Die Wirtschaftskrise hält alle Branchen im Schwitzkasten und würgt Weiterbildungsbudgets ab. Ist die Zahl der Absolventen von MBA oder EMBA bereits rückläufig?

Benno Marbach: Es ist jedenfalls eine gewisse Zurückhaltung spürbar und die Zahl der Anmeldungen ist teilweise rückläufig. Allerdings muss man differenzieren zwischen den traditionellen MBA-Lehrgängen und den berufsbegleitenden EMBA-Programmen. Bei den EMBA, die in der Regel von den Unternehmen finanziert werden, ist ein Rückgang spürbar. Viele Firmen haben die Weiterbildungsbudgets redimensioniert oder neue Prioritäten gesetzt. Die besten Talente werden noch immer gezielt gefördert. Die entsprechenden Selektionsverfahren, wer einen Kurs auf Geschäftskosten absolvieren kann, sind aber sicher härter geworden.

Wo sind die Bildungsbudgets denn am markantesten eingebrochen?

Marbach: Die entsprechenden Budgetkürzungen, auch im MBA-Bereich, widerspiegeln die gegenwärtige Situation auf den Märkten. Bei fast allen Unternehmen der Finanzbranche sind Einbrüche bemerkbar. In Industrien, die relativ weniger von der Krise betroffen sind, etwa die Pharmabranche, sind geringere Einbrüche zu erwarten. Das gilt auch für die Consultingbranche, wo eine qualitativ hochstehende Bildung ein integraler Teil des Geschäftsmodells ist.

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Können Sie abschätzen, wie stark die Bildungsausgaben über alle Branchen hinweg effektiv zurückgefahren werden?

Marbach: Nach meinen Einschätzungen werden die Einsparungen zwischen 10 und 30% liegen. Betroffen ist vermutlich vor allem der EMBA.

Wie begründen Firmen den Kahlschlag?

Marbach: Von einem Kahlschlag würde ich nicht sprechen. Weiterbildung und Förderung von Top-Talenten bleiben bei allen grossen Unternehmen höchste Priorität. Und für Top-Leute werden auch in Krisenzeiten Budgets freigemacht. Es ist richtig, dass gegenwärtig weniger, dafür gezielter in die Bildung der Mitarbeitenden investiert wird. Dabei sollen finanzierte Lehrgänge selbstverständlich auch dem Betrieb einen direkten Nutzen bringen.

Haben die Selbstzahler zugenommen?

Marbach: Das ist sehr wahrscheinlich, denn parallel zur finanziellen Zurückhaltung der Unternehmen ist die Nachfrage nach MBA-Studien mit der Krise eher gewachsen: Arbeitnehmer wollen ihre Wettbewerbsfähigkeit im Arbeitsmarkt mittels MBA steigern. Dieses antizyklische Verhalten haben wir auch schon in früheren Rezessionen festgestellt. Wo mehr MBA-Interessenten auf weniger finanzielle Unterstützung zurückgreifen können, steigt wohl automatisch die Quote der Selbstzahler. Deshalb sind die Teilnehmerzahlen für sogenannte Fulltime MBA, die ja nicht von aktiven Berufsleuten absolviert werden, auch in der Krise konstant geblieben oder wachsen sogar tendenziell. Doch MBA-Studenten haben vermehrt Schwierigkeiten, von Finanzinstituten Darlehen zur Studienfinanzierung zu erhalten. So hat beispielsweise die Citibank erst kürzlich ein populäres Darlehensinstrument, CitiAssist, aus dem Markt zurückgezogen.

Welchen Einfluss hat die Wirtschaft auf die Inhalte einer MBA-Ausbildung?

Marbach: Einen ganz entscheidenden. MBA-Programme müssen immer die neusten Entwicklungen und Rahmenbedingungen in der Wirtschaft berücksichtigen und für aktuelle Herausforderungen gerüstet sein - nicht für kurzfristige Trends, sondern für langfristig einschneidende Veränderungen in der Wirtschaftswelt und in der Gesellschaft. So wurden die Themen Ethik, Umwelt und Nachhaltigkeit in den letzten Jahren vermehrt in die Ausbildung integriert.

Wird auch die aktuelle Krise ihre Spuren in den MBA-Lehrplänen hinterlassen?

Marbach: Ganz bestimmt. Ich denke, dass sie einen Einfluss auf verschiedene Themen ausüben und die MBA-Ausbildung stark verändern wird. Sicher müssen aufgrund der Ereignisse in der Finanzindustrie Fragen des Risikomanagements oder der Gestaltung von Anreizsystemen noch stärker gewichtet werden. Die Ethikdiskussion muss neu geführt werden. Auch die Förderung von Innovation und die Entwicklung neuer Technologien, zu der etwa die weltweite Autoindustrie gezwungen ist, werden sich in den Lehrgängen niederschlagen.

Wurde die heutige Managergeneration falsch ausgebildet?

Marbach: Natürlich müssen sich viele renommierte Institute kritisch hinterfragen. Viele Entscheidungsträger, die den Ausbruch dieser Krise mitverantworten müssen, haben vor Jahren auch einen MBA-Abschluss gemacht. Doch der MBA ist nur ein Faktor unter vielen in der Entwicklung eines Top-Managers: Fortbildung am Arbeitsplatz, Förderung durch Vorgesetzte, Firmenkultur und andere Faktoren haben ebenfalls einen starken Einfluss.

Was kann SAMBA tun, damit sich solche Ereignisse nicht wiederholen?

Marbach: Solche Wirtschaftskrisen können wir nicht verhindern, aber wir können als Bindeglied zwischen Wirtschaft und MBA-Ausbildung eine vermittelnde Position einnehmen. Wir vertreten Absolventen mit hoher Wirtschaftskompetenz, die wissen, welche Ausbildung in der heutigen Zeit gefragt ist. Dieses Wissen spielen wir den Ausbildungsstätten zurück und können dadurch einen Beitrag leisten, dass die kommenden Generationen besser auf die Herausforderungen in der Wirtschaft vorbereitet werden.

SAMBA bereitet Schweizer Studenten und Absolventen für ihre Karriere vor. Herrscht zurzeit eine grosse Verunsicherung?

Marbach: Nun, wir geben eher Support - die Funktion des Vorbereitens übernehmen bereits erfolgreich die MBA-Ausbildungsstätten. Zurzeit ist das Interesse für MBA-Abschlüsse sehr gross. Hingegen ist die Finanzierung ein Problem, das viele Studenten auf jeden Fall beschäftigt. Auch die Aussichten für Absolventen im Berufsleben sind weniger positiv als auch schon. Heute ist irgendein MBA-Abschluss kein automatisches Ticket mehr für einen guten Job - ein MBA von einer Top-Schule kann hingegen viele Türen öffnen.

Steigert das den Ehrgeiz der Studenten?

Marbach: Ein Stückweit schon, weil sie wissen, dass ihre Chancen steigen, wenn sie ihren MBA-Abschluss an einem renommierten Institut machen. Nicht nur die Unternehmen, auch die Studenten suchen in diesen Zeiten nach einem optimalen Return on Investment. Entsprechend haben auch heute die absoluten Top-Schulen wie Harvard, Stanford, London Business School, Insead oder auch IMD und HSG einen ungebrochen hohen Zulauf.

Wie stellen sich andere MBA-Anbieter diesem härteren Wettbewerb?

Marbach: Für viele ist die Situation im Moment tatsächlich nicht einfach. Ihre Erträge sinken, weil ihre Kapitalanlagen tiefere Erträge abwerfen und sie weniger Fördermittel aus der Wirtschaft oder vom Staat erhalten. Zudem fliessen wegen sinkender Studentenzahlen weniger Semestergebühren. Daher müssen einige rigide Kostenmassnahmen ergreifen. Zum Teil werden wohl einzelne Programme gestrichen, Infrastrukturen abgebaut oder auch Entlassungen vorgenommen.

Droht gewissen Angeboten oder Instituten das Aus wegen mangelnder Nachfrage?

Marbach: Die Top-Schulen und das qualitative Mittelfeld sind weit davon entfernt, in Existenznöte zu geraten. Natürlich ist es möglich, dass temporär einzelne Kurse auch bei ihnen gestrichen werden. Mit unserer Organisation stehen wir mit den 20 weltbesten MBA-Schulen in einem engen Kontakt. Für diese ist die aktuelle Krise alles andere als bedrohlich. Aber es ist klar, dass mit sinkender Qualität die Gefahr für eine Schule steigt, durch die Konjunkturflaute ernsthaft in Bedrängnis zu geraten.

Wie hat sich die Qualität der MBA-Ausbildung in der Schweiz entwickelt?

Marbach: Gut. Die Schweiz verfügt mit dem IMD in Lausanne und mit der HSG in St. Gallen über zwei Institute, die im internationalen MBA-Markt sehr gut mithalten können. Einen guten Namen, vor allem bei nationalen Studierenden, hat sich auch Rochester-Bern verdient.

Ist der Schweizer Bildungsstandort gegenüber dem Ausland rückständig?

Marbach: Die Schweiz ist sicher nicht ein klassisches MBA-Land, wie das bei den Hotelfachschulen der Fall ist. Für MBA-Ausbildungen sind die USA, Grossbritannien, Spanien oder Frankreich top. Wir haben auch etwas spät begonnen. Etwa die HSG, die ihren Fulltime MBA erst 2005 lanciert hat. Ein gewisser Rückstand ist da vorhanden. Die IMD spielt aber sicher in einer eigenen Klasse und gehört auch international zu den Top-Adressen.

Machen Schweizer MBA-Absolventen ihr Diplom heute eher in der Heimat oder im Ausland?

Marbach: Die Top-Talente aus der Schweiz gehen eher ins Ausland, eben in die USA, oder in andere europäische Länder. Sie suchen bewusst eine internationale Ausbildung. Vor allem im Bereich EMBA gibt es aber auch andere Gründe wie Familie, die eher zu einem Verbleib in der Schweiz animieren. Ich schätze, für den Vollzeit-MBA gehen 40 bis 60% ins Ausland. Für das EMBA sind es noch 30 bis 40%.

Sind Veränderungen auf der MBA-Weltkarte zu erwarten?

Marbach: Ich erwarte keine fundamentalen Verschiebungen. Weil der Ursprung der Wirtschaftskrise den USA angelastet wird, hat das Mutterland der MBA-Ausbildung vielleicht etwas von seinem Vorbildcharakter eingebüsst. Dadurch gewinnen wahrscheinlich andere Destinationen an Attraktivität. Bestimmt sind Asien und der Mittlere Osten wichtige Zukunftsmärkte für MBA-Programme.

Wird die gegenwärtige Wirtschaftskrise den Stellenwert eines MBA-Abschlusses nachhaltig verändern?

Marbach: Ich bin überzeugt, dass der Stellenwert eines MBA einer Top-Schule sogar noch weiter steigen wird. Sie werden ihre Hausaufgaben machen und noch bessere Programme kreieren. Das Qualitätsbewusstsein in der Ausbildung wird nochmals zunehmen. Bei den MBA-Anbietern wird sich die Spreu ganz klar vom Weizen trennen. Diese Entwicklung findet bereits seit einigen Jahren statt. Durch die Krise wird sie nochmals rasant beschleunigt.