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Gegenwind
Krise: Nun muss Tesla-Chef Musk das Steuer herumreissen

Elon Musk: Der gebürtige Südafrikaner hat den E-Auto-Markt revolutioniert. Getty/Mark Brake

Bei Tesla-Chef Elon Musk liegen die Nerven blank. Der Elektroautohersteller droht, die hochgesteckten Ziele zu verfehlen. Jetzt muss Musk ein grosses Problem in der Wüste von Nevada lösen.

Von Philipp Vetter («Die Welt»)
am 02.11.2017

Die letzten Wochen sind nicht spurlos an Elon Musk vorbei gegangen: Der Tesla-Chef hat sich eine Erkältung eingefangen – ausgerechnet jetzt in der kritischsten Phase des Elektroautobauers. Vielleicht hätte Musk doch nicht auf dem Dach der Gigafactory übernachten sollen. In der Wüste des US-Bundesstaats Nevada, wo die Batteriefabrik von Tesla steht, kann es nachts verdammt kalt werden. Dabei sah alles nach Lagerfeuerromantik aus, als Musk vor einigen Tagen per Instagram ein Video vom Dach der Fabrik verbreitete: vor ihm die Flammen, in der einen Hand ein Drink, in der anderen ein Stock mit einem Marshmallow, den er ins Feuer hält. Und der Tesla-Chef singt: «Ring of Fire» von Johnny Cash.

Doch was nach einer Auszeit für den Serienunternehmer aussieht, ist tatsächlich ein Zeichen der Krise: Musk fuhr nicht einmal mehr nachts zurück ins Hotel, denn die Probleme in der Gigafactory sind offenbar deutlich grösser als erwartet. Schon vor einigen Wochen musste Tesla zugeben, dass man von dem eigentlich als Massenmodell geplanten Model 3 in den Monaten zwischen Juli und September nur 222 Exemplare fertigen konnte – viel weniger als geplant.

Massenentlassung sorgt für Unruhe

Seitdem kommt Tesla nicht mehr aus den negativen Schlagzeilen heraus. Neben dem Produktionsfehlstart für den Mittelklassewagen sorgte auch die Entlassung von Hunderten Mitarbeitern in den USA für Unruhe. Zwar hatte Musk immer angekündigt, dass man durch die «Produktionshölle» gehen würde, wenn man mit dem Bau des Model 3 beginnt, doch so schlimm hatte er sich das offenbar selbst nicht vorgestellt.

Auch deshalb hinterliessen die vergangenen Wochen nicht nur Spuren bei der Gesundheit des Tesla-Chefs. Auch die Nerven liegen inzwischen blank. «Lächerlich» seien die Berichte über die Massenentlassungen, befand Musk. «Jeder Journalist, der darüber geschrieben hat, sollte sich schämen», schimpfte er. Es fehle an Integrität. Schliesslich habe Tesla lediglich Mitarbeiter rausgeworfen, deren Leistung nicht den hohen Standards des Unternehmens entsprochen habe. Andere Firmen in den USA würden prozentual deutlich mehr Beschäftigte wegen schlechter Leistungen feuern als es Tesla getan habe. «Unsere Standards sind hoch, sagte er. «Sie sind hoch, nicht um gemein zu sein, sondern, weil wir sonst sterben.»

Probleme mit riesiger Batteriefabrik

Musk ist überzeugt, dass nur mit den besten Mitarbeitern überhaupt das Überleben der Firma gelingen kann. Nach Jahren der Euphorie erlebt Tesla gerade, dass es doch nicht so einfach ist, den Massenmarkt mit den eigenen Elektroautos zu erobern.

Musk bestätigte bei der Vorlage der Quartalsbilanz in der Nacht zum Donnerstag, was viele bereits vermutet hatten: Die Ursache für die «Produktionshölle» liegt vor allem in der Wüste Nevadas, wo Tesla gemeinsam mit Panasonic die Batterien für die Elektroautos baut. Musk schaltete sich daher direkt aus der sogenannten Gigafactory zu, um die Bilanzzahlen zu kommentieren. «Ich habe meinen Schreibtisch dahin verlegt, wo die Probleme sind», sagte er. «Naja, ich habe gar keinen Schreibtisch, also ich habe mich selbst dorthin verlegt.»

Eine entscheidende Engstelle

Musk spricht von «Flaschenhälsen», die dafür sorgen, dass die gesamte Produktion des Model 3 nicht in die Gänge kommt. Die entscheidende Engstelle ist laut Tesla die Herstellung sogenannter Batteriemodule, für die mehrere Akkuzellen zusammengebaut werden. Vier solche Module bilden die Batterie eines Model 3. Doch der Prozess, der eigentlich hochautomatisiert ablaufen sollte, funktioniert nicht. Vor allem die ersten zwei von vier Produktionszonen, die von einem externen Zulieferer stammten, müssten massiv überarbeitet werden, sagte Musk. Man müsse praktisch die komplette Software neu schreiben.

Tesla habe nun die besten Ingenieure daran gesetzt, um die Roboter so schnell wie möglich neu zu programmieren. Dazu gehöre auch ein grosses Team der deutschen Tochter-Firma Tesla Grohmann Automation, die Musk im vergangenen Jahr für 150 Millionen Dollar übernommen hatte.

Die Zeit drängt

«Es ist relativ klar, was wir tun müssen, jetzt müssen wir es nur noch erledigen», sagte Musk. «Wir sind dran, es wird nur etwas länger dauern als gedacht.» Mindestens um drei Monate wird sich der Zeitplan von Tesla nun verschieben. Eigentlich sollten bereits Ende dieses Jahres 5000 Exemplare des Model 3 pro Woche vom Band laufen, nun will Musk diese Zahl erst im März 2018 erreichen. Wann das eigentliche Ziel von 10'000 Einheiten pro Woche erreicht wird, kündigt Tesla vorsorglich derzeit gar nicht mehr an.

Und auch für die Produktionszahl Ende dieses Jahres bleibt Musk schwammig: «Einige Tausend Exemplare pro Woche» sei nun das Ziel. Die Schuld will er nicht allein dem Zulieferer in die Schuhe schieben: «Zunächst mal ist alles mein Fehler», sagte Musk. «Wenn wir die falschen Partner aussuchen, ist das unser Fehler.»

Enttäuschende Zahlen

Auch die übrigen Zahlen enttäuschten viele Anleger: Der Umsatz in den Monaten Juli bis September lag knapp unter 3 Milliarden Dollar, davon stammten 2,36 Milliarden Dollar aus dem Automobilgeschäft. Das entspricht zwar einem Plus von rund zehn Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Doch der Verlust in den ersten neun Monaten des Jahres stieg deutlich stärker und liegt nun bei knapp 1,5 Milliarden Dollar, vor einem Jahr waren es nur gut 550 Millionen Dollar gewesen.

Unter dem Strich fiel im Quartal ein Verlust in Höhe von 619 Millionen Dollar an. Es ist der höchste Fehlbetrag, den Tesla seinen Investoren bislang in einem Quartal zugemutet hat. Die Aktie fiel nachbörslich um über vier Prozent.

Ambitionierte Ziele

Musk betonte hingegen, dass Tesla im vergangenen Quartal das 250'000 Auto seiner Geschichte verkauft habe. Damit habe sich die Flotte innerhalb von nur fünf Jahren verhundertfacht. «Für die Skeptiker da draussen: Wie viele von euch haben erwartet, dass wir von 2500 auf 250'000 kommen?», fragte Musk. «Ich vermute, die Antwort ist Null.»

Musk wäre nicht Musk, wenn er nicht trotz aller Probleme gleich neue extrem ambitionierte Ziele ausgeben würde. Auch wenn die Produktion im US-Werk noch nicht läuft, plant Tesla bereits eine Fabrik in China für den dortigen Markt. Musk bestätigte das erstmals und kündigte an, dass man dort «Hunderttausende» Autos pro Jahr produzieren wolle – «vielleicht mehr». Allerdings soll die Fertigung erst in drei Jahren beginnen.

Licht am Ende des Tunnels

Bis dahin will Musk die heimische Produktionshölle verlassen haben. In Anlehnung an Dantes neun Höllenkreise sagte der Tesla-Chef, man habe es immerhin inzwischen vom schlimmsten, dem neunten Höllenkreis, in den achten geschafft. Er könne sogar schon den Ausgang zum siebten erkennen. Vor einigen Wochen sei er noch skeptischer gewesen. «Jetzt kann ich einen klaren Weg zum Sonnenschein sehen», sagt er. Es klingt etwas verschnupft, aber zumindest Musks Optimismus konnten auch die letzten Wochen nichts anhaben.

Dieser Artikel erschien zuerst bei der «Welt» unter dem Titel: «Bei Elon Musk liegen jetzt die Nerven blank».

 

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