Dieses Jahr schien für die Schweizer Hilfswerke ein schwarzes Jahr zu werden, weil sie bis Mitte Jahr für ihre Spendengelder immer weniger der immer teureren Nahrungsmittel kaufen konnten. Hingegen hat sich die Finanzkrise nicht auf den Spendenertrag ausgewirkt, wie eine Umfrage der «Handelszeitung» bei den elf grössten Schweizer Organisationen zeigt (siehe Tabelle).

Im Gegenteil. «Tendenziell wird die Solidarität der Bevölkerung in wirtschaftlich schwierigen Zeiten eher gestärkt», sagt Helvetas-Sprecherin Esther Amberg. Der Spendenzuwachs betrage bisher im laufenden Jahr rund 10%. Auch die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi liegt im Plus. Wenn überhaupt, dürfte sich die Finanzkrise erst 2009 bei den Vergabestiftungen bemerkbar machen, die Ausschüttungen über den Finanzertrag alimentierten, sagt Pestalozzi-Sprecherin Carmelina Castellino. Weiter: «Sollte es der Wirtschaft nächstes Jahr wesentlich schlechter gehen und die Konsumentenstimmung kippen, erhöht sich erfahrungsgemäss die Solidarität mit den Benachteiligten und damit die Bereitschaft zu Einzelspenden.»

Vom Rotstift verschont

Diese Solidarität beobachtet auch Odilo Noti, Sprecher von Caritas, welche heuer rund 5% zulegt. «Eine Rezession macht sich im Spendenaufkommen Privater nie unmittelbar bemerkbar.» Da die Spender gemäss Spendenmonitor Solidarität als Hauptmotivation angeben, folgert Noti: «Das heisst, dass für Spendende moralisch-ethische Argumente ausschlaggebend sind. Diese fährt man in einer Rezession nicht einfach so zurück, wie man sich im Konsum einzuschränken beginnt.»

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Auch Swiss-Re-Verwaltungsratspräsident Peter Forstmoser fühlt sich dieses Jahr veranlasst, mehr zu spenden als auch schon (siehe «Nachgefragt» unten).

Selbst bei den Spenden, die direkt aus der Wirtschaft kommen, zeigt sich der Abschwung 2008 noch nicht. Beim Schweizerischen Roten Kreuz (SRK), wo die Wirtschaft und Sponsoring-Spendeneinnahmen ein Sechstel des Totals ausmachen, legten sie bis Mitte November gar 21% zu, wie SRK-Sprecher Beat Wagner sagt. Die Organisation konnte auch kürzlich noch grössere Einzelspenden entgegennehmen. Doch Wagner ist nicht nur optimistisch: «Wir rechnen jedoch damit, dass sich dies bei einem Andauern der Schwierigkeiten und einer Verstärkung rezessiver Tendenzen ändern und 2009 dann ein schwieriges Jahr werden könnte.»

Vorsichtige Anlagepolitik

Trotz Skepsis schneiden die Hilfswerke auch in ihrer Anlageperformance relativ gesehen gut ab (siehe Tabelle). Das Heks weist bisher ein Minus von rund 3% aus. Der Verlust könne vollumfänglich aus Wertschwankungsreserven gedeckt werden, sagt Heks-Sprecherin Susanne Stahel. Die wirtschaftsnahe Swisscontact rechnet für 2008 mit einem nicht realisierten Kursverlust von 8%. Bei Pestalozzi sei der Einfluss der Finanzkrise prozentual mit dem Pictet 40 zu vergleichen, also wesentlich geringer als die SMI-Verluste, sagt Sprecherin Castellino. Das Depot unterschreite die Aktienquote des Anlagereglements deutlich. Zudem sei der Fondsanteil gering. Kreditfinanzierte Anlagen würden nicht getätigt.

Von einer antizyklischen Branche kann aber nicht die Rede sein. Die für die Entwicklungsorganisationen wichtigen öffentlichen Gelder werden knapper. Der neue Chef der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit Deza, Martin Dahinden, sagt gegenüber der «Handelszeitung», dass die Entwicklungsländer die Finanzkrise nicht nur beim Exportrückgang in die Industrieländer und bei den sinkenden Remittenzen (Geldüberweisungen) merken würden, sondern auch beim Verhalten der Geberstaaten. «Auch in der Schweiz werden die Verteilkämpfe um die Bundesgelder zunehmen. Ich werde die Position der Deza verteidigen», so Dahinden weiter.

Wenn es um das Schweizer Entwicklungsbudget gehe, dann sei die zentrale Frage: Kann die Schweiz in einer Rezessionsphase weiterhin solidarisch sein? Dahinden: «Es ist Sache des Parlaments, diese Frage zu beantworten. Ich denke, dass es politisch und wirtschaftlich im Interesse unseres Landes ist, dass wir uns nicht abkapseln und uns weiterhin stark international engagieren.»

 

 

NACHGEFRAGT


«Ich habe das Gefühl, mehr machen zu müssen»

Der Verwaltungsratspräsident von Swiss Re, Peter Forstmoser, erklärt, wo, wieso und wie viel er dieses Jahr Hilfswerken spendet.

Was motiviert Sie dazu, privat an ein Hilfswerk zu spenden? Peter Forstmoser: Einerseits sind es die Aktivitäten der Hilfswerke im Bereich Ausbildung, Kleinhandwerk und Menschenrechte, die mich überzeugen. Andererseits kenne ich die Menschen, die dahinter stehen. Am liebsten gebe ich den Leuten direkt vor Ort die Mittel, aber das ist in der Regel nicht möglich. Darum muss man Vertrauen haben in die Verantwortlichen der Organisationen.

Nach welchen Kriterien lesen Sie die Organisation aus?

Forstmoser: Transparenz ist für mich sehr wichtig, auch die Zielsetzungen müssen mich über?zeugen. Ausserdem braucht es Garanten dafür, dass das Geld gut eingesetzt wird.

Könnten Sie ein Beispiel geben für ein Hilfswerk, an das Sie spenden?

Forstmoser: Ich unterstütze gewisse Projekte direkt. Des Weiteren lasse ich einigen bekannten Schweizer Hilfswerken einzelne Spenden zukommen. Darunter sind Ärzte ohne Grenzen, Swissaid, Swisscontact, Human Rights Watch, Amnesty International und Beat Richner, den ich von Kindsbeinen an kenne.

Hat die Finanzkrise heuer einen Einfluss auf Ihre Spende?

Forstmoser: Selber bin ich beim Einkommen von der Finanzkrise nicht betroffen und ich habe das Gefühl, eher mehr machen zu müssen als üblich. Ich habe zwar gelitten bei meinen Aktienanlagen ? sie sind alle deutlich weniger wert ?, aber sie tangieren mein Einkommen nicht.