Vor einem Jahr sorgten die grossen Veränderungen auf dem internationalen Aluminiummarkt ? die Übernahme von Alcan durch Rio Tinto sowie der Kauf der Alu-Menziken-Gruppe durch Montana ? für Schlagzeilen. Hat sich in den letzten zwölf Monaten die Branche, international wie national, eher wieder beruhigt?

Marcel Menet: Ja, dazu beigetragen hat auch die vor einigen Wochen erfolgte Bekanntgabe, dass die Übernahme von Rio Tinto durch BHP Billiton nicht stattfinden wird. Die stark gefallenen Rohstoffpreise und die drohende Rezession zwingen die Konzerne, den Fokus in erster Linie wieder auf das eigene Unternehmen zu legen.

Beruhigt hat sich auch die Preisfront. Der Preis für Rohaluminium ist von über 3200 Dollar pro Tonne Mitte dieses Jahres auf rund 1600 Dollar pro Tonne zurückgerutscht. Erleben wir jetzt ? vorläufig wenigstens ? stabile Preisverhältnisse?

Menet: Die Rohstoffblase ist nicht gerade geplatzt ? aber die Luft ist definitiv raus. Der aktuelle Preis von 1600 Dollar liegt historisch gesehen leicht unter dem Mittel. Man darf wohl sagen, dass sich die Aluminiumnotierungen zurzeit wieder in einem realistischeren Band bewegen als während des Höhenfluges der letzten Jahre. Es ist jedoch zu erwarten, dass der Aluminiumpreis aufgrund der steigenden Energiekosten wieder anziehen wird.

Anzeige

2007 war beim Aluverbrauch in der Schweiz ein Rekordjahr. Wie aber wird 2008? Wie stark spüren die Halbzeugfabrikanten und Aluweiterverarbeiter bereits Konsequenzen des Abschwunges?

Menet: Die Konsequenzen sind seit einigen Wochen spürbar. Viele Firmen vermelden Stornierungen von Aufträgen in wichtigen Kundensegmenten, zudem ist der Bestellungseingang zum Teil regelrecht eingebrochen. Die Firmen reagieren darauf mit dem Abbau von Überzeiten und Ferien.

Ein Rekordjahr beim Verbrauch wird 2008 damit nicht mehr ?

Menet: Dank dem noch guten Ergebnis des 1. Halbjahres 2008 dürften wir über das ganze Jahr gesehen in etwa auf Vorjahresniveau liegen.

Wie beurteilen Sie die Aussichten für 2009?

Menet: Die Aussichten hängen im hohen Masse von der weiteren Entwicklung auf den Finanzmärkten ab. Sollte sich diese wieder normalisieren, rechnen wir mit einem leichten Anziehen der Konjunktur frühestens in der 2. Jahreshälfte 2009. Aus heutiger Sicht dürften die ersten Quartalsergebnisse einen deutlichen Abschwung gegenüber den Vergleichsquartalen des Vorjahres aufweisen. Das kommende Jahr wird zweifelsohne eine grosse Herausforderung für unsere Industrie.

Konnten die Schweizer Verarbeiter in den letzten Jahren «Fett ansetzen», also Reserven aufbauen, die ein Durchstehen der Krise erlauben?

Menet: Sicherlich wurden auch Reserven gebildet. Viele unserer Mitgliedfirmen haben aber in den erfolgreichen Jahren vor allem in neue Anlagen investiert, damit sie noch effizienter und mit hoher Qualität produzieren können und fit bleiben, um sich auch in Zukunft dem harten Wettbewerb und vor allem dem steigenden Preisdruck zu stellen.

Gerade in der Autoindustrie spielt der leichte und deshalb verbrauchsenkende Werkstoff Aluminium eine wichtige Rolle. Die Autoindustrie aber steckt international in einer Krise. Diese werden die Schweizer Zulieferer ebenfalls spüren.

Menet: Über viele Jahre hinweg war der Automobilbau der Motor unserer Industrie. Die dramatischen Entwicklungen in diesem Sektor haben die Zulieferer sehr schnell und sehr heftig getroffen. Da die Automobilhersteller jedoch bereits heute an neuen, noch sparsameren Fahrzeugen arbeiten, wird der Werkstoff Aluminium dank seinem niedrigen Gewicht und dem damit verbundenen Energiesparpotenzial auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen.

Wen trifft der Abschwung sonst noch?

Menet: Das Auftragspolster im Textilmaschinenbau hat sich praktisch auf null reduziert, und bei den Nutzfahrzeugen ist die Entwicklung mit derjenigen der Autoindustrie vergleichbar. In der Baubranche rechnen wir mit einem verzögerten Abschwung, wenn geplante Neuprojekte verschoben oder ad acta gelegt werden.

Nötig wären Impulse, auch für den Inlandverbrauch. Woher könnten diese am ehesten kommen?

Menet: Einige Bereiche, wie die Energie, die Medizinaltechnik und der Schienenfahrzeugbau, die nach wie vor gut laufen, wären durchaus in der Lage, Impulse zu liefern. Konjunkturförderprogramme können ebenfalls ein stimulierendes Mittel sein, dürfen jedoch nicht überschätzt werden. Wichtig wäre, dass die aktuell herrschende Stimmung dreht. Dies wird dann eintreten, wenn der Tiefpunkt erreicht ist, das Vertrauen ins Finanzsystem wiederhergestellt ist und die Industrie durch Konsum und Investitionen angekurbelt wird.

Ist die Alubranche in der Schweiz auf «magere Jahre» vorbereitet?

Menet: Die Situation eines Abschwungs ist für die Schweizer Firmen nicht neu, die Dynamik der Entwicklung der letzten Monate dagegen schon. Die Schweizer Aluminiumindustrie ist jedoch in einer robusten Verfassung. Sie hat dank der in den vergangenen Jahren eingeleiteten Konzentration auf anspruchsvolle Produkte mit hoher Wertschöpfung die Basis für eine langfristig erfolgreiche Zukunft gelegt ? auch wenn die Zeichen kurzfristig noch auf Sturm stehen.

Die Strompreise sollen erhöht werden. Wie wehren sich die energieintensiven Aluminiumverarbeiter gegen das Preisdiktat?

Menet: Dieses monopolistische Diktat der Stromlobby führt in unserer Industrie zu inakzeptablen Preiserhöhungen. Denn in einer Zeit der konjunkturellen Abschwächung ist eine Weitergabe dieser Kosten an die Kunden nur bedingt umzusetzen. Es muss also mit Margenverlusten gerechnet werden. Die Schweizer Aluminiumindustrie und der Aluminium-Verband haben zusammen mit anderen Industriezweigen entsprechende Gespräche mit Entscheidungsträgern geführt und den Beteiligten aufgezeigt, dass dieses Vorgehen die Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Aluminiumindustrie klar schwächt. Auf jeden Fall ist der Werkstoff Aluminium dank konsequentem Leichtbau und der hervorragenden Recyclingfähigkeit bereits heute eine nachhaltige Antwort auf die steigenden Energiepreise.