Die Zahl der risikoreichen Kredite ist in den letzten Jahren gestiegen», sagt Alessandro Bee, Ökonom bei der Bank Sarasin. Viele Risiken, die am US-Hypothekenmarkt zu einem Einbruch geführt hätten, seien allgemein an den Kreditmärkten zu beobachten. Die Ausfälle am Hypothekenmarkt haben die Anleger nun stärker für diese Risiken sensibilisiert. Deshalb steigen seit Mitte Juli die Risikoprämien. Mit anderen Worten: Die Geldgeber fordern einen höheren Zins für das Risiko, das sie eingehen.

Geld ist nicht mehr billig

«Dabei handelt es sich um eine überfällige Korrektur an den Kreditmärkten», sagt Alfred Roelli, Leiter Finanzanalyse bei der Bank Pictet. «Das Schlimmste dürfte auch bereits vorüber sein», ist er überzeugt. Zuvor war es lange Zeit zu einfach, billiges Geld für riskante Investitionen zu erhalten.
Das Kreditrisiko wurde häufig bereitwillig übernommen, dann aber verbrieft, zum Teil gebündelt und an Dritte weitergereicht. Einige sind zu hohe Risiken eingegangen: Die UBS hat sich mit dem hauseigenen Hedge-Fonds Dillon Read im US-Subprime-Markt verspekuliert, die US-Investmentbank Bear Stearns musste zwei Fonds schliessen, die mittelständische deutsche Bank IKB ist sogar in Schieflage geraten.
Immer neue Hiobsbotschaften schüren die Angst vor noch weiteren Verlusten. «Tatsächlich gibt es wahrscheinlich nur einige wenige schwarze Schafe unter den Banken», sagt Daniel Kalt, Ökonom bei der UBS. Die meisten Geldinstitute hätten das Risikomanagement im Griff. Jürg Furrer, Partner bei Aquila Investment, rechnet jedoch damit, dass die Krise für die Finanzunternehmen noch nicht ausgestanden ist. Am schlimmsten seien dabei die Reputationsrisiken.
Die Kreditkrise bringt aber nicht nur Hedge-Fonds oder Bankinstitute in Bedrängnis, sondern bewirkt auch eine Abschwächung im Geschäft mit fremdfinanzierten Übernahmen. «Die Finanzierungen für Übernahmen werden radikal zurückgefahren», so Furrer. Dies bekommen vor allem Private-Equity-Firmen zu spüren, die stark mit Fremdkapital arbeiten. Bis vor kurzem konnten diese die Konditionen der Finanzierung noch weitgehend bestimmen, inzwischen haben sich die Gewichte zu den risikoscheuer gewordenen Investoren verschoben.
Bei grossen Transaktionen sind bereits Finanzierungsschwierigkeiten aufgetreten. Aufsehen erregt hat etwa die geplatzte Übernahme von Chrysler durch die New Yorker Private-Equity-Gesellschaft Cerberus. Ein Konsortium von Investment-Banken, das die Finanzierung des Deals übernommen hat, ist am Verkauf von Darlehen gescheitert.
Experten schätzen, dass weltweit insgesamt noch Finanzierungen in der Höhe von 300 bis 500 Mrd Dollar offen sind.
In den nächsten zwei bis drei Monaten wird im Bereich Fusionen und Übernahmen weiter mit einer Flaute gerechnet, das Marktumfeld für Private-Equity-Gesellschaften und InvestmentBanken dürfte damit schwierig bleiben. In diesem Zusammenhang erachten es die Analysten der Ratingagentur Standard & Poors denn auch als realistisch, dass die Einnahmen der Investment-Banken, die mit Gebühren und Provisionen kräftig am Geschäft mit den fremdfinanzierten Übernahmen verdienen, um etwa die Hälfte einbrechen werden. Die Credit Suisse wäre davon am stärksten betroffen, während die UBS in diesem Geschäft deutlich weniger stark engagiert ist.
Thomas Steinemann, Chefstratege der Vontobel-Gruppe, weist aber darauf hin, dass Private Equity und das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen zuletzt einen richtigen Boom erlebt haben. «In diesem Bereich geht es jetzt zurück zur Normalisierung.»

Warten auf Beruhigung

Adrian Zürcher, Equity Strategist bei der Credit Suisse, erwartet aber, dass das Geschäft mit fremdfinanzierten Übernahmen wieder anziehen wird, sobald sich das Geschehen an den Finanzmärkten etwas beruhige. «Der grosse Boom ist aber angesichts der höheren Risikoprämien im Kreditmarkt vorbei.»
In der Schweiz würden verhältnismässig weniger Übernahmen mit einem grossen Einsatz an Fremdkapital finanziert, so Adrian Zürcher. Die Private-Equity-Gesellschaft Capvis setzt zum Beispiel in Transaktionen weniger Fremdkapital ein. «Für uns ist die grössere Vorsicht der Banken bei der Kreditvergabe sogar eher noch positiv», erklärt Tobias Ursprung, Partner bei Capvis. Denn diese zwinge auch die Wettbewerber, konservativere Verschuldungshöhen einzusetzen. Er rechnet auch nicht damit, dass Capvis in diesem Jahr wegen der jüngsten Verwerfungen am Kreditmarkt weniger Transaktionen zum Abschluss bringen wird.
Die Schweizer Unternehmen, die mit Krediten ihr Wachstum
finanzieren wollen, sehen sich keiner grösseren Zurückhaltung von Seiten der Banken gegenüber. «Es ist auch kaum zu erwarten, dass nun auch die Firmenkredite abgeklemmt werden», meint Jürg Furrer von Aquila Investment.
Für Unternehmen, die sich am Anleihenmarkt Kapital beschaffen, ist die Finanzierung wegen der höheren Risikoprämien etwas teurer geworden. Im historischen Vergleich sind die Prämien aber noch immer relativ tief. Insgesamt sind die Unternehmen in der Schweiz ohnehin wenig auf Fremdkapital angewiesen, da viele zum Teil hohe Barbestände in ihren Bilanzen halten.
Thomas Steinemann von Vontobel sieht höchstens eine Gefahr, wenn sich die Panik an den Finanzmärkten auf den Konsum niederschlagen und damit der Konjunkturmotor an Schwung verlieren würde. Bisher zeige sich die Wirtschaft aber noch immer von ihrer robusten Seite.

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Fakten

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Kreditkrise als Folge des billigen Geldes

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Politik des billigen Geldes Um die Jahrtausendwende ist an den Börsen die Welt noch in Ordnung. Plötzlich ändern sich die Vorzeichen: Die Internetblase platzt, und die Terroranschläge vom 11. September 2001 verstärken die Unsicherheit und die Angst der Investoren. Der damalige Chef der US-Notenbank (Fed), Alan Greenspan, befürchtet eine langanhaltende Deflation wie in Japan und gibt Gegensteuer: Er senkt den Leitzinssatz in mehreren Schritten bis auf 1% und erweitert die Geldmenge.
Immobilienboom Aufgrund der Zinssenkungen werden Hypotheken in den USA extrem günstig. Geld ist wegen der expansiven Geldpolitik der Fed ebenfalls ausreichend vorhanden. Diese beiden Faktoren lösen den Immobilienboom aus. Das Vertrauen in die Aktienmärkte ist zudem erschüttert, und viele Investoren sehen in Immobilien eine Versicherung gegen mögliche Risiken.

Grosszügige Kreditvergabe Die Banken vergeben in dieser Phase immer mehr Subprime-Hypotheken, also Hypotheken an Schuldner mit geringer Bonität.
Diese Hypotheken werden von den Banken wiederum als Wertpapiere verbrieft und an andere Investoren weiterverkauft.

Subprime-Markt Das Geschäft mit Subprime-Hypotheken ist kaum reguliert und wächst immens. Die Summe ausstehender Baudarlehen beträgt über 8,2 Billionen Dollar, und damit mehr als das Volumen der US-Staatsanleihen.

Private-Equity-Boom Beteiligungsfirmen profitieren ebenfalls von den niedrigen Zinsen. Sie können mit billigen Krediten riesige Übernahmen finanzieren. Im August 2002 macht die Private-Equity-Gesellschaft Carlyle von sich reden. Sie übernimmt vom angeschlagenen Telekomanbieter Qwest dessen Telefonbuchverlag für 7 Mrd Dollar, wobei 5,5 Mrd mit Krediten finanziert werden.
Erste Anzeichen der Krise Bestätigt wird die Existenz einer Krise erstmals am 7. Februar 2007. Damals eröffnet der Hypothekenanbieter New Century Financial, die Nummer zwei im Subprime-Markt, dass die Zahlen für die letzten drei Quartale stark nach unten korrigiert werden müssten. Zwei Monate später meldet das Unternehmen Insolvenz an.

Banken geraten ins Trudeln Ebenfalls am 7. Februar 2007 gibt die Bank HSBC bekannt, dass die Rückstellungen für geplatzte Subprime-Kredite von 8,8 Mrd Dollar nicht ausreichen und auf 10,6 Mrd Dollar aufgestockt werden müssen. Im Verlaufe desselben Monats wird die Geschäftsführung der Nordamerika-Tochter der HSBC ausgewechselt.

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Die Krise weitet sich auf Bankensektor aus

Politiker beschwichtigen
US-Finanzminister Henry Paulson nimmt nach den Börsenturbulenzen von Ende Februar 2007 als einer der ersten Finanzpolitiker Stellung zu den Kreditproblemen. Auf einer Japanreise erklärt er, dass zwar Probleme im US-Kreditmarkt existierten, diese aber begrenzt seien. Paulson konnte die Investoren wenig beruhigen.

Weiterer Kollaps
Nach den im Februar durch einen Kursrückschlag an den chinesischen Börsen ausgelösten Turbulenzen beruhigen sich die Börsen wieder. Dann aber gibt die US-Investmentbank Bear Stearns Mitte Juli bekannt, dass zwei ihrer Hedge-Fonds praktisch wertlos sind. Die beiden Hedge-Fonds hatten stark auf Subprime-Hypotheken gesetzt und viel Fremdkapital aufgenommen.
Entlassungen in der Führung sind auch bei Bear Stearns die Folge.

UBS ebenfalls betroffen
Auch die Schweizer Banken sind von der Krise betroffen. So hat die UBS ihren Hedge-Fonds Dillon Read Capital Management im Mai nach Verlusten von 150 Mio Fr. geschlossen. Gerüchten zufolge könnten die Verluste aber grösser sein. Genaueres werden erst die Zahlen zum 3. Quartal liefern, da sich die US-Kreditkrise im Juli, nach Ende des 2. Quartals, noch verschlimmert hat. Die UBS hat bereits am 5. Juli 2007 die Notbremse gezogen: CEO Peter Wuffli musste zurücktreten.

Knappe Liquidität
Die Anleger werden im Verlaufe des Sommers immer nervöser. Banken haben Mühe, Kredite für fremdfinanzierte Übernahmen zu platzieren. Beispielsweise fand die Private-Equity-Gruppe Kohlberg Kravis Roberts keine Investoren für einen Grossteil ihrer Kredite, mit denen sie die Übernahme der britischen Drogeriekette Alliance Boots finanzieren wollte. Mit 9 Mrd Pfund geht es um die grösste fremdfinanzierte Unternehmenstransaktion in Europa.

Banken in Insolvenz
Die zehntgrösste US-amerikanische Hypothekenbank, AHM, räumt Ende Juli 2007 Schwierigkeiten ein und meldete Gläubigerschutz an. Zahlreiche kleinere Institute waren schon vorher Pleite gegangen. In Deutschland gibt die Mittelstandsbank IKB eine Gewinnwarnung heraus. Sie muss durch milliardenhohe Bürgschaften der KfW-Bankengruppe gestützt werden. Offenbar hatte die IKB fast 8 Mrd Euro im Subprime-Markt investiert.

Aktienmärkte korrigieren
Die Unsicherheiten über das Ausmass der Kreditkrise sorgen Anfang
August 2007 für eine heftige Korrektur an den weltweiten Börsen.