Die weltweiten Geldströme haben infolge der Finanzkrise die Richtung geändert, und das neue Regime bleibt noch lange Zeit bestehen. Verunsicherte Anleger ziehen Gelder aus riskanten Märkten ab und suchen sichere Häfen. Unternehmen «liquidieren» ihre Auslandsanlagen, um an flüssige Mittel zu gelangen. Auch mehrere koordinierte geldpolitische Aktionen der Zentralbanken konnten an den Währungsmärkten nicht viel ausrichten.

Das hat Folgen für die einzelnen Währungen: Der Franken bestätigte einmal mehr seinen Status als sicherer Hafen in Krisenzeiten. Noch massiver als der Franken verteuerte sich der Yen. Gemäss Martin Leber, Währungsspezialist bei der Bank Vontobel, ist dies eine Folge der japanischen Kapitalrückführungen aus dem viel grösseren Dollarraum.

«Krisen dauern lange»

Für viele überraschend ist die Dollarstärke, nahm die Finanzkrise doch in den USA ihren Anfang. «US-Unternehmen verkauften im Zug der Liquiditätskrise bereits im 2. Quartal ausländische Vermögenswerte im Wert von 153 Mrd Dollar. Diese Kapitalrückflüsse werteten den Dollar auf», erläutert Leber. Die Euroschwäche begründet er damit, dass die Gemeinschaftswährung wegen weiterer Zinssenkungen der Europäischen Zentralbank (EZB) einen geringeren Zinsvorsprung haben wird.Die erste grosse Frage lautet nun, wann die Geldströme wieder die Richtung ändern. «Wir erleben eine Krise des Finanzsektors. Solche dauern erfahrungsgemäss lange», sagt Martin Leber. Der Vontobel-Ökonom schätzt, dass sich im Verlauf des nächsten Jahres die Finanzmärkte langsam erholen und die Geldströme allmählich umkehren. Der Euro-Franken-Wechselkurs ist gemäss Leber ein sehr guter Risikoindikator. Sich aufhellende Erwartungen bezüglich des Weltwirtschaftswachstums steigern den Risikoappetit der Anleger. Dadurch erhole sich der Weltaktienmarkt, was den Franken schwächt und im Vergleich dazu den Euro erstarken lässt. Der Dollar hingegen wird laut Leber bis Ende 2009 gegenüber dem Franken sinken, weil die Kapitalrückflüsse in die USA bei einer ausklingenden Finanzkrise nachlassen. Die deutlich steigende US-Staatsschuld würde den Greenback zusätzlich belasten. Einen etwas anderen Rückschluss legen die neuesten Prognosen des Internationalen Währungsfonds (IWF) nahe. Das Institut schätzt, dass die Volkswirtschaften der Industrienationen im kommenden Jahr um 0,3% schrumpfen. Aber bereits Ende 2009 wird sich gemäss IWF die Weltwirtschaft wieder erholen. Unter der Annahme, dass die Finanzmärkte der Realwirtschaft um sechs bis neun Monate vorauseilen, würden gemäss dieser Prognose die Geldströme spätestens Mitte 2009 umkehren. Thomas Härter von der Swisscanto ist hingegen pessimistischer. «Es wird 12 bis 18 Monate dauern, ehe sich die Finanzmärkte wieder beruhigen», sagt der Chefstratege des Fondshauses. Danach würden die Geldströme wieder die gewohnte Richtung einschlagen.

Anzeige

Südeuropa wird zur Hypothek

Stellen sich nach einer Wende auf den Devisenmärkten mehr oder weniger die Marktverhältnisse ein, die vor der Finanzkrise herrschten? Ja und nein. Ja, weil asiatische Anleger gemäss Vontobel-Ökonom Martin Leber den USA wieder viel Kapital zur Verfügung stellen werden, indem sie massenhaft US-Obligationen kaufen. «Die USA sind quasi eine immense Bank», stellt Leber fest. Ja auch, weil der Franken bei steigendem Risikoappetit nicht mehr als Fluchtwährung dient. Beim Euro könnte gemäss Thomas Härter von Swisscanto hingegen der sogenannte «Club Med» – vor allem die besonders krisengeschüttelten Italien und Spanien – langfristig zu einem Vertrauensverlust führen. In Spanien müssten aufgrund der Immobilienkrise die Zinsen eigentlich viel tiefer sein. «Die Probleme dieser Länder könnten sich zu Zentrifugalkräften entwickeln», warnt Härter.

Euro Die EZB verfügt über das grössere Zinssenkungspotenzial als die Schweizerische Nationalbank (SNB). Dass die Gemeinschaftswährung deswegen in den kommenden Wochen gegenüber dem Franken erstarken könnte, lässt Thomas Härter nicht gelten. «Der Finanzsektor hat in der Schweiz ein viel grösseres Gewicht als in der Euro-Zone», erläutert der Swisscanto-Chefstratege. Weil tiefe Zinsen der Branche helfen, würde die SNB Zinssenkungen der EZB nachvollziehen. Solange sich ein Ende der Finanzkrise nicht abzeichnet, wird gemäss Härter daher der Euro gegenüber dem Franken die alten Höchststände nicht erreichen. Eine Normalisierung des extrem tiefen Risikoappetits dürfte jedoch in den nächsten Wochen zu einer Euro-Aufwertung führen.

Dollar Die US-Leitwährung wird laut Thomas Härter gegenüber dem Franken noch eine Zeit lang steigen. Nicht nur aufgrund der Repatriierung von US-Vermögenswerten aus dem Ausland. Als weiteren Grund nennt der Swisscanto-Ökonom, dass der Greenback insbesondere in den Emerging Markets ebenfalls als Fluchtwährung beliebt ist. Sobald in den Schwellenländern Ruhe einkehrt, werde der Dollar gegenüber dem Franken aber voraussichtlich seitwärts tendieren.

Anzeige