Zuerst die gute oder die schlechte Nachricht? Wir entscheiden uns für die letztere, weil die Zahl der direkt Betroffenen wegen der aus den Fugen geratenen Wirtschaft drastisch ansteigt. Während bei früheren Einbrüchen noch der Silberstreif am Horizont gesucht wurde, geben Befragte zu, dass «derzeit eine rasche Verbesserung der Situation nicht in Sichtweite ist» - wie es Daniel Griesser (Altpapier Dättikon) ohne Umschweife formuliert.

Er spricht sogar von der grössten Krise auf dem Schweizern Altpapiermarkt seit 1990. Das ist nicht übertrieben: Bereits im November letzten Jahres hatten die Preise für gemischte Papierabfälle einen Tiefpunkt erreicht. Gelöst werden konnten zwischen 2 bis 3 Rp. pro kg ab Fabrik. Das bedeutet: Ohne Zuzahlung des Lieferanten können nur schon die Kosten für den Transport und die Verarbeitung nicht mehr gedeckt werden.

Die Situation hat sich in den letzten Wochen weiter verschlechtert: Der Altpapierhandel muss erhebliche Konzessionen machen, um seine Ware bei den Papierfabriken überhaupt noch loszuwerden. Sogar qualitativ hochwertige Sorten sind vom negativen Preistrend betroffen, wie alle Befragten bestätigen. «Auf allen Produktionsstufen werden Lager abgebaut, was bewirkt, dass der Abfluss der Ware überall ins Stocken geraten ist», sekundiert Christoph Solentaler vom gleichnamigen Ostschweizer Unternehmen, das in einer Multi-Pole-Position ist, wenn es um das Sammeln, Sortieren, Verarbeiten und den Weiterverkauf von recyklierbaren Materialien in allen Bereichen geht. Ende Jahr 2008 hatten die Preise für gemischte Papierabfälle dann einen neuen Tiefpunkt erreicht. Solentaler sieht noch keinen Lichtblick. «Die Zurückhaltung bei Kunden ist eine direkte Folge der Rezession.»

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Grund des Tauchers ist geortet

Auch Rolf Beyeler von Thévenaz Leduc in Ecublens, dem Betreiber des grössten Recyclingbetriebes in der Romandie, bei dem Altpapier und Altmetall ungefähr den gleichen Anteil an wiederverwertbarem Sammelgut haben, sieht keine rasche Verbesserung der Situation. Viele Betriebe haben Kurzarbeit eingeführt, und der Schrott- wie der Altpapierhandel sind damit gezwungen, die Preissenkungen an die Lieferanten weiterzugeben.

Preiseinbruch bis zu 80 Prozent

Stahlwerke, Giessereien und Papierfabriken haben ihre Produktion gedrosselt, und die Nachfrage nach Sekundär-Rohstoffen ist markant gesunken. Das führt nicht nur zu einem gravierenden Absatzproblem für die Schrott- und die Altpapierhändler, sondern zu einer Existenzfrage für jene, welche sich in Zeiten einer dynamischen Preisentwicklung vor dem Abschwung keine Polster anlegen konnten. Es sei denn, sie haben sich rechtzeitig ein weiteres Standbein zugelegt, was in dieser Branche allerdings nicht so leicht ist.

Beyeler, hat - beispielsweise - noch eine Trumpfkarte in der Hand: «Wir sind zusätzlich in der Vernichtung von vertraulichen Akten engagiert.» Angesichts des immer rigideren Datenschutzes dürfte ihm - wenigstens in diesem Unternehmenszweig - die Arbeit nicht so rasch ausgehen.

Stephan Thommen, vom gleichnamigen Unternehmen in Kaiseraugst und gleichzeitig Vize-Präsident des Verbandes Stahl-, Metall- und Papier-Recycling Schweiz (VSMR), nimmt ebenfalls kein Blatt vor den Mund. Er quantifiziert die Einbrüche bei der gesammelten Schrottmenge und bei den Preisen: «Die gesammelte Menge ist um rund 40%, der Preis pro Tonne um rund 80% eingebrochen.»

Thommen sieht trotzdem einen Lichtblick: Er geht für 2010 von einer verbesserten Ausgangslage für seine Branche aus. «Den Tiefstpunkt haben wir erreicht», ist er überzeugt.

Auch Lidl und Ottos an Bord

Nun zu den Rekordresultaten in der Recycling-Branche. «Jetzt haben wir - dank Lidl - auch alle Discounter an Board, neu auch Otto’s. Damit sind 95% des Schweizer Getränkemarktes bei uns angeschlossen. Die Finanzierung des Recyclingsystems ist - notabene auf freiwilliger, privatwirtschaftlicher Basis - geregelt», freut sich Jean Claude Würmli von PET-Recycling Schweiz. Es war ein harter, aber langer Weg. Die Verwertungsquote von 78% ist europaweit in den Spitzenrängen - im Euroland sind 22% vorgeschrieben! Wurden im vorletzten Jahr in der Schweiz noch 34000 t recykliert, waren es letztes Jahr rund 1000 t mehr und damit insgesamt über 1 Mrd PET-Flaschen. 94% davon werden in der Schweiz - in Frauenfeld bei RecyPET AG und in Weinfelden bei ITW Poly Recycling GmbH - zu Recyclat u.a. für den Lebensmittelbereich verarbeitet. Würmli: «Mittlerweile ist fast der ganze Schweizer Getränkemarkt bei uns angeschlossen.» Dieser finanziert auch die rund 20000 freiwilligen Sammelstellen, die für den Erfolg unverzichtbar sind.

Allein letztes Jahr konnten fast 3000 Betriebe für die Separatsammlung von PET-Getränkeflaschen dazugewonnen werden. Ein Grund dafür ist, dass die Entsorgung einer PET-Flasche in der PET-Sammlung bis zu zwanzigmal billiger ist als die Entsorgung im Betriebskehricht. Und erst noch umweltfreundlicher. Aber trotz dieses Erfolges plagen Würmli Sorgen: «Die Rohstoffpreise sind 30% tiefer als vor einem Jahr, wodurch uns Einnahmen wegbrechen. Dazu landet einfach noch zu viel Fremdmaterial in der Sammlung von PET-Getränkeflaschen. Dieses muss aussortiert und kostenpflichtig entsorgt werden, zu denselben Kosten wie für jede Privatperson. Fast 5000 t pro Jahr - das verteuert das System unnötig. Dass ist viel Geld für ein Non-Profit-Unternehmen.»

Damit trifft er sich mit Daniel Cornaz von der Vetropack, der sich zwar ebenfalls über eine traumhafte Glas-Sammelquote von über 95% freuen kann. Sie steigt unentwegt. Pro Person wurden 2008 mehr als 42 kg Glas in die Container eingeworfen, ein Jahr zuvor waren es noch gut 40 kg. Aber auch Cornaz kennt Würmlis Sorgen: «Es gibt Leute, die - beispielsweise - sogar Keramikgeschirr einwerfen.» Auch das muss mühselig aussortiert und auf eigene Kosten entsorgt werden. Aber trotzdem: 2006 wurden 319500 t Altglas gesammelt, 3,7% mehr als im Vorjahr. Cornaz geht von weiteren Steigerungen aus.

Die Igora in der Vorreiterrolle

Triumphieren kann auch die Igora-Genossenschaft für Aluminium-Reycycling. Derzeit werden von zehn Aludosen neun eingesammelt. Die Igora feierte soeben ihr 20-jähriges Bestehen. «Heute kommen 6500 t Alu von Verpackungen in den Wiederverwertungsprozess», freut sich Markus Tavernier, Mit-Erfinder des vorgezogenen Recycling-Betrages. Dank grosser Aufklärungskampagnen sind längst nicht nur Aludosen im Visier der Sammeltätigkeit: Auch Tierfutterschalen oder Tuben für Senf und Mayonnaise gehören jetzt dazu. Bei Schalen aus Aluminium macht die Quote bereits 80% aus, bei Tuben und Kaffeekapseln mehr als die Hälfte. Gemäss Igora-Sprecher Daniel Frischknecht wurden vorletztes Jahr 5503 t Aluminium-Verpackungen im Lebensmittelbereich verbraucht und 5000 t Getränkedosen der Wiederverwertung zugeführt. Damit erreicht die Sammelquote wohl einen nicht zu überbietenden Höchststand, sieht man von «Fremdpartikeln» ab, die bewusst oder unbewusst in die Container eingeworfen werden.

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Von einer Vorgezogenen Entsorgungsgebühr profitiert auch die Igora. Sie war Pionierin für diese Finanzierung, die vor allem für Aufklärungsaktivitäten eingesetzt wird. Zudem kann sich die Jubilarin, wie auch PET-Recycling, über ein neues, prominentes Mitglied freuen. Nestlé-Pressesprecher Philippe Oertle begründet das Engagement so: «Nestlé Schweiz gehört mit Nespresso und Thomy zu den wichtigsten Akteuren und Förderern des Recyclings.»