Die Sonne scheint auf den Schnee, fernab der Piste stürzt sich ein Freerider den steilen Hang hinunter, der frische Pulverschnee stäubt, die Musik des Videos pulsiert im Takt. Damit wirbt Davos für seine unberührte Winterlandschaft. Aber das weisse Idyll endet mit dem Hinweis: «Abseits der Piste ist jederzeit mit Lawinen zu rechnen.»

Doch das hält wenige Freerider zurück. Seit Jahren sind Hochtouren, Skifahren und Schneewanderungen im Trend. Davon profitieren nicht nur die Skiorte, sondern auch die Lawinenausrüster. Deshalb hat sich das Schweizer Startup Rotauf auf Sicherheitsausrüstung spezialisiert und folgt damit einem Trend, der auch grossen Fachhändlern wie Transa seit letztem Jahr Rekordverkäufe für Lawinensuchgeräte beschert. Doch entgegen den Grossen im Geschäft produziert Rotauf in der Schweiz und setzt damit auf eine Geschäftsidee, die nach einem Rückschlag langsam an Boden gewinnt.

Alpine Produktion

Vor vier Jahren starteten die beiden 37-jährigen Alpinisten Remo Frei und Curdegn Bandli in Chur mit der Entwicklung einer Lawinenboje, die sich bei einer Verschüttung über einen Handzug aufblasen lässt und als roter Ballon an der Schneeoberfläche zu liegen kommt. Der Verschüttete ist mit einer Leine mit der Boje verbunden und kann von den Rettungskräften so schneller gefunden werden. «Die gängigen Rettungssysteme waren oft zu schwer, zu gross und zu teuer», sagt Frei. Die Boje sei als Ergänzung zur Grundausrüstung mit Suchgerät, Sonde und Schaufel gedacht. Die Lawinenboje sei seit zwei Jahren auf dem Markt und verkaufe sich gut, sagt Frei. Der schwedische Sportbekleider Peak Performance bringe für nächste Saison eine Hose mit integrierter Rotauf-Boje auf den Markt. Zwei weitere Marken planten nächsten Winter Rucksäcke mit der Boje, sagt Frei. Die Bündner exportieren ihre Boje für 148 Franken bereits in mehrere Länder Europas.

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Zur Boje haben Frei und Bandli auch die zugehörige Bekleidung entwickelt, die eine Befestigung für das Sicherheitssystem vorsieht. Dieses Geschäft geriet jedoch nach der ersten Verkaufssaison ins Wanken, weil die Bündner ihre Kleider bei der Textilfirma Gritex in Trun produzieren liessen. Die musste wegen schlechter Auftragslage vor einem Jahr die Tore schliessen. «Das hat uns hart getroffen», sagt Frei. Die Suche nach einem Schweizer Produktionsbetrieb, der die technisch aufwendige Herstellung von Winterbekleidung versteht, sei schwierig gewesen. Denn die meisten heimischen Hersteller hätten wegen der steigenden Konkurrenz aus Asien das Geschäft aufgegeben.

Neuanfang im Tessin

In Mendrisio sind Frei und Bandli schliesslich fündig geworden. Der neue Partner produzierte einst für den Schweizer Bekleider Gore-Tex. «Die neue Kollektion für nächste Saison haben wir bereits im Verkauf», sagt Frei. Trotz Rückschlag glauben die beiden Geschäftsgründer an ihre Idee. Auch wenn etablierte Marken wie Mammut, The North Face oder Arc’teryx ihre Kleider in grosser Stückzahl günstiger in Asien fertigen lassen und Rotauf daher beim Vertrieb und Marketing grosse Abstriche machen muss, um preislich mithalten zu können. Eine Jacke von Rotauf kostet zwischen 685 und 740 Franken und ist über den Online-Shop erhältlich. «Unsere Kunden zahlen hauptsächlich für Material, heimische Produktion und Entwicklung», sagt Frei. Noch fällt die verkaufte Stückzahl jedoch bescheiden aus.

Der Mut zu heimischer Qualität und hohen Preisen hat andere Anbieter bereits verlassen. Auch Rolf Lenzinger mit seinem Label Ammonit liess seine Kleidung bei der Gritex fertigen – bis dort die Lichter ausgingen. «Wir mussten die Marke aufgeben», sagt er. Man habe fünf Jahre probiert und dabei viel Energie aufgewendet. «Die Schweizer finden ‹Swiss made› super, aber dafür bezahlen will keiner.»

Frei und Bandli wollen aber weitermachen – auch wenn der grosse Erfolg mit der helvetischen Bekleidung bislang ausblieb. Gerade mit dem Ausbau der technischen Sicherheitskomponenten für den Wintersport abseits der Pisten wollen die Unternehmer künftig weitere Verkaufspartner für ihre Produkte gewinnen.