Die Angst vor einer neuerlichen Rezession ist das bestimmende Thema an den Börsen obschon die Experten mehrheitlich abwiegeln. So formuliert das Anlage-Komitee der Credit Suisse: «Ein «Double Dip» ist unseres Erachtens unwahrscheinlich.» Und die Analytiker des US-Bankhauses Morgan Stanley können der Angst der Anleger gar positive Seiten abgewinnen. Wären die Preise von Vermögenswerten weiter gestiegen oder hätten die Inflationserwartungen gar zugenommen, wären die führenden Notenbanken unter Druck gekommen, die Geldpolitik zu straffen. Dank der jüngsten Kursrückgänge müssten die Notenbanken nun nicht eingreifen, was die Konjunktur stütze, so Morgan Stanley.

Die beiden Banken können sich in ihrem Ausblick gar auf die Autorität des Internationalen Währungsfonds (IWF) berufen: Der hat seine Prognosen für das Wachstum der Weltwirtschaft für 2010 von 4,2 auf 4,6% angehoben.

Halbierter Baltic Dry Index

Dabei sind seit Anfang April wichtige Indikatoren für die Konjunktur rückläufig. Das gilt für Kupfer, Erdöl, den Dow Jones Transport Index und den CRB-Rohwarenindex (siehe Grafiken). Massiv gefallen ist auch der Baltic Dry Index. Er misst die Frachtraten für Schüttgüter wie Eisenerz oder Kohle. Ende Mai stand dieser noch bei 4187 Zählern. Inzwischen notierte er aber nur noch knapp über der 2000-Punkte-Marke. Das ist umso erstaunlicher, als ein Konsens besteht, dass Asien der Wachstumsmotor der Weltwirtschaft sei. Somit sollte dessen Rohstoffhunger ungebrochen sein, was die Preise im Frachtgeschäft nach oben treiben müsste. Doch das ist offensichtlich nicht (mehr) der Fall.

Auch die Aktienmärkte selber sind taugliche Indikatoren für bevorstehende Probleme. In aller Regel sinken die Frühindikatoren der OECD, wenn die Kurse an den Börsen im Jahresvergleich immer weniger steigen ein Zusammenhang, der wenig beachtet wird. Grund mag sein, dass die Notierungen in dieser Phase noch steigen. Das verdeckt jeweils den Verlust an Dynamik.

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Wie relativ gelassen die Stimmung an den Märkten immer noch ist, zeigt auch deren Reaktion auf die Zinserhöhungen vieler Nationalbanken. In den vergangenen 15 Tagen haben die Notenbanken von Südkorea, Malaysia, Taiwan und Indien die Zinsen angehoben. Kanada war am 1. Juni zur Tat geschritten. Australien hat die Leitzinsen zuletzt am 4. Mai erhöht. Am Tag darauf folgte Norwegen. Schweden hat die Zügel am 1. Juli gestrafft. China wiederum geht mit der Entkoppelung des Yuan vom Dollar unorthodoxer zu Werke. Die graduelle Aufwertung der Währung sorgt dennoch für verschärfte monetäre Bedingungen im Reich der Mitte.

Bisher unerreichte Dimensionen

Es fällt auf, dass vor allem Asiens Notenbanken jetzt das Ruder herumwerfen. An den Märkten sorgt das nicht für Unruhe. Im Gegenteil. Die Aktionen der Notenbanken wurden als Vertrauensbeweis für die Stabilität der Weltwirtschaft gewertet.

Die ist allerdings alles andere als stabil. Erinnern wir uns: Ursache der Krise war die vor der Finanzkrise in vielen Nationen - vor allem in den USA - viel zu lockere Geldpolitik. Damit wurde die Grundlage für den Finanz- und Immobilienboom geschaffen. Aber auch für eine tiefgreifende Fehlallokation der Ressourcen. Nach dem Ausbruch der Krise reagierten die Notenbanken und Staaten mit den Mitteln, welche die vorangegangene Blase überhaupt erst ermöglichten: Noch mehr billiges Geld, noch mehr Staatseingriffe.

In beiden Fällen wurden Dimensionen erreicht, die bisher noch nie da gewesen waren. Der Bereinigungsprozess - Depression - wurde damit unterbunden. Dass das eine zwiespältige Angelegenheit ist, lässt sich an den Märkten ablesen. Der SMI notiert per 8. Juli immer noch 35% unter den Spitzenwerten vor der Krise, der Dow Jones ist 28% im Minus, der DAX 25%, der Nikkei 225 46%, Kupfer 21%, Öl 47% und der Baltic Freight Index 83%. Und all dies trotz der monströs anmutenden Eingriffe von Notenbanken und Staaten.

Anpassung via Deflation?

Dass all diese Vermögenswerte weiterhin deutlich weniger wert sind, zeigt, dass vieles noch nicht richtig im Lot ist. Der Druck auf die Wirtschaft wird sich verstärken. Nicht nur werden die global härteren monetären Bedingungen greifen. Auch die staatlichen Sparmassnahmen bremsen. Natürlich ist eine Konsolidierung der ausufernden Defizite notwendig. Das ist aber nicht ohne Preis zu haben. Und der ist eine deflationäre Anpassungskrise. Doch gerade auf eine solche Entwicklung wären die Märkte schlecht vorbereitet, haben doch die Notenbanken und Staaten zuletzt das schief konstruierte und statisch schwache Gebäude der weltweiten Konjunktur mit Flickschusterei nur notdürftig abgestützt. Darum ist es zweifelhaft, ob es einem erneuten deflationären Schlag standhält.

Investoren sollten deshalb eine Contrarian-Strategie betreiben:Treibt der Konjunkturoptimismus die Aktienkurse nach oben, gibt das allfällig eine gute Gelegenheit, sich von einzelnen solchen Papieren und Anleihen von Schuldnern mit zweifelhafter Bonität zu guten Kursen zu trennen.