Noch nie wurde von der Möglichkeit der Kurzarbeit so intensiv Gebrauch gemacht wie in der aktuellen Krise. Die Zahl der entschädigten Kurzarbeitsstunden pendelte sich in den vergangenen Monaten auf einem Level ein, der viermal so hoch ist wie auf dem Höhepunkt der Rezession 2001 bis 2003.

In der aktuellen Krise kulminierte die Kurzarbeit im Mai, mit knapp 83351 Betroffenen und 4,36 Mio ausgefallenen Arbeitsstunden. Seither ist sie rückläufig. Allerdings ist die Entwicklung mit Vorsicht zu interpretieren, denn für Juli, August und September liegen wegen der dreimonatigen Abrechnungsfrist noch keine definitiven Zahlen vor. David Reichart vom Amt für Wirtschaft des Kantons Aargau zum Beispiel rechnet damit, dass die Kurzarbeit in den nächsten Monaten auf konstant hohem Niveau verharren wird. «Jedenfalls meldeten bei uns im September wieder deutlich mehr Betriebe Kurzarbeit an als noch im August, nämlich 102 statt 77», sagt er. Die gleiche Entwicklung zeigen die Daten aus den Kantonen Bern, Luzern, Solothurn und Zürich. In Zürich etwa meldeten im August bloss 222 Firmen Kurzarbeit an, im September waren es wieder 314. Zwar mag dieser neuerliche Anstieg saisonal bedingt sein. «Die jüngste Entwicklung der Kurzarbeit lässt durchaus Interpreta- tionsspielraum zu», meint Stefan Reichen, Mitglied der Geschäftsleitung der Berner Wirtschaft.

Der Arbeitsmarkt bleibt labil

Eindeutig ist dagegen die Arbeitslosenstatistik: Die Zahl der Stellenlosen ist innerhalb eines Jahres um rund 55000 auf 154409 Personen (per Ende September) gestiegen. Das entspricht einer Quote von 3,9%. In Industriekantonen wie Solothurn, St. Gallen und Neuenburg hat sich die Zahl der Arbeitslosen innerhalb eines Jahres verdoppelt bis verdreifacht. Die Experten sind sich einig, dass die Arbeitslosenrate im nächsten Jahr 5% überschreiten wird.

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Je länger also die Krise anhält, desto stärker verfehlt die Kurzarbeit ihr Ziel, vorübergehende Beschäftigungseinbrüche in einem Betrieb auszugleichen und Arbeitsplätze nachhaltig zu sichern. Zu diesem Schluss kam bereits die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (Kof) - in einer Studie über die letzte Rezession: «Die Kurzarbeit vermag keinen Beitrag zur Stabilisierung des Arbeitsmarktes zu leisten.»

Heterogenes Bild bei den Firmen

Die Folgerung trifft allerdings nur bedingt zu. «Im Kanton Bern gibt es sowohl Firmen, die nach der Kurzarbeit wieder voll arbeiten können, als auch solche, die trotz Kurzarbeit zu Entlassungen schreiten müssen», sagt Stefan Reichen. Die in der Solarindustrie tätige Meyer Burger etwa nutzte die Kurzarbeit zur Überbrückung von temporären Auftragsausfällen, konnte nun aber wieder auf Vollbeschäftigung umstellen. Der Kleinstmotorenhersteller Maxon Motor in Sachseln OW kam zwar nicht ganz um Entlassungen herum. «Wir mussten im Mai 22 Angestellten kündigen», erklärt COO Armin Lederer. Aber statt 600 wie noch vor wenigen Monaten sind bei Maxon inzwischen noch 400 Beschäftigte in Kurzarbeit. Und die Chancen stehen gut, dass sie bald wieder voll arbeiten können, denn seit dem Sommer ziehen die Aufträge wieder an.

Firmen wie Meyer Burger oder Maxon Motor dürften allerdings in der Minderzahl sein. Es zeigt sich, dass kurzarbeitende Firmen auch Entlassungen vornehmen. Komax etwa, unter anderem Hersteller von Verkabelungsrobotern für die Autoindustrie, hat im Laufe dieses Jahres sowohl einen Teil der Belegschaft kurz arbeiten lassen, als auch in mehreren Schritten Stellen abgebaut. Beim Schaffhauser Zulieferer Georg Fischer waren im Mai weltweit rund 5500 Angstellte in Kurzarbeit, und derzeit sind es noch 3 000. Der Personalbestand aber wird bis Mitte 2010 um rund 2300 Stellen auf noch weltweit 12 000 Beschäftigte reduziert. Firmensprecherin Bettina Schmidt erläutert, wann der Schritt von der Kurzarbeit zum Personalabbau unvermeidlich wird: «Wenn wir statt von einem vorübergehenden Nachfragerückgang von einer bloss längerfristigen Erholung des Marktes ausgehen müssen, kommen wir allein mit Kurzarbeit nicht über die Runden und müssen die Kapazitäten anpassen.»

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Swissmem ist zuversichtlich

Swissmem-Sprecher Ruedi Christen räumt denn auch ein: «Wenn die Auftragsentwicklung nicht die gewünschte Wende nimmt, kann das dazu führen, dass Firmen nach einer Kurzarbeitsphase Personal entlassen müssen.» Grundsätzlich sieht aber der Branchenverband der Maschinenindus-trie in der Kurzarbeit ein taugliches Instrument, auch wenn es bei der Abrechnung hohe Anforderungen an die Administration stelle und sich bei längerer Dauer allenfalls negativ auf die Stimmung und Motivation im Betrieb auswirke.

Kaum ein gutes Haar an der Kurzarbeit lässt hingegen Kof-Leiter Jan-Egbert Sturm. Mit Verweis auf die bereits erwähnte Studie betont er: «Firmen, die Kurzarbeit einführen, bauen ihre Beschäftigung sogar überdurchschnittlich ab.» Kurzarbeit zögere Entlassungen bestenfalls kurzfristig heraus und verschaffe den Unternehmen einen Liquiditätszuschuss und etwas Zeitgewinn. «Das ist nur dann sinnvoll, wenn ein drohender Konkurs abgewendet werden kann, weil sonst noch mehr Stellen verloren gingen.»

Konträr argumentiert Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes. «Die Kurzarbeit hat sich in der aktuellen Krise als Erfolgsstory herausgestellt», sagt er. Ohne dieses Instrument läge die Arbeitslosenquote schon deutlich höher. Der Bundesrat solle deshalb, fordert er, die momentan auf 18 Monate begrenzte Kurzarbeitsfrist auf 24 Monate verlängern.

 

Umfrage bei Schweizer Unternehmen: Stimmung in der Industrie und im Bankensektor hat sich verbessert

Die Stimmung in der Schweizer Wirtschaft hat sich in den vergangenen Monaten deutlich verbessert, auch wenn längst noch nicht alles ganz ausgestanden ist. Dieses Bild ergibt sich aus einer vom Beratungsunternehmen Ernst & Young durchgeführten Umfrage.

«Die Weltwirtschaft hat ihre grösste Bewährungsprobe seit Jahrzehnten bestanden. Die befürchtete Kernschmelze - der Zusammenbruch des Finanzsystems - konnte verhindert werden, die Konjunkturprogramme wirken. Nun stehen die Aufräumarbeiten an, die sich allerdings lang hinziehen werden», erklärt Ernst & Young-Schweiz-Chef Bruno Chiomento. Seine Zuversicht basiert auf den jüngsten Ergebnissen des «Ernst & Young Vertrauensindex». Dieser wird vom Beratungsunternehmen quartalsweise erhoben, um die Stimmung in der Schweizer Wirtschaft auszuloten.

Aktuell bewerten 48% der befragten Unternehmen ihre Lage als positiv. Vor drei Monaten war der Anteil bei 42%. Ein deutlich positiveres Stimmungsbild zeichnet sich sowohl im Banken- wie auch im Industriesektor ab. Für die kommenden zwei Jahre sind sogar 78% der Manager zuversichtlich. Allerdings erwarten sie erst in einem Jahr eine deutliche Verbesserung der Lage. «Der sich abzeichnende Aufschwung steht immer noch auf schwachen Füssen», folgert Chiomento.

Die Manager befürchten, dass in den kommenden Monaten vor allem die steigende Arbeitslosigkeit und das Auslaufen der staatlichen Konjunkturprogramme die Wirtschaft belasten werden. Hinzu kämen die zurückhaltende Kreditvergabe der Banken und die nach wie vor bestehenden Unsicherheiten in der Finanzbranche. «Die Befragungsergebnisse sind jedoch ein ermutigendes Sig-nal, denn sie zeigen, dass die Unternehmen langsam wieder Vertrauen fassen», betont Chiomento.

Nach wie vor Handlungsbedarf ortet er im Bankensektor. «Dieser steht weiterhin vor der Aufgabe, verloren gegangenes Vertrauen wiederzugewinnen», stellt er fest.

Die staatlichen Eingriffe ins Wirtschaftssystem, unter anderem um den Kollaps des Finanzsektors zu verhindern und einen massiven Anstieg der Arbeitslosigkeit zu verhindern, bewerten 74% der befragten Manager als positiv. Allerdings solle der Staat nur vorübergehend eine aktive Rolle übernehmen. Für Chiomento wird, wenn er die Antworten der Manager weiter auswertet, deutlich: «Mittelfristig muss sich der Staat wieder weitestgehend aus dem Wirtschaftsleben zurückziehen.» (ps)