Waren es zunächst die Amerikaner, die während des gesamten letzten Jahres die stärkste Stütze des internationalen Kunstmarktes bildeten, erfolgte mit der letzten Auktionsperiode im November und Dezember 2003 die Rückkehr der Europäer in den Weltmarkt. Den Wendepunkt brachten die traditionellen New Yorker Auktionen für Impressionisten und Klassische Moderne Anfang November. Während bei der Abendauktion von Christie's noch 66% der Werke an amerikanische Bieter gingen, kehrte sich das Verhältnis bei Sotheby's am nächsten Tag zugunsten der europäischen Käufer um. Insgesamt konnten bei Christie's Kunstwerke für 117 Mio Dollar und bei Sotheby's für 125,5 Mio Dollar abgesetzt werden nicht zuletzt dank einiger Spitzenlose, von denen beide Auktionshäuser nach der mageren Frühjahrssaison nun wieder einige im Angebot hatten.

Der gelungene Saisonauftakt beweist, dass die Talsohle des Jahres 2002 überwunden ist. Doch nach wie vor ist der Markt hochgradig selektiv, die Käufer sehr gut informiert und kalkulierend.

Auf dem europäischen Auktionsmarkt waren es nicht zuletzt die russischen Käufer, die in die Bresche sprangen, wo amerikanische Sammler zeitweise durch den hohen Eurokurs gebremst wurden. Inflationsängste, die schon den Goldpreis in die Höhe getrieben hatten, belebten hier auch den Kunstmarkt.

Die neue Käufergeneration ist krisengeschult

Die Novemberauktionen mit zeitgenössischer Kunst haben den aktuellen, enorm starken Markt auf diesem Gebiet bestätigt. Potente Sammlerkreise, die ihr Interesse auf immer jüngere Kunst richten, sind im Wachsen begriffen. Zum einen sind es Stammkäufer, die nach rund zwei Jahren Abstinenz in den Markt zurückgekehrt sind. Zum anderen prägt eine neue, junge Käufergeneration aus Europa und Übersee Mittdreissiger bis Mittvierziger die im Schnitt zwischen 300000 und 800000 Dollar pro Objekt auszugeben bereit ist, den Markt. Diese neuen Käufer, die ihre Vergnügungsetats jetzt in jüngster Kunst der 90er Jahre anlegen, kaufen auf Messen wie auch auf Auktionen. Sie kommen gerade aus einer Rezession, sind krisengeschult und lassen sich nicht verleiten, verrückte Summen zu zahlen. Doch etliche Preise, die momentan für allerneueste Kunst bezahlt werden, eilen ihrer Zeit voraus und haben spekulativen Charakter. Während Phillips 49 von 55 Losen für insgesamt 11 Mio Dollar verkaufte und damit bei seinen oberen Erwartungen lag, schloss Christie's die Zeitgenossenwoche mit einem Umsatz von 62 Mio Dollar und elf Auktionsrekorden ab. Sotheby's erzielte mit einem Erlös von 76,56 Mio Dollar gar seinen höchsten Abenderlös für Zeitgenossen seit 1989. Nur 13 Rückgänge von 68 Losen, dazu sieben neue Künstlerrekorde sprechen eine deutliche Sprache. Mit insgesamt 445,4 Mio Dollar für die November-Auktionen erreichten die beiden grossen Auktionshäuser ein Ergebnis, das wieder in die Nähe der früheren Glanzzeiten rückt.

Der Markt reagiert dankbar auf frische Ware

Eine weitere Tendenz liess sich in den Londoner Dezember-Auktionen mit Alten Meistern ausmachen, wo sich der Handel wieder vermehrt engagierte, um neues Material für die Tefaf in Maastricht in diesem März zu erwerben, was allgemein die Markstimmung festigte. Zudem gibt es immer mehr starke Preise, die die Rückkehr der europäischen Sammler in den Markt signalisieren. Sie zeigen, wie dankbar der Markt auf frische Ware reagiert. Nach zweijähriger Zurückhaltung scheinen die Sammler die Investition in Kunst wieder als echte Alternative zu frustrierenden Sparprogrammen anzusehen.

Viel Bewegung auf dem Altmeister-Markt

Doch immer noch macht sich ganz generell ein Mangel an Material bemerkbar, welches die Auktionsumsätze gesamthaft nach oben treiben könnte. Daran dürfte sich auch in diesem Jahr nur wenig ändern, wie bereits die Altmeister-Auktionen Ende Januar in New York gezeigt haben. Mit einem Total von 42,8 Mio Dollar für rund 350 verkaufte Werke kamen sie auch nicht annähernd an die Summe von 80 Mio Dollar, die Christie's und Sotheby's im Jahr zuvor für 250 Alte Meister erzielt hatten.

Prozentual gab es jedoch weniger Rückgänge als letztes Jahr, was auch auf die tiefer angesetzten Schätzpreise zurückzuführen sein dürfte. Die im Vergleich zu den typischen Käufern moderner und zeitgenössischer Kunst in der Regel gründlicher informierten Altmeister-Käufer reagieren jeweils rigoros, wenn ihnen die Werke nicht marktgerecht taxiert scheinen. Spitzenlos bei den Alten Meistern war schliesslich Hendrick Avercamps entzückende «Winterszene mit Eisläufern auf einem gefrorenen Fluss», die dem Londoner Altmeisterhändler Richard Green am 22. Januar 2004 bei Sotheby's 8,69 Mio Dollar Wert war.

Teuerstes Werk bei Christie's war ein kleines Stilleben des spanischen Hofmalers Melèndez um 1760, das am Tag darauf für 4,04 Mio Dollar, das Doppelte seiner oberen Taxe, an einen anonymen europäischen Sammler ging.

Zeitgenössische Kunst auch in Europa erfolgreich

Die Versteigerungen impressionistischer, moderner, surrealistischer und zeitgenössischer Kunst, vom 2. bis 5. Februar dieses Jahres von den beiden Auktionsmultis in London abgehalten, zeigten mit einem Totalumsatz von 207,8 Mio Dollar insgesamt ein ermutigendes Gesamtergebnis, wenn auch kaum Sensationspreise erzielt wurden. Dagegen liess sich ein solides Käuferinteresse im oberen Mittelfeld beobachten.

In der Regel waren es private Käufer, die der Londoner Saisoneröffnung zu ihren Glanzlichtern verhalfen. Zu hoch taxierte oder auf dem Markt zu bekannte Lose hatten keine Chance, und auch bei wohlklingenden Namen wurde aussortiert, was nicht wirklich als rar oder zumindest als charakteristisch angesehen wird. Spitzenlos bei Christie's war das etwas struppige Blumengebinde «Grand Bouquet des fleurs» von Paul Cézanne, das für 8,17 Mio Dollar an einen Privatbieter ging. Insgesamt setzte Christie's 121,5 Mio Dollar um.

Mit 9,21 Mio Dollar erzielte ein Exemplar von Edgar Degas' berühmter Bronze «Petite danseuse de quatorze ans» bei Sotheby's den höchsten Preis. Drei vergleichbare Exemplare waren in den letzten Jahren allerdings für Zuschlagspreise zwischen 11,6 und 12,4 Mio Dollar verkauft worden.

Nachkriegs- und Gegenwartskunst ging gut weg, wenn auch ohne den Glamour des New Yorker Zeitgenossen-Pflasters. Doch verkörpern die 14,7 Mio Pfund, die am 5. Februar 2004 bei Sotheby's erreicht wurden, das bisher höchste Gesamtergebnis für eine Auktion mit Gegenwartskunst in Europa. Erwartungsgemäss war dort Francis Bacons «Study for a Pope VI» von 1961 mit 5,14 Mio Dollar das teuerste Los aus dem Sektor Nachkriegskunst.

Warten auf Meisterwerke der Whitney-Sammlung

War das Angebot im obersten Segment monatelang völlig ausgetrocknet, so tauchen nun wieder Spitzenobjekte auf, die dementsprechend hohe Preise erzielen. Wenn auch noch etwas zögernd, haben verkaufswillige Kunstbesitzer wieder Vertrauen in den Kunstmarkt gefasst, da sie damit rechnen können, für ihre Stücke angemessene Preise zu erhalten. So werden bereits jetzt mit viel Spannung die diesjährigen New Yorker Mai-Auktionen erwartet, wo bei Sotheby's 44 Meisterwerke des Impressionismus und der Klassischen Moderne aus der berühmten John-Hay-Whitney-Sammlung versteigert werden. In einer Zeit, wo die Provenienz eines Kunstwerkes immer wichtiger für seine Preisbildung wird, garantiert die Herkunft aus einer so berühmten Sammlung einen fast schon sicheren Wertzuwachs. Spitzenwerk des Konvoluts ist Picassos Frühwerk «Gar™on à la pipe», für das ein Zuschlagspreis von mehr als 70 Mio Dollar erwartet wird. Angesichts der unverändert grossen Nachfrage nach Werken von Picasso scheint die Taxe realistisch angesetzt. Das Bild gesellt sich damit zu den teuersten je versteigerten Werken und knüpft an die seither unerreichten Spitzenpreise aus dem Jahr 1990 an.

Auktionen: Die Highlights

Die teuersten Preise der letzten vier Monate wurden in New York bei den Impressionisten- und Moderneauktionen erzielt, gefolgt von den Künstlern der Nachkriegszeit, bei denen viele Preise offenbar nun im Zenit stehen.

Mit 29,1 Mio Dollar wurde Gustav Klimts «Landhaus am Attersee» am 5. November 2003 bei Sotheby's in New York das teuerste Bild der Winter-Auktionen. Ex-Phillips-Besitzer und LVHM-Chef Bernard Arnault hatte es zusammen mit zwei anderen Klimts für 62 Mio Dollar gekauft. Im Handel war es angeblich für 35 Mio Dollar angeboten worden.

Einen Auktionsrekord stellte Modiglianis «Nu couché» von 1917 dar, die am 4. November 2003 bei Christie's 26,9 Mio Dollar einbrachte. Einlieferer war der Kasinobesitzer Steve Wynn, der Mitte der 90er Jahre bei einem privaten Kauf rund 10 Mio Dollar mehr bezahlt haben soll.

«La femme en rouge et vert», 1914 von Fernand Léger erzielte ebenfalls am 4. November 2003 bei Christie's in New York 22,4 Mio Dollar. Beim Käufer, so wird spekuliert, könnte es sich um den New Yorker Mäzen und Kosmetikmagnaten Leonard Lauder, den Verleger S.I. Newhouse oder den Finanzier Henry H. Kravis handeln.

Im Sektor Nachkriegskunst erzielte den höchsten Preis Willem de Koonings «Spike's Folly I», das bei Sotheby's in New York am 12. November 2003 für 11,2 Mio Dollar dem amerikanischen Kunsthändler Robert Mnuchin zugeschlagen wurde.

Bei den Londoner Februar-Auktionen erzielte ein Exemplar von Edgar Degas berühmter «Petite danseuse de quatorze ans» bei Sotheby's den höchsten Preis, als es unterhalb seiner unteren Taxe für 9,21 Mio Dollar an einen privaten Käufer ging. Drei Vergleichsexemplare brachten von 1996 bis 2000 zwischen 11,6 und 12,4 Mio Dollar ein.

Zu den höchsten Preisen der Christie's-Auktion Anfang Februar 2004 in London gehörte Paul Cézannes «Grand bouquet des fleurs», um 1892 bis 1895, das für 8,17 Mio Dollar an einen Privatkäufer ging.