Pierin Vincenz, der CEO der Raiffeisen-Gruppe, gerät erneut in die Kritik. Doch die Ankläger sind für einmal nicht die Medien, sondern sie stammen aus den eigenen Reihen. Bei einigen Genossenschaftern und bei ehemaligen Raiffeisen-Kadermitarbeitern sorgt Vincenz Expansionsstrategie für Kopfschütteln.

«Raiffeisen hat sich in der Schweiz zur drittgrössten Bankengruppe etabliert», erwähnte Vincenz an der Bilanzmedienkonferenz vom 5. März stolz. Fast in Grossbankenmanie betonte der «Mister Raiffeisen» (wie er von einigen Genossenschaftern genannt wird), dass die Grösse eines Vermögensverwalters wichtig sei, um den Kunden das notwendige Sicherheitsgefühl zu vermitteln.

Entsprechend schuf das Unternehmen im Jahr 2008 über 450 neue Vollzeitstellen. Damit erhöhte sich der Personalaufwand um 9,3% gegenüber dem Vorjahr. 15 neue Bankstellen wurden eröffnet. Und damit noch nicht genug: Im laufenden Jahr soll die Eröffnung von bis zu 40 weiteren Bankstellen gesprüft werden. Wie viel Personal dafür angestellt werden muss, ist noch offen.

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Während sich einige Genossenschafter über den Ausbau freuen, sorgen sich andere über die wachsenden Kostenrisiken. Dabei erhalten sie Rückendeckung von ehemaligen Kadermitarbeitern. Sie weisen darauf hin, dass insbesondere die internen Prozesse nicht der zunehmenden Grösse des Unternehmens angepasst werden. Dies widerspiegelt sich auch im Jahresergebnis der Raiffeisen-Gruppe: Je mehr Wachstum Raiffeisen erzielt, umso weniger verdient sie proportional. Damit wird ersichtlich, dass die Gruppe derzeit kaum Skaleneffekt generiert, wodurch die Marge verringert wird (siehe auch Grafik).

Entsprechend wächst die Gefahr, dass Raiffeisen in eine Kostenspirale gerät. Eindrückliches Beispiel liefern die 15 Neueröffnungen. «Wir rechnen damit, dass die Neueröffnungen in drei bis vier Jahren profitabel sind», sagt Vincenz der «Handelszeitung». In Anbetracht der vielen neuen Bankstellen ist das eine lange Zeit. «Wir denken langfris- tig», rechtfertigt sich der CEO. Es sei ihm aber klar: «In der Kostenentwicklung bestehen Risiken.»

Neben den Kosten stellt sich aber auch die Frage, ob sich der Ausbau grundsätzlich lohnt. So besteht die Gefahr, dass die Kundengelder nach dem Aussitzen der Krise wieder abgezogen werden. «Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir die neuen Kunden halten können», so der CEO. Wichtig sei aber, die Nähe zu den Kunden zu intensivieren.

Dass sich nicht alle Genossenschafter für seine Strategie erwärmen können, ist auch Vincenz bewusst. «Klar kommt es immer wieder zu Spannungen. Grundsätzlich ist es aber für die einzelnen Banken interessant, ihr Tätigkeitsfeld zu erweitern», so Vincenz und fügt an, dass es immer alle an Bord braucht, um erfolgreich zu sein.

Obwohl Vincenz Person immer wieder für Diskussionen sorgt, muss ihm zugute gehalten werden, dass er die Raiffeisen-Gruppe stets weiterentwickelt hat. «Er hat längst erkannt, dass das grösste Wachstum in den städtischen Gebieten erzielt werden kann», sagt Daniel Moser, Leiter Raiffeisenbank Einsiedeln Genossenschaft. Und wie es scheint, dürfte Vincenz auch in Zukunft für Wirbel sorgen. Trotz seines 10-jährigen Jubiläums in der Raiffeisen-Geschäftsleitung gedenke er, den Job noch eine Zeit lang auszuüben, so Vincenz.