1. Home
  2. Unternehmen
  3. Libor-Skandal: Rote Karten reichen nicht

Libor-Skandal: Rote Karten reichen nicht

Samuel Gerber, Redaktor der Handelszeitung

Die Gestaltung des Libor wurde seit der Einführung Mitte der 1980er-Jahre den Banken überlassen – im Vertrauen auf den freien Markt. Ein Denkfehler, wie spätestens seit der Kreditklemme 2008 bekannt i

Von Samuel Gerber
am 04.07.2012

Auf dem Schnappschuss sind ein Fussballer und ein Mann im Regenmantel zu sehen. Der hält einen Pokal in die Höhe und grinst noch breiter als der Kicker neben ihm. Das Bild stammt nicht von der Europameisterschaft. Und der Mann heisst nicht Vicente del Bosque. Es geht weder um die Selección noch um Tiki-Taka. Sondern um das ganz grosse Geld. Das Foto zeigt Barclays-Chef Bob Diamond zusammen mit John Terry, dem Kapitän seines Lieblingsklubs Chelsea FC. Seine Tochter hatte das Bild letzten Mai getwittert, als Chelsea den FA Cup gewann. Daddy, der Sieger.

Doch jetzt erhielt Daddy die rote Karte. Höchste britische Regierungskreise drängten Diamond zum Rücktritt, nachdem kurz zuvor schon Marcus Agius als Präsident von Barclays den Hut hatte nehmen müssen. Die Vorwürfe an den vormaligen Star in der Londoner City wiegen schwer. Barclays-Angestellte sollen mit Rückendeckung ihrer Chefs über Jahre hinweg den Libor-Satz manipuliert haben – und damit einen der bedeutendsten Richtwerte im Finanzmarkt überhaupt, auf den Millionen von Investoren weltweit vertrauen.

Der Libor ist ohne Vertrauen nicht denkbar

Tatsächlich ist der Libor ohne Vertrauen nicht denkbar. Jeden Morgen vor 11 Uhr melden die Banken in London, zu welchem Zins sie bei anderen Instituten Geld leihen könnten. Die Meldungen werden anschliessend zum Libor-Satz zusammengefasst. Dabei gilt: Je tiefer, desto günstiger die Ausleihe für die Bank. Und umso gewinnträchtiger das Geschäft für jene, die mit Finanzprodukten auf einen niedrigen Libor wetteten. Die Gestaltung des Libor wurde seit seiner Einführung Mitte der 1980er-Jahre den Banken überlassen – im Vertrauen auf den freien Markt. Ein Denkfehler, wie spätestens seit der Kreditklemme 2008 bekannt ist. Der Markt ist eben nicht frei, sondern den Interessen der Banken unterworfen. Trotzdem vertraute man den Instituten den Libor weiter an.

Dieses Vertrauen hat nun eine Riege von Grossbanken – neben Barclays auch die Schweizer Schwergewichte UBS und Credit Suisse – mit ihren mutmasslichen Manipulationen enttäuscht. Die UBS zeigte sich in der Sache bereits selber an, um einer Busse zu entgehen. Das wird kaum verhindern, dass sich die Behörden nun den Libor vorknöpfen. Erste Forderungen zu neuen Gesetzen sind schon platziert. Nur: Schärfere Vorschriften für die Finanzbranche haben oft unvorhergesehene Nebenwirkungen. Sie führen dazu, dass sich dort die findigsten Köpfe noch schärfer überlegen, wo sich ein Hintertürchen öffnen lässt.

Adam Smith und der Londoner Wal

Mehr wäre erreicht, wenn sich die Banken auf das besännen, was der Ökonom Adam Smith vor 200 Jahren für einen funktionierenden freien Markt forderte: Einen moralischen Rahmen, dem sich alle Teilnehmer verpflichtet fühlen. Doch dazu müsste die Branche den schönen Worten endlich Taten folgen lassen. Wenn alle paar Monate ein Londoner Wal durch die Oberfläche bricht und Starbanker ins Bodenlose stürzen, wird sich das Publikum hüten, den Banken zu vertrauen. Und solange trotz offensichtlicher Misserfolge Millionen-Boni gezahlt werden, wird ebenfalls nur Misstrauen zu ernten sein. Nachdem laut Umfragen drei Viertel der Schweizer Stimmbürger für eine Begrenzung von Managerlöhnen eintreten würden, sollten sich das auch UBS und Credit Suisse zu Herzen nehmen.

Apropos: Der Fall des Barclays-Bosses dürfte bei der CS ungute Erinnerungen wecken. Diamond war in den 1990er-Jahren für die Credit Suisse First Boston in New York tätig – bis er das Haus im Zorn verliess. Angeblich, weil ihm die 10 Millionen Dollar Bonus, die er dort verdiente, nicht genügten. Diamond soll für dieses Entgelt damals nur ein Wort übrig gehabt haben: Schäbig.

Anzeige