Bei der Kurzarbeit in der Schweiz ist der Höhepunkt erreicht. Gemäss Umfrage der «Handelszeitung» geht eine Reihe von kantonalen Ämtern von einer Stagnation der Anzahl Kurzarbeitsgesuche aus. Anton Bolliger vom Berner Amt für Wirtschaft: «Wir sind mit der Kurzarbeit nahe am Höhepunkt - falls er nicht schon erreicht ist.» Irene Tschopp, Leiterin Kommunikation beim Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Zürich, spricht gar von einem «Hoffnungsschimmer»: Im April sei die Zahl der Voranmeldungen gegenüber März leicht rückläufig gewesen. Der Kanton Zürich hat nach dem Kanton Bern die zweithöchste Zahl an Kurzarbeitenden (siehe Tabelle).

150000 Angestellte vorgemerkt

Inzwischen sind gemäss der Umfrage fast 150 000 Beschäftigte für Kurzarbeit vorgemerkt. Ein Vergleich mit dem vergangenen Abschwung belegt, wie hart die Rezession die Schweiz trifft: Auf dem Höhepunkt der Krise in den 1990er-Jahren waren zeitweise 50 000 Menschen für Kurzarbeit angemeldet - zwei Drittel weniger als heute. Nicht alle Firmen machen vom Recht auf Kurzarbeit Gebrauch. Nach Schätzung der Kantone befinden sich derzeit knapp 108 000 Arbeitnehmer tatsächlich in Kurzarbeit.

Immerhin aber scheint sich der bislang rasante Anstieg der Gesuche endlich abzuschwächen. Gemäss Jonas Motschi, Leiter des solothurnischen Amtes für Wirtschaft und Arbeit, hat sich der Gesuchseingang auf sehr hohem Niveau stabilisiert. «Den Höhepunkt erreichten wir mit 117 Gesuchen im März. Im Moment gehen aber pro Monat immer noch über 100 Gesuche ein», sagt Motschi.

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Nach Ansicht von Markus Indergand, Vorsteher des Amtes für Migration und Arbeit des Kantons Uri, wird sich die Situation vor allem in den Sommermonaten entspannen - ein Prozess, für den er allerdings auch saisonale Gründe verantwortlich macht. Paul Schwendener, Leiter des kantonalen Amts für Industrie, Gewerbe und Arbeit Graubünden, sieht eine ähnliche Entwicklung: Die Zahl der betroffenen Unternehmen dürfte sich im Verlaufe des Frühsommers und Sommers reduzieren. Grund dafür sei allerdings, dass Graubünden starke saisonale Beschäftigungsschwankungen aufweise. Mit Beginn der Sommersaison bessere sich darum die Beschäftigungslage in der Tourismusbranche und in den vom Tourismus abhängigen Unternehmen. Dazu gehören laut Schwendener beispielsweise Transportunternehmen, die Kurzarbeit angemeldet haben.

Trotz der saisonalen Einflüsse geht Schwendener aber davon aus, dass die Zahl von insgesamt 60 betroffenen Bündner Betrieben zumindest nicht mehr ansteigen wird. Eine kurzfristig deutliche Verbesserung der Situation sieht Schwendener allerdings nicht. «Bei den vom Ausland abhängigen Industriebetrieben zum Beispiel ist davon auszugehen, dass sie noch längere Zeit auf Kurzarbeitsentschädigung angewiesen sein werden.»

Von einer Abflachung der Anzahl Gesuche spricht auch Hubert Helbling, Vorsteher des Amtes für Arbeit des Kantons Schwyz: «Langsam konsolidiert sich die Anzahl Firmen in Kurzarbeit.» Doch auch Helbling will nicht von einer generellen Entschärfung der Situation sprechen. «Vor allem der Dienstleistungssektor mit den vor grossen strukturellen Veränderungen stehenden Banken und die Industrie haben weiterhin mit Unterbeschäftigung zu kämpfen.»

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Sorgenkind Westschweiz

Auch wenn eine Reihe von Kantonen nun positivere Signale aussendet, klingt es bei einzelnen weiterhin negativ - insbesondere in der Westschweiz, wo die Arbeitslosenquote deutlich über dem schweizerischen Mittel von 3,5% liegt. Yvan Citherlet, Verantwortlicher für Kurzarbeitsbewilligungen im Kanton Jura, sieht noch kein Licht am Ende des Tunnels: «Allein in den ersten zwölf Tagen des laufenden Monats Mai sind bei uns mehr als 30 neue Kurzarbeitsgesuche eingetroffen.» Lyne Humbert-Droz vom Arbeitsamt des Kantons Neuenburg hat ebenfalls keine guten Nachrichten zu vermelden. «Wir rechnen mit einem weiteren Anstieg der Kurzarbeit im nächsten Monat.»

Jérôme Bonvin vom Walliser Amt für Industrie, Handel und Arbeit stellte zwar fest, dass bis Mitte Mai die Anzahl Gesuche von Betrieben und die Zahl betroffener Mitarbeiter nicht anstieg - zum ersten Mal seit Anfang 2009, doch Bonvin traut der Entwicklung nicht, denn bereits haben einzelne Betriebe eine Erhöhung der ursprünglich angekündigten Arbeitsausfallquote angemeldet.

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Zu viel Optimismus ist also nicht angebracht, denn auch die optimistisch gestimmten Kantone räumen ein, dass die positiven Zeichen noch keinen deutlichen Rückgang anzeigen und die Zahlen teilweise durch saisonale Einflüsse verzerrt werden.

Kaum Massenentlassungen

Reiner Pessimismus ist aber ebenso fehl am Platze. Zwar könnte die Anzahl der betroffenen Kurzarbeitenden theoretisch auch darum stagnieren, weil sich die Kurzarbeit für Betriebe als unnützes Mittel erweist und sie die Angestellten nun entlassen - womit diese auch aus der Kurzarbeitstatistik verschwinden, doch für eine solche Entwicklung gibt es gemäss der Umfrage der «Handelszeitung» keine Belege. Thomas Keller, Vorsteher des kantonalen Amts für Industrie, Gewerbe und Arbeit Baselland, konnte bisher nicht beobachten, dass Kurzarbeiter entlassen werden. Vielmehr scheinen die Betriebe laut Keller ihre Beschäftigtenzahl dank der Kurzarbeit zu halten. «Wir gehen davon aus, dass sie dies mit grosser Wahrscheinlichkeit noch mindestens bis im Sommer tun werden», so Keller.

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Laut Jérôme Bonvin vom Amt für Industrie, Handel und Arbeit des Kantons Waadt hat bisher kein kurzarbeitender Betrieb eine Massenentlassung angekündigt. Armin Portmann, dem Leiter des Amtes für Industrie, Gewerbe und Arbeit des Kantons Nidwalden, wurden bisher ebenfalls keine Massenentlassungen gemeldet.

 
Nachgefragt
«Höhere ALV- Beiträge ab 2011»

Serge Gaillard ist seit 2007 Leiter der Direktion für Arbeit im Staatssekretariat für Wirtschaft.

Parallel zur Kurzarbeit steigt auch die Zahl der Arbeitslosen. Mit welchem Schuldenberg ist in der Arbeitslosenversicherung, kurz ALV, bis Ende Jahr zu rechnen?

Serge Gaillard: Gegenwärtig betragen die Darlehensschulden der Arbeitslosenversicherung beim Bund 4,3 Mrd Fr. Bis Ende Jahr rechnen wir mit 150 000 Arbeitslosen im Jahresschnitt und einem Schuldenberg von 6 Mrd Fr.

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Wann führen diese Zahlen zu einer Beitragserhöhung an die ALV?

Gaillard: Die Darlehensobergrenze beläuft sich 2009 auf rund 6,3 Mrd Fr. Dieser Betrag wird im kommenden Jahr überschritten. Mit einer Beitragserhöhung ist deshalb 2011 zu rechnen.

Gibt es Spielraum, mit einem solchen Entscheid zuzuwarten?

Gaillard: Nein. Der Bundesrat muss gemäss Gesetz die Beiträge erhöhen, wenn der Schwellenwert von 6,3 Mrd Fr. überschritten wird. Mit der Beitragserhöhung soll eine weitere übermässige Verschuldung der Versicherung verhindert werden. Gleichzeitig muss der Bundesrat eine Gesetzesrevision vorschlagen, welche das langfristige Gleichgewicht zwischen Einnahmen und Ausgaben wiederherstellt. Dies hat der Bundesrat bereits getan.

Wäre es nicht prinzipiell klüger, die Sanierung der ALV auf bessere Zeiten aufzuschieben?

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Gaillard: Es ist besser, in der Hochkonjunktur Beiträge zu erhöhen und Leistungen zu senken, als in der Rezession. Deshalb soll die Revision erst 2011 in Kraft gesetzt werden, wenn die Konjunktur sich wieder erholt haben sollte. Einen weiteren Aufschub lässt das Gesetz aber nicht zu.