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Lex Dossier: Erbrecht

Testamente sind nichts für Bastler

Von Konrad Stierlin
am 23.04.2003

Unser schweizerisches Zivilgesetzbuch bietet jedermann die Möglichkeit, selber von Hand ein gültiges Testament zu verfassen und darin sein künftiges Erbe zu regeln. Er braucht dazu lediglich Schreibgerät und Papier. Wer also nicht beim Notar ein so genanntes «öffentliches Testament» oder einen Erbvertrag errichten will, kann dies ganz allein gewissermassen im stillen Kämmerlein tun. Immerhin gilt es dabei, die vom Gesetz aufgestellten strengen Formvorschriften zu beachten: Der gesamte Testamentstext einschliesslich Unterschrift muss von Hand geschrieben sein und den richtigen Ort und Zeitpunkt der Niederschrift enthalten.

Ein derartiges eigenhändiges Testament lässt sich zudem auch jederzeit auf einfache Weise abändern oder durch ein neues ersetzen. Hat die bisher im Testament bedachte Lieblingsnichte den Erbonkel einmal nicht artig gegrüsst, so wird sie womöglich flugs wieder «enterbt» ­ ohne dass sie etwas davon weiss.

Gerade der Umstand, dass das eigenhändige Testament, von dem allein im Folgenden die Rede sein soll, unter Ausschluss der Öffentlichkeit verfasst und geändert werden kann, stellt aber auch nicht zu unterschätzende Anforderungen. Hier Fehler zu begehen, hat meist schwer wiegende Folgen, deren man sich bewusst sein sollte.

Sorgfältige Formulierung

Einmal muss der Testamentstext klar verständlich sein. Im Zeitpunkt, in dem die letztwilligen Anordnungen dereinst vollzogen werden sollen, kann der Verfasser nicht mehr gefragt werden, was er mit der gewählten, aber möglicherweise nicht klar verständlichen Formulierung eigentlich beabsichtigte. Testamente erfordern also eine klare Sprache. Leider können sich heutzutage nicht mehr alle in der deutschen Sprache präzis ausdrücken.

Testamentarische Regelungen sollten überdies «elastisch» sein, also auch über Jahrzehnte hinweg und in verändertem Umfeld sinnvoll bleiben und vollstreckt werden können. Da sich aber der Umfang eines Vermögens zwischen der Niederschrift des Testamentes und dessen Vollzug unter Umständen als Folge von Kursstürzen an der Börse, galoppierender Inflation oder aus anderen Gründen dramatisch verändern kann, ist es von vorneherein ratsam, dem Turnverein statt «hunderttausend Franken» besser «einen Zehntel des Nachlassvermögens» zu vermachen ­ vielleicht bleibt nämlich neben den hunderttausend Franken plötzlich gar nicht mehr so viel übrig!

Sofern es sich vermeiden lässt, sollte ein Testament auch so formuliert sein, dass es nicht unbedingt zu Missstimmung in der Familie führt. Das kann oft schon allein mit geeigneter Wortwahl erreicht werden: Ob ich den Sohn «auf den Pflichtteil setze» oder ob ich «den frei verfügbaren Teil meines Nachlassvermögens dem XY zuwende», kann unter Umständen genau zum gleichen Ergebnis führen, klingt aber für den Sohn im einen Fall recht verletzend und im anderen nicht.

Oft wird in diesem Zusammenhang auch vergessen, dass man ­ wenn man einem Angehörigen etwas wegnimmt ­ auch bestimmen muss, wer das Weggenommene erhalten soll. Ist kein Empfänger bestimmt, so kann die Anordnung unter Umständen überhaupt nicht vollzogen werden.

Sauber durchdachter Inhalt ist entscheidend

Letztwillige Verfügungen sollten stets sauber durchdacht sein, sonst bringen sie möglicherweise mehr Probleme als Nutzen. Bei nicht ganz einfachen Verhältnissen oder Anordnungen setzt die Abfassung daher gewisse Grundkenntnisse voraus. Einige Vorschriften unseres Zivilgesetzbuches muss man einfach kennen. So etwa, dass der vierbeinige Liebling nicht als Erbe eingesetzt werden kann. Oder dass ein Willensvollstrecker in der Testamentsurkunde selbst zu bestimmen ist und die Wahl daher nicht ­ wie in einem kürzlich eröffneten Testament ­ dem rechtskundigen Neffen überlassen werden darf.

In einfacheren Fällen leisten die heutzutage für jedes Rechtsgebiet erhältlichen Ratgeber in Buchform gute Dienste, weil sie meist auch brauchbare Formulierungsvorschläge enthalten. Für anspruchsvollere Testamente ist es aber auf jeden Fall ratsam, eine Fachperson (Anwalt, Notar) beizuziehen oder dieser zumindest das fertige Testament zur Prüfung vorzulegen. So verhindert man, dass den lachenden Erben dereinst das Lachen vergeht, weil sie das Erbe in Gerichts- und Anwaltskosten investieren müssen!

Der Autor, Konrad Stierlin, Dr. iur. Rechtsanwalt, Partner bei Stierlin, Ruckstuhl & Ott in Winterthur, ist schwergewichtig im Bereich Erbrecht/erbrechtliche Planung tätig. Er ist Mitglied des Zürcher Anwaltsverbandes.

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