Die Europäische Zentralbank (EZB) hat am 3. September die Leitzinsen stabil und damit auf dem Rekordtief von 1% gehalten. Somit hat der Entscheid dem Konsens der Experten entsprochen. Auch im Falle der Schweizerischen Nationalbank (SNB) gibt es keine Kontroverse zum Zinsentscheid vom 17. September: Das Zielband für den Drei-Monats-Libor bleibt bei 0 bis 0,75%. Die wesentlichen Gründe für einen solchen Entscheid hat Thomas Jordan, Mitglied des Direktoriums der SNB, in seiner am 25. August gehaltenen Rede gegeben zum Thema «Finanzkrise vor dem Ende - Konjunktur vor der Wende»? Er verweist zwar auf die positive Entwicklung der vorlaufenden Indikatoren, die signalisierten, dass «die Rezession an Schärfe verloren» habe. Aber aus seiner Sicht ist die Deflationsgefahr «noch nicht völlig gebannt». Zudem rechnet Jordan damit, dass die Schweizer Wirtschaft erst «verzögert vom konjunkturellen Aufschwung erfasst werden dürfte». Folgerichtig erteilt Jordan den Spekulationen auf eine baldige Wende in der Geldpolitik eine klare Absage.

SNB wird nicht inaktiv bleiben

Dennoch wird die SNB nicht inaktiv bleiben. Die Inflationsgefahr scheint tatsächlich gering zu sein. Im Juli sind die Konsumentenpreise in der Schweiz gegenüber dem Vorjahr 1,2% gesunken. Die SNB rechnet für 2009 mit einer durchschnittlichen Inflationsrate von -0,5%, und in den kommenden zwei Jahren soll sie klar unter 1% liegen. Trotzdem ist die Ausgangslage für die SNB weniger gemütlich, als es auf den ersten Blick scheint. Es ist nämlich völlig offen, wie solide das Finanzsystem ist und ob die Wirtschaft Tritt fasst. Zudem ist das Problem der Inflation keineswegs erledigt.

Timing als Gefahrenherd

Das Wachstum der SNB-Bilanz ist im Juli gegenüber dem Vorjahr mit 67% historisch gesehen immer noch ausserordentlich hoch gewesen. Ist Inflation langfristig gesehen ein monetäres Phänomen, dann birgt eine solche Entwicklung immer noch das Risiko einer Stagflation. Aber auch wenn solche Szenarien ausgeschlossen werden, bleibt die Lage für die SNB heikel. Willy Hautle, Chefökonom der Zürcher Kantonalbank, macht noch einen weiteren Gefahrenherd aus. «Das grösste Risiko der SNB-Geldpolitik sehen wir in der Rückführung der ausserordentlichen Stimuli», sagt Hautle. Rein technisch gesehen sei das kein Problem. Schwieriger sei jedoch das Timing eines solchen Schrittes, erklärt Hautle. Und da sieht er die Gefahr, dass die Notenbanken und mit ihr auch die SNB vor dem Hintergrund der Erfahrungen in Japan in den 80er- und 90er-Jahren sowie jener der USA in den 30er-Jahren die Geldpolitik zu spät straffen. «Das könnte zur Folge haben, dass die Inflationserwartungen dann weniger stark verankert sind und es zum Aufbau einer Inflationsprämie kommt», warnt Hautle. Das Potenzial für höhere zehnjährige Sätze bei den Eidgenossen ist aus seiner Sicht beschränkt. «In drei Monaten rechnen wir mit 2,2% und in zwölf Monaten mit 2,7%», prognostiziert er. Eine moderate Zinsentwicklung sagt auch Björn Eberhardt, Volkswirt bei der Luzerner Kantonalbank, voraus: «Wir erwarten, dass die SNB ihren Leitzins auf absehbare Zeit auf dem derzeit tiefen Niveau hält. Allerdings erwarten wir auch einen allmählichen Anstieg der Zinsen am längeren Ende der Zinskurve, wenn sich die Signale einer Konjunkturbelebung verstärken», erläutert Eberhardt.

Anzeige

 

 


Hypotheken: Aktuell tiefe Zinssätze frühzeitig absichern

Aufgrund des Zinsszenarios rechnet Björn Eberhardt, Volkswirt bei der Luzerner Kantonalbank, damit, dass die variablen Hypothekarsätze vorerst auf dem derzeitigen Niveau bleiben, die Sätze bei längerfristigen Festhypotheken dagegen allmählich steigen. Die Geldpolitik der SNB ist jedoch mit Risiken behaftet und die momentane Ruhe an den Zinsmärkten könnte sich als trügerisch erweisen. Das gilt vor allem für die Periode Mitte 2010 bis Mitte 2011, wenn voraussichtlich der Übergang zu einer Straffung der Geldpolitik eingeleitet wird.

Privaten Hypothekarschuldnern, für welche die Kalkulationssicherheit im Vordergrund steht und die in den kommenden zwölf Monaten, also der kritischen Übergangsperiode, einen Refinanzierungsbedarf haben, rät die Zürcher Kantonalbank auf der Basis der heutigen Zinssätze eine Terminhypothek, auch Fowardhypothek genannt, abzuschliessen. Gegen Bezahlung einer Terminprämie kann der Hausbesitzer bereits heute die Finanzierung zu den derzeit geltenden Konditionen abschliessen, auch wenn der Auszahlungszeitpunkt bis maximal zwei Jahre in der Zukunft liegt. Damit ist das Zinsänderungsrisiko für die Vorlaufzeit und die gewählte Laufzeit der Finanzierung gebannt.

Solche Instrumente zum Sichern der guten Zinskonditionen stehen etwas zahlreicher auch den KMU zur Verfügung. Für grössere Geschäftsliegenschaften können zudem Finanzierungsprodukte ausserhalb des Hypothekarangebotes zur Anwendung gelangen wie feste Vorschüsse, Festkredite oder Kredite auf Roll-over-Basis. «Entscheidend bei der Wahl der Finanzierungslösung sind Liquiditätsüberlegungen», geben die Experten der Zürcher Kantonalbank zu bedenken. Im Sinne von strukturierten Finanzierungen besteht für grössere Projekte auch die Möglichkeit, mittels Einsatz von Derivaten die Zinsrisiken bei variablen Produkten abzusichern.

Das Sichern der aktuell sehr tiefen Zinssätze ist auf jeden Fall überlegenswert. Die Kapitalmarktsätze mit zehnjähriger Laufzeit liegen bei 2%. Zum Vergleich: In der Krise der 30er-Jahre fluktuierten sie zwischen 3,24% und 4,64%. Noch tiefere Zinsen können nicht ausgeschlossen werden. Aber der Möglichkeit, sich Zinskonditionen auf historisch tiefem Niveau zu sichern, stehen zusehends unkalkulierbaren Risiken für die Obligationenmärkte gegenüber.(cf)