Das alte Sprichwort «Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser» ist nach wie vor gültig. Ganz besonders im Umfeld der Wirtschaftsprüfer. Stellen aber nur besondere und strengere Kontrollen sicher, dass Menschen richtig und ethisch korrekt handeln? Die Enron-Pleite hatte enorme Auswirkungen auf die amerikanische Industrie. Nicht nur war sie eine Warnung an die CEO und CFO von Grossunternehmen, sondern gab auch Anlass für neue und ausführliche Gesetze wie den Sarbanes-Oxley Act (SOX) und neue Schweizer Gesetzesbestimmungen zur Einführung eines internen Kontrollsystems. Nun stellt sich die entscheidende Frage: Hat sich die Welt in ihren Verhaltensweisen, beruhend auf Ethik und Moral, durch die griffigeren Kontrollen wirklich verbessert?

Mehr Fälle aufgedeckt

Seit Inkrafttreten der strengen SEC-Vorschriften konnten eindeutig mehr Fälle von Betrug und Fehlverhalten aufgedeckt werden. Dennoch bleibt am Ende die Frage: Lernen die Unternehmen und die Mitarbeitenden aus diesen Problemen? Üblicherweise muss es erst zu einem Skandal kommen, damit sich etwas ändert. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass eine kleine Gruppe von Personen einen grossen Schaden anrichten kann, dies sowohl im finanziellen Bereich als auch in der Reputation.

Einige Unternehmen wollen dagegen nicht so lange warten und ergreifen die nötigen Massnahmen zur Betrugsprävention. Dazu formulieren sie nicht nur neue Anweisungen und Compliance-Vorschriften, sondern schaffen eine Kultur der Integrität (siehe Box).

Es ist allerdings eine Illusion zu glauben, dass man die Komplexität der heutigen Geschäftswelt tatsächlich in einem Handbuch, das alle Antworten parat hält, erfassen könne. Geschäftsprozesse erfordern am Ende immer noch eine menschliche Entscheidung, und daher können Fehler nie vollständig ausgeschlossen werden. Eine Schlüsselaufgabe des Managements besteht darin, die Grundlagen zu schaffen, dass die betreffenden Mitarbeitenden aktuell und richtig über die Richtlinien informiert sind. Das bedeutet, dass ihnen Orientierungshilfen in Form von Regeln und Vorschriften jederzeit zur Verfügung stehen. Des Weiteren, dass die Mitarbeitenden darin trainiert werden, situativ richtig und ethisch korrekt zu entscheiden, wenn sich die Antwort nicht einfach im Handbuch nachschlagen lässt.

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An diesem Punkt müssen sich Unternehmen darauf verlassen können, dass ihre Mitarbeitenden richtig und ethisch korrekt entscheiden. Paradoxerweise reagieren gerade Unternehmen, die von den Aufsichtsbehörden stark unter Druck gesetzt werden, oft automatisch mit der Entwicklung strengerer Kontrollsysteme, die noch mehr Regeln und Anweisungen umfassen. Für das Management ist dann die Versuchung gross, sich auf Prozesse statt auf Menschen zu verlassen.

Dies soll nicht nur durch die Implementierung von Abläufen erfolgen, sondern die Mitarbeitenden sollen auch mit dem Leitbild der Firma durch Instruktionen und Richtlinien vertraut gemacht werden. Gerade Organisationen, die in einem internationalen Umfeld arbeiten, wissen, dass das ethische Klima von Land zu Region variiert und dass gut funktionierende ethische Geschäftsabläufe, die in einem Land akzeptiert sind, in einem anderen klar inakzeptabel sein können. Trotz der länderspezifischen Eigenschaften muss die Firma stets sicherstellen, dass alle Geschäfte innerhalb der regulatorischen Rahmenbedingungen abgewickelt werden.

Der wichtigste Punkt ist, nicht erst darauf zu warten, bis ein Vergehen stattgefunden hat und dann erst an die Prävention zu denken, sondern jetzt zu handeln. Der erste Schritt des Managements besteht darin, das ethische Dilemma der Mitarbeitenden zu verstehen, mit welchem sie im täglichen Geschäft konfrontiert sind. Anschliessend muss das Management die Mitarbeitenden auf das gewünschte ethische Klima schulen.

Schweizer Wirtschaftsethik

Zusammen mit der Fachhochschule Nordwestschweiz untersuchte KPMG das ethische Klima bei Schweizer Unternehmen. Dazu wurden persönliche Interviews sowie eine Online-Umfrage bei führenden Unternehmen durchgeführt. Daran konnten sich Mitarbeitende von kotierten Unternehmen beteiligen. Auf den ersten Blick bietet die Schweiz ein positives Gesamtbild. Arbeitnehmende fühlen sich in der Schweiz respektvoll behandelt, sie vertrauen ihrem Management und ihren Kollegen und haben das Gefühl, dass sie über ethische Konflikte im Job sprechen können.

Doch auf die Frage, ob sie in den letzten zwölf Monaten Zeuge von Verstössen gegen die Regelwerke und Prozesse geworden seien, antwortete fast die Hälfte der Befragten mit Ja. Jeder Dritte gab zudem an, dass das Management wahrscheinlich nichts von den Verstössen wisse. Die Mitarbeitenden sind zwar über die Regelwerke, Prozesse und Vorschriften genau informiert, doch im Alltag fällt es ihnen schwer, alle Regeln zu befolgen und sie einzuhalten. Wenn Geschäftsziele erreicht werden müssen und unter dem Strich nur die Ergebnisse zählen, fühlen sie sich manchmal dazu genötigt, Regelwerke nicht allzu genau zu nehmen. Solche Situationen werden dann gerne unter den Teppich gewischt.