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Strommarkt
Leuthards teure Verspätung

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Energieministerin Doris Leuthard: Sie will Wahlfreiheit für Kleinkunden. Quelle: © KEYSTONE / ANTHONY ANEX

Die Strompreise steigen. Geht es so weiter, ­profitieren Kleinkunden nicht mehr von der Marktöffnung. Sie haben Milliarden draufgezahlt.

Von Michael Heim
am 09.11.2018

Es sollte das Abschieds­geschenk von Energieministerin Doris Leuthard werden: Im Oktober kündigte sie den lange erwarteten letzten Schritt der Strommarkt­liberalisierung an. Nachdem 2009 bereits die Grosskunden in den Markt entlassen wurden, sollen nun endlich auch Privatkunden und KMU den Stromanbieter wählen können. Und Geld sparen. Bisher waren sie gezwungen, den Strom beim regionalen Monopolisten zu kaufen.

Diese Verzögerung hat die Konsumenten viel Geld gekostet. Denn während Grosskunden seit zehn Jahren davon profitierten, dass ihr Strom von Jahr zu Jahr günstiger wurde, mussten die Kleinkunden weiter einen tariflich festgelegten Preis bezahlen, der die Produktionskosten decken musste und den Kraftwerken erst noch einen Gewinn garantierte. Verglichen mit den Marktpreisen bezahlten sie ab 2012 drauf (siehe Grafik).

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Das Beratungsunternehmen Enerprice hat für die «Handelszeitung» berechnet, wie viel teurer die Monopolversorgung war. Alleine fürs laufende Jahr 2018 kommt es auf Mehrkosten von 900 Millionen Franken – oder mehr als 100 Franken pro Einwohner.

Insgesamt bezahlten die gefangenen Kleinkunden seit der halben Marktöffnung 4,3 Milliarden Franken mehr, als wenn sie zu Marktkonditionen hätten Strom beziehen können.

Enerprice hat für diese Berechnung eine Beschaffung simuliert, wie es sie für seine Kundschaft anwendet. Dabei wird der Preis rollend über mehrere Jahre abgesichert, indem Ende Jahr für einen Drittel des Strombedarfs der Preis fixiert wird. «Das könnten wir auch für Kleinkunden tun», sagt Enerprice-Partner Werner Geiger.

Doch die Marktöffnung kommt zu spät. Von den sehr tiefen Preisen in den vergangenen Jahren werden die Kleinkunden nicht mehr profitieren können, und ob sie je wieder so tief sein werden, ist fraglich. Derzeit sieht es nicht danach aus. Die Preise sind so hoch wie schon lange nicht mehr.

Der an der Strombörse Epex Spot gehandelte Schweizer Bandstrom kostete im Oktober im Durchschnitt 73 Euro pro Megawattstunde oder 8,3 Rappen pro Kilowattstunde. Spitzenstrom kostete sogar 8,8 Rappen. Zum Vergleich: Den gefangenen Kleinkunden werden 2018 im Durchschnitt 7,3 Rappen verrechnet (der Preis bezieht sich jeweils auf die reine Energie ohne Netz und Abgaben).

Die höchsten Preise seit 2009

Zwar steigen die Preise im Herbst jedes Jahr an, weil im Winter der Strom knapp wird. Doch auch verglichen mit den Vorjahren ist der Strompreis auf Rekordkurs: Seit 2009 war er im Oktober nicht mehr so hoch – egal ob in Franken oder in Euro.  

Und der Oktober ist kein Ausreis­ser. Seit Juni liegen die Preise deutlich über dem Durchschnitt der vorangegangenen zehn Jahre. Ausserhalb der Branche hat bisher kaum einer die Trendwende bemerkt. Noch hängt vielen das Klagen der Stromproduzenten in den Ohren. Doch Enerprice-Partner Geiger bestätigt: «Habe ich vor einem Jahr eine Offerte für eine Lieferung im Jahr 2019 eingeholt und tue ich das jetzt wieder, so ist die neue Offerte mehr als doppelt so teuer.»

Was für Stromkonsumenten eine schlechte Nachricht ist, freut Produzenten, die in den vergangenen Jahren Milliardenabschreiber vornehmen mussten. Allen voran die beiden gros­sen Player Axpo und Alpiq, die den Strom fast ausschliesslich zu Marktpreisen verkaufen. Natürlich profitiere man von den steigenden Preisen, sagt Alpiq-Sprecher Richard Rogers. «Genau so, wie wir bisher unter den fallenden Preisen gelitten haben.»

Doch richtig auszahlen werden sich die Preissteigerungen erst in den kommenden Jahren. Denn wie die Konsumentinnen und Konsumenten sichern sich auch die Produzenten ab. Sie verkaufen ihren Strom über drei Jahre auf Termin. 2018 und 2019 werde man noch ein im Vergleich zu den Vorjahren schlechteres Ergebnis ausweisen müssen. «Aber wir haben bereits die Jahre 2020 und 2021 verkauft, und da wird das Ergebnis deutlich besser sein», so Rogers.

Zu einem kleinen Teil wirken die hohen Preise aber schon heute: Dann nämlich, wenn der Handel Strom zu Tagespreisen verkauft. Das erkennen offenbar auch die Anleger. Der Kurs der börsenkotierten Alpiq hat seit Anfang Jahr von 64 Franken auf  85 Franken zugelegt. Den fallenden Trend der letzten Jahre konnte Alpiq durchbrechen. Ihr Poker, voll auf die Produktion zu setzen, scheint aufzugehen.

Auch die Axpo zeigt sich optimistisch. Aufgrund der nahenden Bilanzpressekonferenz könne man sich nicht zum Geschäftsverlauf äussern, sagt Sprecher Antonio Sommavilla. Doch auch er verweist auf die verzögerten Auswirkungen und auf positive Effekte ab dem Geschäftsjahr 2020.

Die Strompreise bleiben hoch

Die Händler gehen davon aus, dass die Strompreise wieder leicht sinken werden. Für Lieferungen in 2019 würden derzeit 6,3 Rappen bezahlt, für solche in 2021 nur noch 5,5 Rappen, sagt Enerprice-Händler Andreas Tresch. Damit liegen die erwarteten Preise aber immer noch im Bereich der letzten zwölf Monate.

Hinter dem Preisanstieg, der nun seit etwa zwei Jahren andauert, stehen verschiedene Treiber: In Europa herrscht gute Konjunktur, was die Nachfrage nach Strom befeuert. Gleichzeitig werden die ersten Grosskraftwerke abgeschaltet – meist Atomkraftwerke. Auch in der Schweiz geht 2019 mit Mühleberg das erste AKW vom Netz. Das verknappt auch hierzulande das Angebot.

Kurzfristig wirkt aber vor allem ein politischer Entscheid preissteigernd: Die EU dünnt den Markt für CO₂-Zertifikate aus. Das verteuert die Produktion von Kohle- und Gasstrom, der in den ­vergangenen Jahren mit seinen an sich tiefen Produktionskosten die Preise gedrückt hatte. Es sei eine regelrechte Spekulation um die Zertifikate angelaufen, was diese verteuert habe, sagt ein Strommanager. Er gehe davon aus, dass die Preise deshalb tendenziell hoch bleiben.

Was gut ist für die Umwelt, ist schlecht für die Kleinkunden. Sie werden mehr für den Strom bezahlen müssen. Zudem hat Bundesrätin Leuthard in ihrer Marktöffnung den Schweizer Produzenten ein Zückerchen eingebaut: Kleinkunden, die nicht in den Markt wechseln, sollen gezwungen werden, Schweizer Strom zu beziehen – mit einer Mindestquote an Wasserstrom. Und so hat, wer heute über seinen regionalen Versorger auch billigen Importstrom bezieht, dann die Wahl zwischen Pech und Schwefel. Wenns dumm läuft, ist für ihn beides teurer: Markt und Plan.