Kongresse der Nuklearindustrie waren jahrelang Orte der Melancholie: Ergrauende Herren diskutierten darüber, wie ihre Technologie am umweltschonendsten entsorgt werden könne, Jahr für Jahr kamen weniger Teilnehmer, das Fachwissen drohte verloren zu gehen - für immer.

Die Branche ist wiederauferstanden. Heute springen am Kongress der Schweizer Nuklearbranche auch einmal adrette junge Frauen und Männer auf die Bühne. Die jungen Studenten des neu geschaffenen Master-Lehrgangs für Nuclear Engineering geben Interviews und werden von den Atomspezialisten begeistert beklatscht. So feiert man die Retter einer aussterbenden Gattung.

Laut der internationalen Nuklearenergie-Agentur (IAEA) stehen derzeit 65 neue Nuklearanlagen in Bau, 26 davon allein in China, Dutzende weitere Anlagen sind geplant. Das Wort von der «Renaissance der Nuklearindustrie» macht die Runde.

Das neu erwachte Interesse führt aber zu Problemen. Personal mit Fachwissen wird knapp. Weil zwischen 1980 und 2000 das Interesse an der Nuklearenergie verebbte, schlief die Ausbildung in vielen Ländern ein. Junge Talente wandten sich anderen Branchen zu - etwa der stetig wachsenden Finanzindustrie, wie Yanko Yanev von der internationalen Atomenergie-Agentur erklärt. Inzwischen habe sich die Situation verbessert: «Die französische Atomindustrie stellt heute mehr Leute an als jemals zuvor», sagt Yanev. Dennoch warnt er die Branche: «Es wäre ein grober Fehler, dieses Problem zu unterschätzen.»

Anzeige

Nur drei Schweizer

Der neue Master-Studiengang in der Schweiz wird von ETH-Professor Horst-Michael Prasser geleitet. Hat die Schweiz genügend Expertinnen und Experten, um die geplanten neuen Atomkraftwerke zu bauen? «Das kann ich nicht einschätzen. Aber ich tue etwas dafür, dass genügend Leute da sein werden», antwortet Prasser. Gut 25 Leute könnten am Lehrgang teilnehmen. Doch für den ersten Jahrgang schreiben sich 2008 nur drei Schweizer ein - die atomkritische Schweizerische Energiestiftung jubelte. Tatsächlich sind die Teilnehmerzahlen tief. Bei der ersten Durchführung machten neben den drei Schweizern noch acht Studenten aus dem Ausland mit, den jetzigen Kurs absolvieren 15 Leute. Von den Absolventen des ersten Lehrgangs hat kaum jemand eine Anstellung in der Atomindustrie gefunden; die Hälfte von ihnen hat die Schweiz wieder in Richtung ihrer Heimatländer verlassen. Doch Prasser ist sich sicher: Wenn sich endgültig abzeichne, dass in der Schweiz neue Kernkraftwerke gebaut werden, werde die Studentenzahl deutlich ansteigen.

Die internationalen Firmen, welche die zwei in der Schweiz geplanten Atomkraftwerke bauen wollen, zeigen sich ebenfalls zuversichtlich. AKW-Produzent Westinghouse: «Wir geben keine Offerte ab, wenn wir uns nicht sicher sind, dass wir genügend qualifizierte Mitarbeiter haben», sagt Mediensprecher Adrian Bull. Gleich klingt es beim Konkurrenten General Electric/ Hitachi: «Wir haben genügend Personal, um in der Schweiz zwei Anlagen bauen zu können», betont Daniel Roderick, Top-Manager des Konzerns.

Milliarden für die Wirtschaft

Dennoch: Im Alleingang können selbst internationale Atomkonzerne solche Projekte nicht stemmen. Darum versuchen die Firmen schon heute, Schweizer Unternehmen in ihre Projekte einzubinden. Das ist nicht nur unternehmerisch klug, sondern auch politisch ratsam: Je höher die Beteiligung der Schweizer Wirtschaft an einem Projekt ist, desto besser kommt es in Politik und Bevölkerung an.

«Wir bei Westinghouse kaufen dort ein, wo wir bauen», sagt Mediensprecher Adrian Bull zur Strategie seines Konzerns. Jeder Westinghouse-Reaktor werde der Schweizer Wirtschaft «Milliarden Euro» bringen, so Bull. Laut Roderick von Generel Electric/ Hitachi würden die Reaktoren seiner Firma zu 50 bis 75 Prozent in Europa hergestellt. Für die Schweizer Wirtschaft bleibe beim Bau im Minimum ein Anteil von 30 bis 50 Prozent - ein Anteil, den GE aber noch erhöhen wolle, so Roderick.

Die Resun, Planungsgesellschaft der beiden Stromkonzerne Axpo und BKW, nennt ähnliche Zahlen. Die Firma hat die zwei Kernkraftwerke Anfang Dezember öffentlich ausgeschrieben. Rund die Hälfte des Investitionsvolumens von 14 bis 18 Milliarden Franken werden in der Schweiz anfallen, ist Verwaltungsratspräsident Manfred Thumann überzeugt.

IAEA-Experte Yanev hält diese Zahlen für realistisch, es liege aber sogar noch mehr drin: In Yanevs Heimatland Bulgarien betrug der Anteil der inländischen Industrie am AKW-Bau rund ein Drittel. Die Schweiz hingegen habe eine so hoch entwickelte Wirtschaft, dass für unser Land «deutlich über 50 Prozent an einheimischer Produktion» drinliegen müsste, so Yanev.

Welche Umsätze für Industriekonzerne in der Schweiz möglich sind, lässt sich laut Thumann noch nicht beziffern. «Alstom etwa würde profitieren, wenn sie den konventionellen Kraftwerksteil liefern könnte», erklärt Thumann. Für ABB sieht er Möglichkeiten in der Leit-Technik für Kernkraftwerke, einem Geschäftsfeld, in das der Konzern wieder eingestiegen sei. Zudem könnten Transformatoren und die gesamte elektrische Ausrüstung der Anlage von ABB stammen.

Potenzial sieht Thumann vor allem längerfristig: «Aufträge in der Schweiz wären für ABB und Alstom gute Visitenkarten für weitere Projekte», sagt er. Firmen, die in der Schweiz an Anlagen mitbauen, würden auch international sehr gute Chancen haben. Denn der globale Qualitätsstandard in der Kernenergie wird wesentlich von der Schweiz mitgeprägt. Die Aufsichtsbehörde, das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat, habe weltweit ein sehr hohes Ansehen. Aufträge für neue AKW könnten daher den Schweizer Firmen eine strahlende Zukunft eröffnen.