Das Interview mit Erwin Heri, Finanzwissenschafter und Präsident der Vermögensverwalterin Valartis, sollte eigentlich das Anlagejahr 2010 beleuchten (siehe Seite 46). Doch gleich nach der ersten Frage machte der Börsenprofi klar: «Ich weiss es nicht!» In der kurzen Frist von zwölf Monaten könne fast alles passieren, so Heri. Und trifft damit den Nagel auf den Kopf.

Denn nach der fulminanten Hausse, die seit vergangenem März alle Anlageklassen nach oben spülte, ist nun alles offen. Entsprechend schwierig ist eine Prognose. Auch für Marktkenner, wie die Umfrage der «Handelszeitung» bei den Chief Investment Officers bedeutender Schweizer Banken (Seite 43) zeigt: Nur einer der Anlageexperten wollte sich auf einen klaren Punktestand des Swiss Market Index zu Ende 2010 festlegen. Nicht auf eine Linie zu bringen sind auch die Erwartungen bezüglich der weiteren Erholung der Weltwirtschaft. Zwar sind sich die Experten einig, dass die Rezession überwunden sei. Doch ob es in den kommenden Monaten zu einem Knick kommt, ob die Gesundung der Weltwirtschaft schon eingepreist sei und wie stark die Zugkraft der Schwellenländer sein wird - darüber gehen die Meinungen auseinander. Angesichts der vielen Ungewissheiten wird für die nächsten Monate daher vorab Altbewährtes empfohlen: Aktienwerte mit attraktiven Dividenden und stabilen Bilanzen, Immobilien, Gold. Aber auch ohne exotische Derivate und ferne Anlageregionen wird 2010 ein spannendes Anlagejahr: Die Notenbanken haben bis nächsten Dezember Zeit, die rekordhohe Liquidität aus dem System zu pumpen und damit die nächste Blase zu vermeiden. Dieses Kunststück ist in dieser Grösse einmalig für die Geschichte - Neuland also für Währungshüter, Regierungen und Finanzmarktteilnehmer zugleich. Hoffen wir, dass es auf Anhieb gelingt.

Gleichzeitig sollte der Blick der Anleger über 2010 hinausgehen. Heri sieht für die kommenden Jahre durchaus eine ansprechende Rendite auf Aktien, wenn ein Investor richtig positioniert sei. Tatsächlich kann der Anleger seine Position nun gewinnbringend nutzen: Nach der Finanzkrise ringen die Banken um sein Vertrauen. Selbst bei den bis dato undurchsichtigen Hedge-Fonds könnte der Ruf nach mehr Transparenz zunehmend gehört werden.

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Die gestärkte Verhandlungsbasis ist jetzt zu nutzen, um von den Finanzdienstleistern einen besseren Service, eine umfassendere Risikovorsorge und tiefere Gebühren zu verlangen. Auch wenn sich die Märkte nur seitwärts entwickeln sollten: 2010 wird trotzdem ein Anlegerjahr.