strich durch die Rechnung. Die Ware aus der Schweiz wird je nach Land zwischen 15 und 40% teurer. Hinzu kommen hindernde Einfuhrzölle wie etwa in China. Trotzdem empfehlen die meisten der Befragten, auf den Fernen Osten zu setzen. «Europa ist todkrank», sagt Hans-Jürgen Hübner von Schöller. Und Christof Lehmann von Union fügt hinzu, was bis vor kurzem kaum jemand zu sagen wagte: «Swissmade spielt immer weniger eine Rolle, wir verkaufen unsere Produkte unter ‹made by Union›.»